Weil Ihr mich darum gebeten habt!

John Cage und die Oper? Wie passt das zusammen? „Weil Ihr mich darum gebeten habt.“ So seine lakonische Antwort, als er in einem Interview 1987 zu seiner Motivation gefragt wurde, die zu „Europeras 1&2“  geführt hatte. Frankfurt blieb es bis heute  vorbehalten, Cages Komposition, oder genauer seine vorläufigen  Spielanweisungen „Theater und Musik“, auf  die Bühne zu bringen.

Jetzt, ein Vierteljahrhundert später zu Ehren seines 100.Geburtstages  stellt Heiner Goebbels programmatisch „Europeras 1&2“an den Beginn seiner dreijährigen Intendanz der Ruhrtriennale  „International Festival oft the Arts“. Seinem Selbstverständnis folgend, das Raumangebot ehemaliger Industrieanlagen mit Arbeiten zu bespielen, die hier ihre außergewöhnliche Wirkungen entfalten können, setzt er mit „Europeras 1&2“ einen fulminanten Auftakt. In „Europeras 1“ wird die Jahrhunderthalle zu einem Kaleidoskop schier unerschöpflicher Bildfindungen. Fast im Minutentakt werden eindrucksvolle und assoziationsreiche Bühnenbilder geschaffen. Wobei geschaffen, eine ausgeklügelte  Bühnenarbeit beschreibt, in der Bühnenhandwerker als Teil der Inszenierung zu Darstellern werden. Es ist ein atemloser 90minütiger Lauf der Dinge, wo „Theater und Musik“ zu einem dichten Kosmos verschmelzen. Das Musikmaterial , das Cage aus urheberrechtlich nicht mehr geschützter Opernkultur entnommen hat, inszeniert Goebbels als ein sich selbst dynamisierendes Gewebe. Dazu gehören auch die Geräusche der wechselnden Bilderaufbauten. Sie ihrerseits sind häufig selbst Gewebe aus transparenten Stoffen. Durch unterschiedliche Beleuchtungsperspektiven entstehen mitunter phantastische dreidimensionale Strukturen. Mythen und Märchen, Erzählungen und Geschichten einer mehr als hundertjährigen Musikkultur werden zitiert. Vexierbilder und Assoziationsräume beeindrucken und reflektieren Dimensionen von Zeit und Tempo. Mit Beginn der Aufführung ist auf  bis zu act Digitaldisplays die vergehende Zeit sichtbar. Aufführungszeit und Lebenszeit verschränken sich. Für alle gleich, für Darsteller und Zuschauer respektive Zuhörer. Auch die Uhr, die Anri Sala im Rahmen von dOCUMENTA 13  in die Karlsaue in Kassel gestellt hat, ist eine Zeitanzeige. Allerdings in einer irritierenden Ansicht, die sich erst „normalisiert“, wenn man die Perspektive ändert. Perspektiven von dem zu ändern, was wir vermeinen zu hören, damit wir mehr hören, ist eine wesentliche Überzeugung von Cage. In diesem Verständnis sind komponierte Musik und Geräusche des Alltags nur unterschiedliche Aggregatzustände. Sie sublimieren Erfahrungen von Welt, wie sie sich im Großen (der Geschichte und Politik) und im Kleinen (der Menschen und Milieus) darstellen.

Dieser unendlichen Vielfarbigkeit und dem unendlichen Klangkosmos der Töne hat Goebbels in seiner Inszenierung einen furiosen Spielraum ermöglicht. In einem Parforceritt werden kraftvolle musikalische Akzente gesetzt, die mit wechselnden Bildangeboten verwoben sind. Kaum sind sie erstanden, verwandeln sie sich im nächsten Moment.

In der Zusammenarbeit mit Heiner Müller vor mehr als zwanzig Jahren hat Goebbels in „The man in the Elevator“ Zeit als atmende Vergeblichkeit komponiert. Für „Europeras 2“ als Teil der Cage-Komposition nach der Pause hat Goebbels zur Bildfülle des ersten Teils mit der Statik einer idealtypischen  italisierenden  Bildperspektive einen massiven Kontrapunkt gesetzt. Nur noch die Ariengesänge hauchen dem einen Bild Leben ein. Vielleicht ist Leben so, gerade heute. Überflutet von Bildern, ständig von chill-out-Musik beschallt, hat der einzelne Ton es schwer, wahrgenommen zu werden. Mit „Europeras 1&2“ sensibilisert uns Heiner Goebbels für Cages wesentliche Frage: Was hörst Du?

 15.08.2012

Photo streaming: Europeras 1&2

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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