Prometheus, das Altgriechische und der Regen

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Prometheus, die Magie seiner helfenden Kraft für die Menschheit als Glück und Unglück musiktheatralisch zu gestalten, faszinierte Carl Orff über Jahre. Da wagt einer die Macht in Form des Gottesvater Zeus herauszufordern, bringt den Menschen das Feuer und muss dafür unendlich leiden. Von Aischylos aufgeschrieben, vielfach weitererzählt, fortgeschrieben bis heute.

Für Orff war der altgriechische Text nicht nur eine semantische Herausforderung, sondern in ihm sah er die Möglichkeit, Sprache, Rhythmus und Musik mit einander zu einem sinnlich erfahrbaren Ermöglichungsraum von Menschheitsgeschichte zu verbinden.

Traditionen und Mythologien verschiedener Kulturen haben diesen Text umkreist, versucht ihn zu verstehen, ihn zu deuten oder Erzählperspektiven anzubieten. Lemi Ponifasio, in seinen Theaterarbeiten auf der Suche nach den Wurzeln seiner pazifischen Herkunft im Theater der Welt, konnte sich für seinen „Prometheus“ im Rahmen der Ruhrtriennale 2012 keinen besseren, kraftvolleren Ort, als die Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord aussuchen. Auch er vertraut dem altgriechischen Original in Sinne einer Parasprache, die, den Inhalt der Prometheus-Erzählung voraussetzend, die Zuhörer in einem Musik-Text-Strom an Bord nimmt. Alle Wettern, Wellen, Windstillen hilflos ausgesetzt, das Altgriechische allein als Melodie eines Orakelns und Lamentierens verstehend, geleitet sie Ponifasio in seiner Inszenierung zwar durch manche Klippen und Untiefen. Allein die Verzweiflung, die Angst, die Qual, das schicksalhaft Unbehauste, es war und blieb im Raum.

Das anschwellende Grollen noch vor dem ersten Paukenschlag, die fast schmerzhafte Reflexion eines einsamen Scheinwerferlichts in den Gesichtskreis der Zuschauer, die archaische Statik des Erzählungsflusses, unterbrochen von diskantischer  Schärfung wiederkehrender memento mori-Beschwörungen, bildete einen beängstigenden Kanon verirrter und verwirrter Emotionen. Manchmal  war nicht klar, was mehr zu bewundern war, die wie gemeißelt ablaufenden Gesänge und Sprechgesänge der Sänger und Schauspieler (und Laien) in ihrer Präzision eines Schicksal-Metronoms oder die souveräne Übersicht im Dirigat von Peter Rundel. In dem babylonischen Stimmengewirr Richtung zu halten, hatte zuweilen etwas von den Irrfahrten und Abenteuern des Odysseus. Kampf, Strategie, Lösung – und nächste Prüfungen.

Auf dem Weg in die Kraftzentrale, vom Regenüberrascht, waren die 150 Minuten nicht ausreichend, mich zu trocknen, zu wärmen. Vielleicht lag es einfach daran, dass das Bemühen, zu verstehen, von vorn herein zum Scheitern verurteilt war. Es gab nichts zu verstehen. Unterkühlte Distanz schlich sich offenbar in meine Sachen. Beim Verlassen der Kraftzentrale war meine Jacke kein Stück trockener geworden.

Photo streaming: Prometheus

16.09.2012

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Über Peter E. Rytz Review

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