“I see by your fingernails, that you are my brother” – oder die dOCUMENTA (13) als Choreografie der Kunst

© Peter E. Rytz 2012

© Peter E. Rytz 2012

“I see by your fingernails, that you are my brother” – oder die dOCUMENTA (13) als Choreografie der Kunst

 Kassel, Stadthalle, 6.Juni 2012 um 12:04. CCB betritt die Bühne. Ein Raunen geht durch den Raum. Die Fotografenmeute nimmt das Objekt der Begierde ins Visier: Die künstlerische Leiterin der dOCUMENTA (13) Carolyn Christov-Bakargiev alias CCB. 100 Tage documenta im dOCUMENTA (13)-Format werden die (Kunst)Welt ab sofort in Atem halten. Viel ist im Vorfeld darüber spekuliert worden, wie sich diese documenta positionieren wird. Die Aussage  „Es gibt kein Konzept!“ von CCB hatte in den letzten Monaten in den Feuilletons reichlich Anlass für wilde Spekulationen geboten. Jetzt war die Stunde der Wahrheit gekommen. CCB gab sofort mit der eröffnenden Pressekonferenz die Richtung vor. Sie begann mit einer „Lecture“.  Sachlich nüchtern, ab und an unterkühlte Statements einstreuend, versehen mit einigen ironisch kritischen Selbstkorrekturen las sie mit professoraler Geste ihren Text den versammelten Gästen vor. 10, 15, 20 Manuskriptseiten ging das so, unterbrochen von lautmalerisch kommentierendem Umblättern: Skip, skip, skip! Nach weiteren 10, 15 Manuskripseiten wieder „Skip, skip, skip!“ Diese „Lecture“ war damit die erste Life-Performance der dOCUMENTA (13)! Nach schätzungsweise 30 gelesenen und ebenso viel nicht gelesenen Seiten war Schluss. Anschließende Fragen beantwortete sie mit Welt-Natur-Kunst-Statements, die von CCB als  nicht hinterfragbar angesehen wurden. Kunst, das konnte man aus ihren Worten deutlich heraushören, hat eine „heilende“ Funktion in dieser Welt und ihre „konzeptlose“ dOCUMENTA (13) folgt einer ganzheitlichen Choreografie, wo der Mensch selbst nicht der Mittelpunkt sein muss.

Ausgerüstet mit solchen Vorlesungsinhalten, Aufklärungsversatzstücken, Sätzen, die irritierend und verstörend nachklangen, begann die Entdeckungsreise dOCUMENTA (13) draußen und drinnen. Beim Betreten des Friedericianums wehte eine frische Brise durch die repräsentativen Flügelhallen im Erdgeschoß. Leere und Frische war der erste Eindruck. Mit dem zweiten ergab sich so etwas wie eine Weglenkung, eine Idee der Ausstellung, die das Leitmotiv „Collapse and Recovery“  der dOCUMENTA (13) kuratorisch formuliert.  Bronzen von Julio Gonzalez – „Homme gothique“ und „Tete plate“ – aus den 30ger Jahren des 20.Jahrhunderts als Reminiszenz an die Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau an diesem Ort sind die einzigen Objekte in den Räumen. Die spürbare Zugluft ist Ausdruck einer künstlerischen Intervention von Ryan Gander (Jahrgang 1976).  Mit „The invisible Pull“ werden zu erwatende, mehr oder weniger erfahrungsgesättigte Wahrnehmungen und Deutungsmuster „weg geblasen“. Kopf und Hirn sind frei für Neues. Es heißt ab sofort, Wahrnehmungen neu zu justieren. So befreit, öffnet sich das Gehirn, der „Brain“ der Ausstellung in der Rotunde mit dicht verschränkten und verstellten Arbeiten zwischen Heute (Objekte, die im libanesischen Bürgerkrieg beschädigt wurden), Gestern (Gemälde von Giorgio Morandi) und Vorgestern (Figurinen, sogenannte  Baktrische Prinzessinnen aus 2500 – 1500 v. Chr.). Das Vergangene ist nicht wirklich vergangen. Es zu erinnern, ins Heute zurück zu holen, formuliert mit „recovery“, beschreibt eine „dichte“ Wirklichkeit, die sich immer wieder neu darstellt.

Konfrontation und Affektion unterschiedlicher kultureller Lebenswelten bestimmen wie Fixpunkte den dOCUMENTA (13)-Parcours. Andererseits erscheinen Huntingtons  umstrittenen Thesen vom „Clash of civilization“ auf einmal wie Kommentare zu Arbeiten von Anna Boghiguian „Unfinished Symphony“ oder von Goshka Macuga „Of what, that is ist; of what is not, that is it not“. Im nächsten Raum kann es passieren, dass man sich im Facebook-Universum wähnt, wenn Ida Applebroog (Jahrgang 1929) persönliche Aufzeichnungen öffentlich macht, indem sie die Ausstellungsbesucher auffordert, sie als Kopien mitzunehmen. Parallel liefen, von ihr ausgestattete junge Leute mit Sprüche, wie „I see by your fingernails, that you are my brother“ oder „You are the patient, I am the real person“ zwischen den Ausstellungsbesuchern. Wer oder was ist gesund und wer nicht?  Schnell wird klar, die Erkundungstour dOCUMENTA (13) fordert mit jedem Schritt nicht nur physische Kondition, sondern „erwartet“ eine aktive Konditionierung des Selbst.

