John Cage spielt mit der Welt. Spiel mit. Das Festival zum Cage-Jahr der Düsseldorfer Tonhalle

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Mit fliegender Frackjacke hastete der Dirigent Roland Techet am Sonntagabend durch das Foyer des museum kunst palast in Düsseldorf. Eben hatte er noch im ersten Stock November ‚52 von Earle Brown mit dem Sinfonieorchester der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf dirigiert. Kurz darauf stand er schon auf der Bühne des Robert-Schumann-Saals, um Das Festival zum Cage-Jahr der Tonhalle Düsseldorf mit dem ersten Konzert Imaginary Landscape I „Fest“ zu eröffnen. Am Ende des Konzerts wird er sich gegen 22:30 Uhr beim Publikum bedanken: Für die Wahnsinnigen, die noch nicht genug haben, gibt es jetzt im Foyer noch eine Zugabe! Und viele blieben, um sich noch einmal mit einem Speech von Brown, diesmal November ‚52 in eine milden Oktobernacht entführen zu lassen. Dami war noch einmal Gelegenheit, die von Herbert Willems im Foyer eingerichtete Klanginstallation Bird Cage von John Cage im Ohr auf dem Nachhauseweg mitzunehmen.

Roland Techet, der zusammen mit Elisabeth von Lilewa auch für die Prorammgestaltung des Festivals verantwortlich ist, war als spiritus rector von Imaginary Landscape I an diesem Abend ständig FEST in Aktion. In Imaginary Landscape, Kompositionen für vier Spielerprobierte Cageerstmals elektronische Möglichkeiten zur Klangerzeugung aus. Diese Constructions (1 – 3) bildeten auch das Rückgrat des Programms. Energievoll und gleichzeitig differenziert in der Klangerzeugnis mit einer Vielzahl von Schlaginstrumenten (Cage hatte eine große Sammlung von Schlaginstrumenten, die er für seine Kompositionen verwendete; vieles davon ist nicht mehr eindeutig rekonstruierbar), wurden sie von Techet als  programmatischer Fixpunkte inszeniert; dabei den Untertitel des Festivals John Cage spielt mit der Welt. Spiel mit. assoziierend .

Dirigierte er nicht das Orchester oder das Vokalensemble Anima Mundi, begleitete er vom Flügel aus die Sopranistin Alexandra von der Weth bei ausgewählten Liedern von Erik Satie und Charles Ives. Alexandra von der Weth gestaltete ihren Liedgesang zu einer Inszenierung mit tief auslotendem Sopran und mit einer körperlichen, mitunter erotisch aufgeladenen Präsenz. Mit ihren Händen umspielte sie beispielsweise in Les fleurs und Elegie von Satie den Notenständer in Gesten liebevoller Umarmung. Noch bevor sie den ersten Ton sang, wurde das Publikum Zeuge, wie sie sich auf das jeweilige Liedtemperament einstellte, ja geradezu auch körperlich hineinbegab. Dass von John Cage zitierte happy new ear als Ausdruck, aufmerksam dem zu zuhören, was klingt, denn das, so Cage, sei alles Musik. Anders formuliert, kann das gleichzeitig auch verstanden werden als Aufforderung, dort hin zu sehen, wo das Leben zuhause ist. An Alexandra von der Weth auf der Bühne konnte man an diesem Abend weder weghören noch wegsehen.

In Christian Wolffs  For 1, 2 or 3 people für Stimme, Klavier und Schlagzeug durchwehte das Zusammenspiel von Roland Techet mit Ralf Zartman (Schlagzeug) und mit von der Weth der Hauch eines Happenings. Musizieren, auch schauspielern, singen, spielen mit der Stimme. Alexandra von der Weths tanzendes Singen und singendes Tanzen waren wie ein Malstrom der Gefühle, der sich von der Bühne auf das Publikum ergoss.

Engagement und Begeisterung von Roland Techet für sein Konzert war bis in die Umbaupausen jederzeit spürbar. Cages Constructions  als Zentrum des Konzerts konfrontierte er mit Kompositionen musikalischer Vorbilder (Erik Satie), mit Werken von Charles Ives und Edgar Varese – seine Ionisation von 1931, die Cages Kompostionen für Schlagwerke wesentlich inspiriert haben, entlud sich im Robert-Schumann-Saal kraftvoll und lyrisch wie ein kosmisches Energiefeld – als Wegbereiter der minimal music sowie mit Arbeiten von heute lebenden Komponisten (Kunsu Shim, Christian Wolff, Gerhard Stäbler).

Vielleicht auf dem ersten Blick überraschend, aber mit den a-cappella-Kompositionen für jeweils 12 Stimmen von Kunsu Shim (Uraufführung von here to me I + II) und Gerhard Stäbler (Burning minds) erzeugte das Ensemble Anima Mundi durch lange Generalpausen gedehnte Klangräume, die, ähnlich wie in Cages 4‘33‘‘, Klänge im Kopf des Zuhörers imaginiert, wo eigentlich nichts zu hören ist. Vielleicht waren es diese feinen Assoziationen, indem sie immer wieder auf Cage verwiesen, die das Konzert so lebendig machte. In seine Notate Silence von 1961 formulierte Cage: Unsere Absicht ist, dieses Leben zu bestätigen…..,das wir leben…. Und es einfach von sich aus agieren lassen.

Den vielen lächelnden und schmunzelnden Gesichtern im Publikum konnte man durchaus entnehmen, dass dieses Konzert sie mitten im Leben erreicht hat.

23.10.2012

Photo streaming: Studie Alexandra von der Weth

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Konzert veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s