What you see is what you see! Frank Stella – Die Retrospektive im Kunstmuseum Wolfburg

Foto: © Peter E. Rytz  2012

Woman in front of Frank Stella, Bafq, 1965 © Peter E. Rytz 2012

 

Wolfsburg ist eine merkwürdige Stadt. Altmodisch und modern zugleich; aber wie aus allen Zeiten gefallen. Zuerst waren die Autos; danach kam die Stadt. Wie auf einem Schachbrett strategisch geplant und gebaut, entstand eine ökonomische Infrastruktur des Zweckmäßigen. Arbeit und Leben bildeten über Jahrzehnte eine symbiotische Gemeinschaft. Stabil, verlässlich, effizient. Alles orientiert am Autobau. Als sich Arbeits- und Lebensansprüche nicht mehr so ohne weiteres in Deckung bringen ließ, Wolfsburg für manchen zu eng wurde, bekam der Bahnhof einen ICE-Anschluss in die kulturellen Milieus nach Hannover und Berlin. Ein eher mittelmäßiger Fußballverein wurde mit dem Geld der Autobauer zum Meister gemacht. Und mit einem eben solchen finanziellem Engagement wurde 1994 ein Kunstmuseum gebaut. In das Kunstgebilde Stadt Wolfsburg zog die Kunst ein.

Dass jetzt gerade hier anlässlich des 75. Geburtstages von Frank Stella eine Retrospektive mit Werken von 1958 bis 2012 gezeigt wird, ist wie eine charmant  nüchterne Referenz an das So-Geworden-Sein von Wolfsburg. Stella benutzte für seine ersten Arbeiten, den Black Paintings, mit denen er die Moderne 1959 durch den Haupteingang eindruckvoll und nachhaltig betrat, Material und Farben, die er in seinem Nebenjob als Anstreicher auch verwendete. Handwerk als Voraussetzung für ein gutes Ergebnis. Das gilt für das Produkt Auto ebenso wie für die Dienstleistung Anstreichen. Automobilität als funktionale Qualität reichte irgendwann nicht mehr aus, um das Produkt zu verkaufen. Das Auto erweiterte seine Funktion um die eines Transportmittels für Lebensgefühl und Status.

Frank Stella erweiterte seine Anstreichformate inhaltlich und befreite sie – und damit sich selbst – aus einem allein funktionalen Dienstleistungszusammenhang. Er begann seine malerische Weltentdeckung. Er suchte dabei nicht nach Anschlussperspektiven an die damalige Moderne. Er fand und erfand die Linie als eigenständige Ausdrucks- und Erzähllinie.

Man könnte auf dem ersten Blick geneigt sein, seine ersten Arbeiten als Malstrichübungen abzutun, wären da nicht diese von den Linien ausgehenden Sogwirkungen, die sich beim Betrachten seiner frühen Arbeiten schon nach kurzer Zeit einstellen, so als böten sie sich unversehens als Meditationsraum an. Nicht tiefenpsychologisch intendiert, sondern unmittelbar und direkt aus der Wahrnehmung des Bildes. Seine 1966 im Gespräch mit dem Kunsthistoriker Bruce Glaser formulierte Feststellung What you see is what you see wirkt als sein Credo bis heute fort. Was er sah, hörte, las, reihte sich in immer wieder neu zusammenführenden Linienstrukturen. In Requiem for John Stompanato (1959) folgen die Linien einer inneren, unbeirrbaren Symmetrie, die dem äußeren Anlass, die mit der Bildunterschrift eine Geschichte assoziiert, nämlich die Ermordung Stompanatos durch die Tochter seiner Geliebten, der Schauspielerin Lana Turner, entgegensteht. Wie das Meer seine Wellen unabhängig zeitlos von menschlichen Dramen und Emotionen an das Ufer schlägt, geht das Leben seinen weiteren Gang.

