Mensch, sei Du selbst! – Peer Gynt in Düsseldorf

Wenn vom Wie einer lebensnahen Kulturvermittlung die Rede ist, wird es manchmal merkwürdig verdruckst, vor allem dann, wenn sie zu einer Rechtfertigungsrede mutiert. Gestern Abend konnte man dagegen in der Tonhalle Düsseldorf erleben, wie einfach es gehen kann. John Fiore erzählte launig, spielerisch leicht die Geschichte von Peer Gynt nach einem Epos von Henrik Ibsen. Allein wie er das Geschichtenerzählen mit der musikdramatischen Komposition Edward Griegs verband – auf dem Klavier Themen der einzelnen Abschnitte episodisch intonierte, einzelne Solopartien sang -, versprühte so viel musikantische Freude und Vitalität, war so erfrischend uneitel, allein der Einstimmung auf die Musik verpflichtet, dass das freudige Strahlen in den Augen der Zuhörer die Rotunde der Tonhalle noch ein Stück heller zu erleuchten schien.

Am Pult wurden die kleinen Einführungsgesten Fiores, die ja Appetit auf den großen Peer Gynt machen sollten, zu einem kraftvollen, emphatischen Dirigat, so als wolle er uns damit helfen, die Odyssee Per Gynts von naiver Heiterkeit bis tragischem Nicht-Verstehen-Können mit Händen greifen zu können. John Fiore, in New York geborener Amerikaner italienisch-norwegischer Abstammung, ist ein ideale Kommunikator, um die bis in die Mitte des 20.Jahrhunderts verbreitete Haltung, Peer Gynt sei ur-norwegisch und deshalb in seiner Rezeption lokal begrenzt, zu widerlegen. Quer durch Europa, von Italien bis Skandinavien haben sich Musik und Literatur schon immer motivisch beeinflusst. Wie Fiore in der Einführung die norwegische Sprache extemporierte, die fremde Sprache als Klangbild zeichnete, so gelang es ihm im Konzert, die original norwegisch gesungenen Soli und Chöre mit den deutschen Sprechtexten kongenial zu verbinden. Wunderbar die Sprechkünste von Johann von Bülow – sonores Timbre mit variablen Untertönen -, Stefan Wilkening – unterschiedlichste Stimmungen lautmalerisch ausdrucksstark modulierend – und ebenso in ihrer sprachlichen Souveränität Laura Maire. Die Sopranistin Mariann Fjeld Olsen gab Solveig und Anitra einen lyrisch differenzierten Ausdruck, der ebenso wie das einzige Solo Peer Gynts  (Peer Gynts Serenade), gesungen vom Bariton Espen Langvik, das Publikum zu stürmischen Szenenapplaus animierte.

Mit diese Haltung und Interpretation führte John Fiore vor, wie gute Musik, gestern komponiert, im Hier und Heute ihren Platz behaupten kann. Man muss den Satz Ohne Vergewisserung der Vergangenheit gibt es keine Zukunft nicht als Mantra vor sich her tragen, um eine Idee davon zu bekommen, was es heißt, in einer globalisierten, hochkomplex organisierten Welt Orientierung zu finden.

Alles, was ich gedichtet habe, hängt eng mit dem zusammen, was ich durchlebt, wenn auch nicht erlebt habe. Dieses Selbstbekenntnis von Ibsen könnte uns eine Wegweisung sein, um uns mit Peer Gynt in dieser Welt zu verorten – aber sich nicht in ihr zu verlieren. Peer Gynt folgt nämlich bei seinen Reisen nicht geradewegs dem avisierten Ziel, sondern geht, wie ihm der Krumme als Verführer der Trolle geraten hat, außen herum. Sei Dir selbst genug!  Peer Gynt unterliegt dieser trügerischen Verführung, wähnt sich als Kaiser Petrus Gyntus Ceasar fecit (Nachtszene) oder als Prophet Der Prophet, der Meister, der niemals irrt (Arabischer Tanz).Und so verliert sich Peer Gynt auf seiner Reise, an deren Ende ihm eine mephistophelische Figur eine nüchterne Bilanz zieht: Du bist ja nie Du selbst gewesen.  Erlösung kann allein Solveig geben (Solveigs Wiegenlied). So rastlos wie Peer Gynt durch die Welt geirrt ist, so unbeirrt hat Solveig in fester Überzeugung gewartet: Du warst in meinem Glauben, in meiner Hoffnung, in meiner Liebe. Erlösung durch moralisches Handeln, durch die Liebe einer Frau, einzelne Motive erinnern an Goethes Faust (Und bei einem Dichter von Rang steht geschrieben: Das ewig Weibliche zieht uns an!, 4. Akt). Henrik Ibsens Imperativ: Mensch, sei Du selbst! durchzieht dann auch programmatisch diesen Peer Gynt in Düsseldorf. Sich auf so charmante Art und Weise auf eine solche märchenhaft wahrhaftige, aber auch anspruchsvolle Zeitreise mitnehmen zu lassen, wie das John Fiore mit den Düsseldorfer Symphonikern und dem Chor des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf organisiert haben, spricht sowohl für Fiore wie gleichermaßen für Edward Grieg und Henrik Ibsen. Norwegische Musik, deutscher Text, amerikanisches Understatement mit italienischen Wurzeln machen Appetit auf mehr davon.

 16.10.2012

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Über Peter E. Rytz Review

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