Zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang während der Ruhrtriennale 2012

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Sonnabends, morgens um 5 Uhr geht es normalerweise auch auf den Straßen des Ruhrgebiets etwas ruhiger zu. Auf den Zufahrtswegen zur Jahrhunderthalle in Bochum ist es an diesem sommerlichen Augustmorgen aber irgendwie anders. Die frühmorgendliche Schläfrigkeit ist einer erwartungsvollen Stimmigkeit der sich zur Jahrhunderthalle bewegenden Gruppen von Menschen gewichen. Der Nachthimmel beleuchtet eine Szenerie, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Die Ruhrtriennale 2012 hatte mit „Cesena – einem Tanzstück bei Sonnenaufgang“, wie sich herausstellen sollte, zu einer Meditation über die Zeit eingeladen. Und viele wollten diese Erfahrung machen, die man eigentlich auch zuhause haben könnte. Im Nachdunkel sitzend das langsame Hellwerden als ein Aufatmen der Seele zu erleben. In der Jahrhunderthalle schaffen Anna Teresa De Keersmaeker und Björn Schmelzer mit den Tänzern und Sängern von „ROSAS und graindelavoix“ mit „Cesena“ einen temporären Wahrnehmungsraum der Sinne. Nachdem die Beleuchtung erloschen ist, nur durch das Glasdach ist das Morgenlicht zu ahnen, wird die Stille in einem archaisch anmutenden Gesang fortgetragen. Schritte, Laufschritte, schlurfende Bewegungen vermengen sich mit dem Gesang. Schattenhafte Bewegungen sind mehr zu ahnen denn zu sehen. Aber nach und nach adaptiert das Auge die Dunkelheit; es entstehen unvollständige Bilder, die die Phantasie vervollständigt. Gesang und Bewegung ziehen einen Vorhang auf, der immer mehr Licht ins Dunkel von „Cesena“ lässt. In der Inszenierung, die in Avignon uraufgeführt wurde, assoziiert Cesena als ein Ort in der italienischen Region Emilia-Romagna auch einen programmatischen  Kontext von hell und dunkel, der in den blutigen Auseinandersetzungen von Papst und Gegenpapst im 14.Jahrhundert seinen historischen Hintergrund hat. So wie die Halle lichter wird, werden die Gespenster der Geschichte und des Dunkels zu lebendiger Gegenwart. Waren bis dahin Musik und Tanz ein geheimnisvoller, nicht genau Personen zuzuordnender Raumklang-Kosmos, entstehen im Dämmerlicht des beginnenden Sommermorgens kraftvolle Bilder. Umso heller es wird, umso unbestimmter die Orientierung: Wer singt und wer tanzt? Ist es diese sich langsam einstellende  Erkenntnis, dass Sänger Tänzer und  Tänzer Sänger sind, die uns fast wie im Trance den Morgen als Zusammenklang erfahren lässt? Oder sind wir nur heller wach, bewusster wach geworden als sonst?

Dieser mythisch anmutende und verklärte  Lichtwechsel hatte dann abends in „En Atendant“, jetzt im Warten auf die Dunkelheit eine Entsprechung. War der Weg am Morgen ins Helle, einhergehend  mit dem sich erhöhenden Puls der Tagesgeschäftigkeit, eine Sehnsuchtshoffnung,  war es abends ein Warten auf unbestimmtes Dunkel. De Keersmaeker und Schmelzer inszenieren diesen Übergang in zeitverzögerten Bewegungen des Ensembles „Cour et Coeur“ und sparsamen, einsamen Gesängen. Olalla Alemain singt, begleitet von Bart Coen auf der Blockflöte und An Van Laethem auf der Geige, in unterschiedlichen Tempi variierend und wiederholend die Ballade „En Artendant“ von Philipus de Caserta aus dem 14 Jahrhundert. „Das Warten bereitet mir tiefe Pein…“ Einerseits freudiges Erwarten des Lichts, andererseits von zwiespältigen Gefühlen geprägtes Warten auf die Dunkelheit: Der Rhythmus von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang garantiert Leben. So widersprüchlich es im Alltag von jedem auch erlebt wird, haben uns De Keersmaeker und Schmelzer an diesem Tag im August 2012 in Bochum etwas Außergewöhnliches erfahren lassen.

Photo streaming: Cesena/En Atendant

 27.08.2012

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Über Peter E. Rytz Review

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