Abgeschlossenes drängt ins Offene – Künstlerische Fotografie der DDR in der Berlinischen Galerie

© Helga Paris

© Helga Paris

Da scheinen zwei sich gefunden zu haben. Die Berlinische Galerie, seit 2004 im umgebauten Gebäudekomplex eines ehemaligen Glaslagers in der Alten Jakobstrasse in Berlin-Kreuzberg beheimatet, und die in den Nischen einer geschlossenen Arbeitergesellschaft gewachsenen fotografischen Kraft. Die Ausstellung Geschlossene Gesellschaft – Künstlerische Fotografie in der DDR 1945 – 1989 hat in der Berlinischen Galerie abseits der kulturellen Zentren in Berlin, inmitten eines in den 1980ger Jahren im Rahmen der internationalen Bauausstellung entstandenen Wohngebiets, einen adäquaten Präsentationsort gefunden. DDR buchstabiert sich für viele, fast reflexartig mit grauem Licht, blätternden Fassaden, altmodischen Autos, verdrucksten Gesichtern. Auf den ersten Blick, oder präziser formuliert, aus einer so einseitig beschränkten Perspektive werden entsprechende Klischees durchaus bedient. Allerdings,  Fotografien sie nie nur eindeutig objektive Abbilder des Fotografierten.  Das Abbild kann nur relativ wirklich sein, wie Haus, Straße oder Landschaft Bestandteil des fotografierten Wirklichkeitsausschnitts sind. Wie diese Ausschnitte vom Fotografen gesehen und ins Bild gesetzt werden, eröffnen sie dem Betrachter vielfältige Perspektiven, unterschiedlichste Lebenswirklichkeiten nachzuspüren, wo die Tristesse eines Zimmers, die Melancholie eines Regentages, die martialische Inszenierung oder ein dürftiges Warensortiment zu dominieren scheinen. So wie heute nur noch schwer vorstellbar ist, dass dort, wo jetzt die Berlinische Galerie ihre Ausstellungsräume hat,  mit Geschlossene Gesellschaft – Künstlerische Fotografie in der DDR 1945 – 1989 eine vormoderne Gesellschaft, gewissermaßen auferstanden aus Ruinen, wiedererstehen lässt, einst im Glaslager Alte Jakobstraße der Alltag ähnlich von mühevoller Arbeit in schlechter Luft und Staub bestimmt war und wenig Modernität verhieß. Es ist gut, sich an dieser Stelle daran zu erinnern, dass künstlerische Arbeit hinsichtlich Wahrhaftigkeit und Tiefe nicht abhängig vom guten Leben sein muss. Der Künstler als Outsider, arm aber sexy, funktioniert als Projektionsfolie eigener nicht gelebter Träume oder Erfahrungen ähnlich auch für die Buchstabenfolge DDR. Andere, von der normalen Lebenspraxis abweichende Formen werden dann nur noch als Abziehbilder einer verunsichernden Fremdheit wahrgenommen. Wenn es dagegen gelingt, Selbstbeschränkung, ja Engstirnigkeit auszublenden, öffnen die fotografischen Arbeiten von Arno Fischer (1927 – 2011), Sibylle Bergmann (1941 – 2010), Helga Paris (Jahrgang 1938) oder Evelyn Richter (Jahrgang 1930) einen dokumentarisch ambitionierten Blick auf den ganz normalen Wahnsinn eines Lebens. Bestimmt von Arbeit und Vergnügen, von Einsamkeit und Familiendramen, von den großen und kleinen Folgen historischer Zeitgeschichten. Wie überall. Und da sind die fotografischen Reflexionen in Form von Beobachtung, Selbstbeobachtung und Inszenierung. Kurt Buchwald (Jahrgang 1953) der den klaren Durchblick verstellt. Ein schwarzer unscharfer Fleck – die Rückenansicht eines manteltragenden Menschen – verweist in der Fotoserie stehplätze – störplätze (1984) Klarheit an die Ränder. Klärt sich an den Rändern, in den Nischen erst im Kontrast zum Verdunkelten der klarsichtige Blick? Gundula Schulze Eldowy (Jahrgang 1954) gibt ihren Modellen in Aktportraits (1983 – 86) eine Stimme, eine Haltung, die nackt, ohne Scham einen selbstverständlichen Klang bekommt. Gleichzeitig geben ihre Fotografien auch Einblick in ein Milieu und Lebensgefühl, das sie damals mit jenen geteilt hat. Noch dichter, existentieller die titellosen fotografischen Übermalungen von Klaus Hähner-Springmühl (1950 – 2006) aus den 1980ger Jahren. Häufig im Zusammenhang mit Performances und Kunstaktionen entstanden. Person, Körper, Kunstobjekt werden eins. Der eigene Körper wird zur Reflexionsfläche von gieriger (Über)Lebensfülle als auch von depressiv gebremster Lebenssehnsucht. Abgeschlossenes drängt ins Offene; Offenes verschließt sich. Zeigt sich in Geschlossene Gesellschaft – Künstlerische Fotografie in der DDR 1945 – 1989 vielleicht eine Kraft zur Gestaltung des je eigenen Lebensweges, die ganze Bandbreite von Lebenswille, von Suchen und Finden eines Weges in ungemein präsenter Unmittelbarkeit, wie sie vor allem und gerade in relativ geschlossenen Strukturen wachsen kann? Weil das Geschlossene nicht akzeptiert wird; zumindest nicht hindert, das Eigene offen zu legen? Vielleicht staunend überrascht ist, welche Horizonte sich öffnen, wenn Nebenwege beschritten werden?

Man muss nicht der konzeptionellen Programmatik der Ausstellung, beginnend mit der Sozialen Fotografie (Alltagsleben), über die didaktische Aneignung und Umsetzung der modernen Bildsprache (von 1920 bis in die 1950ger Jahre) bis zu geschlossenen Bildfindungen der 1980ger Jahre folgen, um zu erkennen, welchen bisher kaum wahrgenommenen Wert die künstlerische Fotografie in der DDR hat, nicht nur um einen mehr oder weniger vormodernen Lebensalltag in seinem merkwürdigen Zwiespalt von Selbst- und Fremdbestimmung zu rekonstruieren, sondern das Potenzial der Bilder für eigene Gestaltungsperspektiven zu nutzen. Die fotografischen Positionen der Ausstellung werden mit filmischen Künstlerinterviews und biografischen Filmskizzen erhellend ergänzt. Sie sind mehr als nur weitere Zusatzinformationen. Die Bild-Künstler geben sich mit ihren Biografien neben den bildmächtigen Arbeiten als Personen authentisch und glaubwürdig zu erkennen. Künstlerische Glaubwürdigkeit hat ihr Fundament in einem ebenso glaubwürdigen Leben. Nicht nur in einer geschlossenen Gesellschaft.

 20.12.2012

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Über Peter E. Rytz Review

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