„12 Rooms“- Ermöglichungsräume im Folkwang Museum Essen

© Peter E. Rytz 2012

© Peter E. Rytz 2012

Museen sind zweifelsohne vielfältige Ermöglichungsräume. Orte des Sehens, die unsere Wahrnehmung auf die Probe stellen. Wer hat nicht schon einmal vor einem fotorealistischen Gemälde von Franz Gertsch verunsichert gestanden: Fotografie oder Malerei? Oder das Ölbild „Pygmalion“ von Jean-Leon Geraumes (1824 – 1904), der versuchte, die Dreidimensionalität der Skulptur in der Malfläche darzustellen und sie durch seinen Kuss zum Leben zu erwecken: Leben oder Bild?

Wer in diesen Tagen (noch bis zum 26.August 2012) das Folkwang Museum in Essen besucht, wird die von Klaus Biesenbach und Hans Ulrich Obrist kuratierte Live Art-Ausstellung „12 Rooms“ im Rahmen der Ruhrtriennale kaum übersehen. Und wird in seiner Wahrnehmung von Raum zu Raum verunsichert. Von 12 Künstlern und Künstlerinnen haben  12 Räume mit „lebenden“ Skulpturen gestaltet. Eine Frau, die Schwerkraft scheinbar außer Kraft gesetzt, schwebt in „In Just a Blink of an Eye“ von Xu Zhen im Raum. Yogaübung oder Augentäuschung?  In Laura Limas Arbeit „Men = flesh/Women flesh – FLAT“ ist der Raum bis auf einen Bodenschlitz verschlossen. Wer etwas sehen möchte, muss sich flach auf den Boden legen und im Halbdunkel des dahinter liegenden Raumes Seharbeit leisten. Nur im Liegen zu sehen: Liegend Mann oder Frau? Empathie auf allen Ebenen erzeugt erst ein Abbild. Damian Hirst hat zwei eineiige Zwillinge lesend auf einen Stuhl gebeten. Über ihnen eine scheinbar identische Arbeit mit farbigen Punkten. Bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass sie nicht identisch sind. Die Zwillinge sind genetisch identisch. Als Persönlichkeit sind sie authentisch individuell. Es ist ein irritierendes Vexierspiel, mit dem die Zwillinge Jeden beim Betreten lächelnd begrüßen – und ihn in seinem Schauen und Staunen allein lassen.

„12 Rooms“ bietet unterschiedliche Versuche, die Wirklichkeit um uns und in uns zu erkunden. In der Arbeit von Joan Jones „Mirror Check“ aus dem Jahre 1970 werden Formen dieser Selbsterkundung gezeigt. Eine nackte Frau erkundet mit einem Spiegel in den Händen auch die Teile ihres Körpers, die nur mit solch einem technischen Hilfsmittel sichtbar werden. „Mirror Check“ hat nichts von seiner unmittelbaren Permanenz seitdem eingebüßt. Wir sind immer noch mit unseren  kongruenten Körpern in einer sich ständig verändernden Welt, ohne uns in ihm wirklich zu (er)kennen.

Hans Ulrich Obrist erzählte zur Eröffnung von seiner jugendlichen Begegnung mit Eugene Ionescos über Jahrzehnte gespielte Inszenierung „Warten auf Godot“ in Paris. Diese Inszenierung sei wie Marmor, so Ionesco. Über die Jahre und nach vielen Ausstellungsprojekten hat Obrist diesen Marmor-Gedanken, aus dem die klassische Skulptur besteht, mit sich herum getragen. In der Begegnung mit Klaus Biesenbach fand diese Sequenz vor Jahren einen kongenialen Kommunikator. Anders als einst Pygmalion, der vergeblich versuchte,  dem Bild Leben einzuhauchen, haben Biesenbach und Obrist mit „12 Rooms“  gewissermaßen Tableaux Vivants geschaffen, die sehr lebendig sind. Nur für den einen Moment verstecken sie ihre Lebendigkeit. Vielleicht allein, um uns im Hier und Jetzt zu vergewissern, wo wir sind du was wir (wirklich) sehen (können). Danach gehen sie nach Hause und legen sich schlafen. Sie wechseln in den Tagen bis zum Ausstellungsende nur die Seiten: Betrachter und Betrachtete.

Photo streaming: 12 rooms

 18.08.2012

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Über Peter E. Rytz Review

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