Von der Kunst der Kommunikation – JazzFest Berlin 2012

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In Krisenzeiten ist der Aufruf zum Sparen oft nicht weit. Als bevorzugtes, von Ökonomisten und Pragmatikern schnell dingfest gemachtes Einsparpotential gilt vielen wie selbstverständlich die Kultur. Solchermaßen öffentlich zur Disposition gestellt, lassen sich auch Künstler, im falschen Glauben den Wert von Kultur in einer demokratischen Gesellschaft  durch vorauseilendem Rechtfertigungsgehorsam verteidigen zu müssen, in eine Argumentationsfalle locken. So meldeten sich im Laufe des Jahres auch Jazzmusiker in den Feuilletons zu Wort und ergingen sich in merkwürdig bizarr geführte Diskussionen hinsichtlich ihres künstlerisch kreativen Anspruchs, ihres sozialen Status sowie einer adäquaten Honorierung. Aber letzten Endes ist es wie im richtigen Leben. Reden, Argumentieren, Lamentieren verhallen als Worte im Aufmerksamkeitsdschungel schneller, als sie von denen gehört werden, die sie hören sollten.

Jazzmusik, wie Musik überhaupt kann allein durch Tonsätze, weniger durch Wortsätze überzeugen. Das gelingt vor allem dann, wenn sie Zuhörer findet. Von daher war es eine spannende Frage, welche hörbare Antwort das JazzFest Berlin 2012 unter der neuen künstlerischen Leitung von Bert Noglik geben würde. Und die Antwort war in mehrfacher Hinsicht eindeutig. Nicht nur das die meisten Konzerte kurz nach Vorverkaufsbeginn ausverkauft waren, Noglik entwarf ein Programm, das auf Kommunikation setzte. Improvisation und Komposition in eine musikalisch kommunikative Balance zusammenzuführen, ist der Groove, mit dem der Jazz mit seinen unterschiedlichen Facetten Musiker und Zuhörer seit mehr als 100 Jahre gleichermaßen in Klangwelten entführt, in denen das Leben passiert. So durchzog Kommunikation wie ein roter Faden das JazzFest Berlin 2012. Ausgehend von musikalischen Erben, wie in Projekten der Pianistinnen Julia Hülsmann mit Remembering Jutta Hipp und Geri Allen mit Tribute to Mary Lou Williams wurden nicht nur mitunter tragisch vergessener Jazzpianistinnen erinnert, sondern mit der Erinnerung wurden musikalische Improvisationsbrücken in die Gegenwart geschlagen. So ungewiss, unsicher, brüchig Leben auch immer sein kann, für solcherart musikalische Lebenserweckung hätten sich schon diese Konzert gelohnt, um ausreichend Argumente für das Lebensmittel Jazz mit nach Hause zu nehmen. Mit Wanted! Hanns Eisler inszenierten Das Kapital ein kraftvolles Katz-und Mausspiel mit der Rezeption der Musik Hanns Eislers. Musikalische Avantgarde und ideologische Überanstrengung liegen in vielen künstlerischen Postionen des 20.Jahrhundert nahe bei einander. Das Kapital, der Name der Gruppe, allein schon provokant programmatisch, schien ihren musikalischen Ambitionen aber nicht ausreichend. Zum vom französischen Schlagzeuger Edward Perraud angetriebenen, kraftvollen Eisler-Befragungs-Dauerlauf lief ein Video von Manic Cinema, das mit bedeutungsschwangeren Sätze, wie Willkommen in der Zukunft!, banal und überflüssig wirken musste.

Wie durch ein in weiten Teilen fast kammermusiklisch konzipiertes Projekt Erinnerung gesprächsfähig gemacht werden kann, zeigte Günter Baby Sommer mit Songs for Kommeno. Vor einigen Jahren zu einem kleinen, intimen Festival im griechischen Kommeno eingeladen, wurde er vor Ort nichtsahnend mit der barbarischen Vernichtungsgeschichte des Dorfes wie mit einer Keule getroffen. Songs for Kommeno nimmt diesen Keulenschlag sehr direkt auf. Eingesperrt in einem ausufernden perkussiven  Arsenal, schlägt der Klangmagier Sommer auf Gongs, Klangstäben, Bleche und Becken ein, als würde nur so der Fluch der Vergangenheit zu bewältigen sein. Gemeinsam mit der empathisch singenden und improvisierenden Vokalistin Savina Yannatou, dem ebenso perkussiv wie Bass spielenden Spillos Kastanis, dem feinnervigen Saxofonisten Floros Floridis und dem mit folkloristischem Verve auf der Oud und Dem Yayli Tanbur inspiriert spielend Evgenios Voulgaris wob Sommer einen musikalischen Teppich, ausgelegt als Wegmarkierung. Sie zu verfehlen, ist mit Songs for Kommeno nur als fahrlässige Variante denkbar.

Die Konzerte der Jazz-Heroen Archie Shepp und Wayne Shorter waren Beispiele für die hohe Kunst der Kommunikation, im Musikalischen, wie im gelebten Leben. Lebendigkeit hat ein Geheimnis und das heißt Veränderung. Nur so erklärt sich, dass Musiker wie Shepp und Shorter, vom Blues der afroamerikanischen Community geprägt, so musikalisch unterschiedliche Wege zwischen FreeJazz und Jazz-Rock sie auch gegangen sind, sich jetzt mit 75 bzw. 79 Jahren ihren Wurzeln souverän annähern, sie variieren und hörbar frei interpretieren können. Ob sie dabei wie Archie Shepp mit Musikern arbeiten, die mehr oder weniger Weggefährten ihrer Generation sind, oder wie Wayne Shorter, eher mit Jüngeren ihr musikalisches Unwesen treiben, ist für eine nachhaltige Kommunikation nicht wichtig. Allein die vitale Kraft, die die Bühne zu einem Kraftwerk macht, die Zuhörer anschließt, sie mit Energie versorgt, gibt eine Idee davon, was alles möglich ist, wenn sie sich auf Kommunikation mit Anderen einlässt.

Zu erwähnen wären auch, der Posaunist Nils Wogram in Interaktion mit Simon Nabatov (Piano), der Multiinstrumentalist und Schamane Famoudou Don Moye im Dialog mit dem Wort- und Klang-Poeten Harmut Geerken, sie alle gaben während dieser vier Tage und Nächte im November in Berlin so viele Kommunikationsanlässe, dass ein langer dunkler Winter kommen kann. Mit den Impromptus von JazzFest Berlin 2012 im Gepäck sollte es leicht sein, Hörzeiten abzurufen, wann es not tut, und sie mit anderen zu teilen.

Photo streaming „JazzFest Berlin 2012“

09.11.2012

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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