Erika Stucky & The Bubble Family im Grillo Theater Essen

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Es gibt Menschen, die verkörpern Mythen auf geradezu märchenhafte Weise. Erika Stucky, allein der Name klingt wie eine Lebenskunst-Formel: Erika, die Heidepflanze, Synonym für Naturnähe; Stucky, englisch to stuck, sich festbohren. Geboren im kalifornischen Flower-Power-Kosmos der 1960ger Jahre, die Eltern Hippies, hat sie den Sound jener Zeit gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen. Eine Kindheit voller Musik of love and peace.

Jetzt, mehr als 40 Jahre später auf der Bühne zusammen mit The Bubble Family Ende Dezember 2012 im Grillo Theater Essen ist sie fast selbst zum Mythos ihrer Geschichte geworden. Das Hippie-Kind Erika, wächst nach der Rückkehr der Eltern in der Idylle eines Walliser Dorfes mit das Heidi auf und beginnt eine musikalische Karriere, die beides vereint: Pop-Kultur und alpenländische Folklore. Als Sängerin durchpflügt sie seit 25 Jahren die Pop-Musik mit hippiesker Attitüde, die auch vor Jodel-Folklore nicht zurückweicht. Erika Stucky singt und erzählt in der von ihr angeeigneten Rolle von das Heidi; komödiantisch verschmitzt, hintersinnig und direkt zugleich, ohne falsche Romantik. Baut aus englischen Floskeln, Schweizerdeutsch und hochdeutschen Versatzstücken Sätze, die bewusst unbeholfen und langsam artikuliert, per se wie Kabarett klingen. Wenn sie während ihrer Gesangsperformance die Arme weit ausbreitet, bekannte Pop- oder Rap-Songs zu eigenen Interpretationen zurechtbiegt,  ist es so, als beschriebe sie damit gestisch ihren musikalischen Transformationsprozess. In der einen Hand das Song-Original, in der anderen Hand das alpenländische Panorama von Bergen und Tälern, werden die Originale, gern auch mal jodelnd, über die Alpen gejagt. Das Ergebnis tönt (auf gut Deutsch hallt), gekräftigt wie nach einer Wellness-Massage, als Echo von vorgestellten Bergwänden wider. Stucky’s Stimme schwingt dabei in atemberaubenden Kadenzen ohne Netz und doppelten Boden. Wäre da nicht The Bubble Family, die sie wechselweise mit doppelten Posauneneinsatz (Robert Morgenthaler und Jean-Jacques Pedretti), mit schottischer Unerschütterlichkeit des Tubisten Ian Gordon-Lennox oder mit einem aus Schlagzeug (Lucas Niggli) und Electronics (Knut Jensen) kunstvoll konstruierten Netz wie in einem Sprungtuch auffinge, würden manche Erika-Stucky-Volten wohl als Bruchlandung enden. Aber die Bühnen-Show ist ein musikalisch genau kalkuliertes Spiel mit Erwartungen, die absichtsvoll haarscharf verfehlt werden – und damit musikalisch erfrischend wirken. Die Präsenz von Gesang und Spiel von Erika Stucky & The Bubble Family schafft im Publikum eine ansteckende Heiterkeit. Von der Bühne weht den Zuschauern eine Leichtigkeit des Seins in einer Melange aus gewitzt witzigen Lied-Erkundungen und einem selbstironischen Doppelblick an. Das Bild-im-Bild-sein durch Stucky’s Schatten auf dem Bühnenhintergrund, erzeugt durch das Lichtfeld der Videoprojektion, hat die Anmutung, als würde ein Flower-Power-Erinnerungsballon aufgeblasen. Gerade so weit, dass er nicht platzt. Wenn das Licht am Ende des Konzerts ausgeht, fällt auch der Luftballon in sich zusammen. Schön, dass die Luft für unterhaltsam träumerische 90 Minuten gereicht hat. Erika Stucky & The Bubble Family haben gezeigt, dass sie Luftballons mit Musik steigen lassen können. Grenzenlos, wie die Musik. Von Kalifornien über die Alpen bis nach Essen ins Ruhrgebiet.

 Photo Streaming Erika Stucky & The Bubble Family

30.12.2012

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Über Peter E. Rytz Review

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