„Dreaming and drifting“ von Marcos Luytens und Raimundas Malasauskas ist so ein Angebot in der Karlsaue. In Hypnosesitzungen werden Arbeiten im Kopf des Einzelnen geschaffen, so er sich auf diesen Trip einlässt, die seine eigene Kreation sind.

Fiona Hall hat eine „falsche“ Jägerhütte aufgebaut. Zu sehen sind scheinbar ausgestopfte Tiere. Jagdtrophäen an der Wand? Camouflage statt Jägeridylle! Irritation zwischen Wirklichkeit und Vorstellung, zwischen dem, was wir gern hätten, was aber ganz anders ist. Naturerfahrungen, die unsere technischen Entwicklungen inspiriert haben, aber häufig dazu führ(t)en, die natürlichen Lebenszusammenhänge zu zerstören.

So auch bei Giuseppe Penone’s  Arbeit „Idee di pietra“, die schon seit 2010 in der Karlsaue steht und damit auch als programmtischer (Auf) Taktgeber der dOCUMENTA (13) verstanden werden kann. Ein Baum, der in seiner Krone einen mächtigen Stein trägt. Daneben ein kleines Bäumchen. Erst bei näherer Betrachtung erweist sich der Baum als Bronzeguss. An der eigenen Erfahrung zweifelnd „Wie kommt so ein großer Stein in den Baum und wie findet er Halt?“ wird die Täuschung aufgeklärt. Aufklärung, Täuschung, Reflexion, Orientierung, alles ordnet sich neu: „Collapse and Recovery“.

In dieser Form ist die Karlsaue ein Fundus von Möglichkeiten, die Welt „zu verstehen“. Nicht mit dem Kopf allein; wenn überhaupt dann aber nicht vorrangig. Empfindsamkeit, Empathie, seelische Balance sind Vokabeln, die dem nahe kommen, was zu sehen ist. Manon de Boer (Jahrgang 1966) hat in einer der über 30 Holzhütten die dreiteilige Audio-Video-Installation „One, two, many“ eingerichtet, die etwas von dieser Sinnlichkeit als Erfahrungsraum anbietet. Stimme, Sprache, Atmen bilden in Form von Gesang, Sprechtext und Flötenspiel einen Hör-Raum, der sich zu einem Seh-Raum „erweitert“. Diese Erweiterung ist weniger eine physische als eine seelische, die jenseits üblicher Harmonien eine Balance findet.

Umgeben und eingetaucht in einen fast mythisch verklärten,frühsommerlichen Nieselregen an diesem Junidonnerstag, wirken Installation, wie Sam Durant’s „Gallows Composite“ wie apokalyptische Wegzeichen. Nach Dimension und Architektur historische Galgen assoziierend, die als Hinrichtungsorte bewusst auf öffentlichen Plätzen aufgerichtet wurden, mischen sich diese Galgenkonstruktionen heimlich unter uns – und verstören. Wenige Schritte weiter laden Hängematten dazu ein, sich  in die Baumwipfel fort zu träumen. Aber ein Blick in die Wiese angesichts von  Apichatpong Weerasethakul’s geheimnisvoller Figur genügt, um ernüchtert zu werden. Weerasethakul eröffnet mit dieser Installation einen Erinnerungsraum, der von den politischen Auseinandersetzungen an der Grenze zwischen Laos und Thailand geprägt ist, uns aber jetzt an diesem Ort in der Karlsaue die Illusion einer Naturidylle verweigert.

In der Documenta-Halle überwältigt Thomas Bayrle mit seiner riesigen „Airplane“ von 8 x 13,4 m. Tritt man näher an die Wand heran, stellt man fest, dass das große Flugzeug sich aus vielen kleinen Flugzeugen zusammensetzt. Was ist wichtig? Was bildet ab? Was ist wirklich? Fragen, die verwirrend sind und ratlos machen. Nicht jede Frage muss/kann eine Antwort finden. Und wenn dann noch das Künstlerinnen-Duo Eva & Adele – „Wherever we are, is museum“ – durchs „Bild“ läuft, ist man mit der dOCUMENTA (13) auf dem richtigen Weg: „Collapse and Recovery“. Viele Wege, viele Orte, viele Worte, viele Bilder – dOCUMENTA (13) ist mitten im Leben angekommen.

10.06.2012

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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