Was kann ich über mein Leben sagen? – Das Programm 2013 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, kommentiert mit Aspekten der aktuellen Ausstellung Gillian Wearing

Foto: © Peter E. Rytz  2012

Foto: © Peter E. Rytz 2012

Nikolaustag, 6.Dezemver 2012 auch in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Überraschungen und Geschenke inklusive. Oben, in der ersten Etage, links auf einem Tisch dekoriert Schokoladenweihnachtsmänner, in einem Pappkarton aufgereiht wie die Terrakotta-Armee von Xian, stellte die künstlerische Direktorin Marion Ackermann das Programm 2013 vor.

Unten im erweiterten Ausstellungskomplex Gillian Wearing (noch bis 6.Januar 2013) die erste Überblicksaustellung einer englischen Künstlerin, in deren Arbeiten Zeit und Raum als irritierende Konstruktionselemente versuchen, individuelle und gesellschaftliche Identitäten begreifbar zu machen. Die Nikolauslarve hat eigentlich nur an einem Tag, dem 6.Dezember Gültigkeit. Bei Wearing ist offenbar jeder sein eigener Nikolaus mit Larve, immer und überall. Wir wissen es bloß nicht. Oder wir glauben es nur angesichts von Anderen. Wie und wodurch werden Existenzen bestimmt und gestaltet, ob als Persönlichkeitsentwicklung abhängig von Bildung und sozialem Milieu, ob als Karriere-, respektive Laufbahn in strategisch normierter Selbstinszenierung, sind Fragen, die Wearing mit ihren fotografischen Arbeiten und Video-Inszenierung erkundet. Zu fragen, wer bin ich und dabei unbewusst bewusst zu fühlen, jedes Ich hat seine Zeit, ist nicht verlässlich greifbar, kann zu Erkenntnissen führen, dass nur ein mobiles Gleichgewicht für einen Moment möglich ist. Alexander Calder hat davon eine Menge verstanden. Seine mobilen Skulpturen zeugen davon.
Unter dieser Perspektive scheint es fast so, als würde das Programm 2013 der Kunstsammlung mit dem Schwerpunkt Skulptur und mit Calder als einem seiner prominentesten Protagonisten mit der Ausstellung Avantgarde in Bewegung durch Gillian Wearing einen programmatischen Übergang inszenieren. Wearing geht, Calder kommt!
Mit Susanne Meyer-Büser hat die Kunstsammlung eine inspirierte Kuratorin für das Calder-Projekt gewonnen.  Am Modell der Ausstellungsarchitektur erläuterte sie ihr Konzept, das auf Perspektivenwechsel setzt. Es wird ein Ermöglichungsraum konstruiert, der es erlaubt, die kinetisch abstrakten Skulpturen von unterschiedlichen Wahrnehmungshöhen im Zusammenspiel von Bewegung und Klang wahrzunehmen. Insbesondere die bisher kuratorisch eher stiefmütterlich behandelten noise mobiles, von denen die Kunstsammlung mit der 2008 erworbenen noise skulpture von 1937 ein seltenes Exemplar selbst besitzt, werden einen Schwerpunkt der Ausstellung sein.  Calders Interesse an experimentellen, modernen Kompositionen, insbesondere von John Cage und Edgar Varese hat seine noise mobiles wesentlich beeinflusst. Alexander Calder besetzt damit prominent das Schwerpunktthema Skulptur des Ausstellungsprogramms der Kunstsammlung  Nordrhein-Westfalen  des kommenden Jahres.
Wearings Arbeiten zeigen, wie scheinbar manifeste Wahrnehmungen unsicher werden können. Was ist echt, was Fiktion? Masken, vertauschte Stimmen, Rollenspiel, Inszenierung, Familienaufstellung, einschließlich ihrer Selbstbeobachtung. Alles im Wandel, allenfalls temporäre Deutlichkeit. Imaginationen von Abbildern fluten wie das Schmelzwasser nach dem Winter in einen Stausee als Rückhaltebecken. Ressourcen sammeln sich neu. Mischen sich neu.
Entsprechend fluten – jetzt wieder in der Pressekonferenz angekommen – auch die Assoziationsketten von Programmvorschau und aktueller Ausstellung weiter. Ackermann, umgeben von Meilensteinen der Moderne in ihrem Hause und gleichzeitig inmitten ihres Teams von Programm- und Bildungsverantwortlichen, von Kuratoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern als auch Technik- und Werkstattleiter, räumte jedem Einzelnen von ihnen unter der launigen Moderation von Gerd Korinthenberg die Möglichkeit ein, einzelne Aspekte des neuen Jahresprogrammes vorzustellen. Hinter ihnen Delphine and Hippolyte (1975) von Frank Stella (Blog vom 30.11.12), daneben Andy Warhols Woman Suicide (1963) und Roy Lichtensteins Big Painting No.6 (1965), wirken wie ein Bühnenbild als Folie dieser Moderne, die den Auftritt eines ihrer wichtigsten Vertreter, Alexander Calder – Avantgarde in Bewegung in der Kunstsammlung umrahmen. Voilà,  eine Bühne für Alexander Calder.
Aber er kommt natürlich nicht allein. In Kooperation mit der Kunstakademie und mit tatkräftiger Unterstützung ihres Direktors Tony Cragg werden mit Die Bildhauer. Kunstakademie Düsseldorf, 1945 bis heute Linien gezogen, die den Kunststandort Nordrhein-Westfalen als ein skulpturales Kraftzentrum umkreisen werden. Auch die Spurensuche mit dem niederländischen Architekten Aldo van Eyck mit Das Kind, die Stadt und die Kunst im Schmela-Haus oder im K21 das Projekt In den Umlaufbahnen von Tomas Saraceno können  als  Fortsetzung, als Weitersuche, als Anschlussversuche von Gillian Wearings fotografischen Self Portraits as…. oder ihren Video-Installationen wie Snapshot von 2005 sowie 2 into 1 von 1997 gesehen werden. Wenn in Snapshot gefragt wird: Was kann ich über mein Leben sagen? Es besteht aus…. so würden die Antworten, die Einzelne geben könnten, so unterschiedlich ausfallen, wie künstlerische Arbeiten mit ihren Reflexionen als Malerei, Skulptur, Installation oder Performance.
Von Wearings Sicht auf die von ihr wahrgenommene Gegenwart zeugt die laufende Ausstellung. Das Programm 2013 gewährt einen Blick in die Zukunft, die sich aus Wahrnehmungen, die in Arbeiten von Künstlern aus inzwischen vergangenen Zeiten aufgehoben sind und sich als Ausstellungsobjekte in der Gegenwart immer wieder neu befragen lassen: Was kann ich über mein Leben sagen?  Und was hält die Welt im Inneren zusammen? Es wird auch 2013 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen nicht langweilig werden. Die Konzerte von Kraftwerk als Auftakt 2013 in der Kunstsammlung werden neben ihrer künstlerischen Referenz an die Düsseldorfer Kunstszene der 1970ger Jahre sicher auch heute noch die Kraft haben, die eine oder andere Maske zu entschleiern. Da wir unsere Masken immer dabei haben, kann das Kunst-Identitäts-Such-Spiel 2013 beginnen.

08.12.12

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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