In der nächsten Schaffensphase verlassen die Linien den rechteckig definierten Rahmen, erweitern sich zu mehreckigen Formaten. Arbeiten wie Lake City  oder Telluride (1960/61) scheinen wie erste Versuche, Raumerfahrungen in der Fläche auszudrücken. Die Transformation der Linie zu Streifen, ihre implizite Überführung in farbige Kreis- und Bogenflächen sowie in den 1970ger Jahre ihre Ausweitung in den Raum haben eine überzeugende Konsequenz. Ist in Rabat (1964) oder Bafq (1968) schon der Drang spürbar, Kanten und Geraden mit organischen Bögen zu versöhnen, wird mit Ende der 1960ger Jahre  Stellas Kommunikationsbedürfnis umfassender, farbiger, raumgreifender. In knapp 10 Jahren hatte Stella der modernen Kunst seinen Fußabdruck nachdrücklich hinzugefügt.

Das, was man sieht, ist ja in der Regel immer räumlich. Die Öffnung seiner Arbeiten in den Raum hinein war eine folgerichtige und damit weitere Konsequenz von Weltaneignung mit seiner gewachsenen, künstlerischen Ausdruckspalette. Doch letztlich geht es in der Kunst immer darum, Raum zu schaffen…Raum, in dem der Gegenstand des Bildes leben kann (Stella). Drängt das Bild aus der Fläche in den Raum, verifiziert es den Raum. Sein Kommunikationscharakter verändert sich grundsätzlich. Sehen, was ist, heißt auch hören und lesen, was ist. Beispielsweise Heinrich von Kleist lesen, ist für Stella offenbar auch mit obsessiven Träumen verbunden. The broken jug von 2007 erweckt den Eindruck eines riesenhaften Organismus. Oder wie der vergebliche Versuch, mit einem Boot das rettende Ufer zu erreichen. Vor allem dann ein aussichtsloses Unterfangen, wenn das Boot weder Heck noch Bug hat. Es ist als würde man versuchen, Kurven zu Geraden zu zwingen. Gebeugtes Recht kann nicht wieder gerechtes Leben gradlinig zurückgeben. Jedenfalls nicht so ohne Weiteres. The broken jug , Kleist’ zerbrochener Krug verkörpert den Modus des Scheiterns schlechthin. Stella sucht mit seiner Skulptur nach Klarheit. Sie weist über die Ränder hinaus in den Raum,  zu uns als Betrachter. What you see….

Kontinuierlich hat Stella seine Arbeiten wachsen lassen. Die Idee des Kurators und Direktors des Kunstmuseums Wolfsburg Markus Brüderlin, parallel zur Stella-Retrospektive eine Ausstellung Ornament –Ausblick auf die Moderne (Ornamentgrafik von Dürer bis Piranesi) zu konzipieren, erschließt sich in seiner Intension spätestens  in dem Moment, wo in Stellas organischen Formen die Rezeption einer großen, ornamentalen Kultur- und Kunstgeschichte erkennbar wird, die er auch in seinen Skulpturen fortschreibt.  Mit seinen Architektur-Modellen findet Stella schließlich in weiterer Konsequenz aus dem Raum in das Haus hinein. Stellas Gehäuse aus Linien, Streifen, Kanten, Bögen und Raumelementen atmet und pulsiert  auch mit 75 Jahren äußerst kreativ und kraftvoll. Wohin uns seine Wege noch führen werden, ist nicht festgelegt. Aber das es sie, hoffentlich noch lange, geben wird, ist uns um unser selbst willen zu wünschen.

Auf dem Nachhauseweg im Zug mit mir die mobilen Autobauer von heute, die Arbeit und Leben schon lange getrennt haben. Ob ihnen Frank Stellas Konsequenzen in Wolfsburg (noch bis zum 20.01.2013) begegnen werden, verlieren sich wie die am Zugfenster vorbeiziehende Landschaft im zunehmenden Dämmerlicht. Aber auch ihnen wären sie zu wünschen.

Photo streaming Frank Stella

30.11.12

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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