Jazz Jugend musiziert Jazz pur beim 24.JazzFestival Münster 2013

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Ist das der demografische Wandel, der jetzt auch im Jazz angekommen ist? Beim 24.Jazzfestival Münster drängte sich der Eindruck auf, dass die Generation 30 plus das Geschehen auf der Bühne dominierte, während die Mehrheit der Zuhörer ihre Eltern sein könnten.

Kraftvoll, ausgestattet mit einer Spieltechnik, die es ihnen mühelos ermöglichte, kraftvolle und eigenständige Akzente zu setzten: Jazz Jugend musiziert.  Vergleiche mit den Heroen der Jazzgeschichte drängten sich an vielen Stellen auf, denen sie zitierend aber gleichwohl ihren eigenen kraftvollen Stempel auf zusetzten vermochten. Kein stilistisches Nacheifern, sondern selbstbewusste, im Wissen um das eigene Können erfrischende, originelle Tonmarken setzend.

Schon der Auftakt mit dem 23jährigenn Saxofonisten Mattia Cigalini war ein eruptive Ladung Jazz direkt. Cigalini jagte durch sein Saxofon Popsongs, mit denen er groß geworden ist. Bad Romance, schon der Name der Band ist Programm. Lady Gaga, Shakira, Jeniffer Lopez, die Musik seiner Generation nimmt er sich zur Brust, atmet sie ein und verbläst im nächsten Moment ihre soften Rhythmen. Herauskommen glutflüssige Lava-Emanationen, die gemeinsam mit dem Gitarristen Bebo Ferra, dem Bassisten Riccardo Fioravanti und Giorgio Di Tullio (dr) dem Publikum entgegen geschleudert werden, dass es vor Hitze kaum noch zu atmen wagt, bevor es sich in Begeisterungsströmen selbst entlastet. Diese jugendlich fulminante Kraft durchzog sich durch das gesamte Festival.

Wenn auch Fritz Schmücker, der nach mehr als 25 Jahre immer noch erfrischend  jungendlich wirkende aber vor allem immer noch neugierige, nach dem Jazz-Ton der Zeit suchende Programmmacher ein wenig kokettierend sagte, dass es keinen Schwerpunkt gäbe, könnte das heimliche Jazz Jugend musiziert sein. Wobei Jazz Jugend musiziert jenseits erster professioneller Ambitionen musiziert, wie sich das Projekt Jugend musiziert im Allgemeinen versteht. Sie befindet sich häufig schon in professoralen Lehr und Erkundungsräumen.

Wie der Preisträger Westfalen-Jazz 2013, der Trompeter Frederik Köster oder der mit dem WDR Jazzpreis 2007 (Kategorie Improvisation)  ausgezeichnete Pianist Sebastian Sternal sind sie keine Beginnenden, sondern wie der Name von Kösters Band Die Verwandlung assoziiert, Erkundende und Entdecker, die sich Traditionen und Vorbilder kreativ anverwandeln. Oder der englische Trompeter Tom Arthurs, der das ohnehin fast traumhaft harmonierende Julia Hülsmann Trio mit seiner lyrischen Tongebung noch runder, noch ausdrucksstärker, noch feinsinniger klingen lies. Der Vergleich seines Spiels mit Kenny Wheeler mag zutreffend sein, soweit solche Vergleiche überhaupt etwas über das Technische hinaus auszusagen vermögen, hat Arthurs seinen ganz eigenen Ton gefunden. Mit fast kindlich naiver Unbekümmertheit, gepaart mit musikalischer Unmittelbarkeit, entströmen seiner Trompete Töne von zarter Reinheit und Tiefe.

Für diese jugendlich sprühende, überbordende Musikalität steht auch der Auftritt von Edmar Castaneda mit einem virtuosen, im Jazz selten zu hörendem Harfenspiel, das nichts von trauter Schäferromantik hat. Es war mehr eine  Parforcejagd zwischen kolumbianischer Tradition und Downtown New York, kongenial begleitet vom Drummer Rodrigo Villalon und dem Posaunisten Marshall Gilkes.

Auch Reut Regev (tb) ist als Protagonistin für Jazz Jugend musiziert Jazz bestens ausgewiesen. Wie sie, die wie man im VIP-Bereich nach dem Konzert sehen konnte, als junge Mutter ihrem Kind zärtlich zugewandt war, ihrem Spiel mit Esprit und klaren Ansagen souverän vorantrieb, war schlichtweg überzeugend. Dabei bewies sie Mut, den nicht nur körperlich sehr präsenten, in seinem Spiel kraftvoll dominante Akzente setzenden Gitarristen Jean-Paul Bourelly in ihr Trio zu integrieren.

Vielleicht gelingt eine solche musikalische Fusion, die mehr ist als nur ein musikalisch exzellentes, notennotiertes Zusammenspiel, unbedingt in der improvisierten Musik des Jazz. Wenn die klassisch ausgebildete Violoncellistin Vasja Valcic mit dem eher Jazz improvisierend gelernten Klaus Paier (Akkordeon, Bandoneon) im Duo kammermusikalisch inspirierte Klangfiguren meditativ leise und im nächsten Moment laumalerisch den Sturmwind zelebrieren, werden musikalische Räume eröffnet, die einen Sog erzeugen.

Man möchte auf unbestimmte Zeit darin verweilen. Aber ein Festival hat viele Klangräume organisiert. Die Zugluft der aufgehenden und sich wieder schließenden Türen verwirbelte manchmal  viel zu schnell den gerade aufgebauten Klangkosmos, um nachfolgenden Platz zu machen. So blieb auch genügend Raum für die Gestandenen, für die, die schon Jazzgeschichte geschrieben haben, wie die Trompeter-Legende Enrico Rava oder der clownesk charmante  (Zug)Trompeter Steven Bernstein. Gemeinsam mit dem hintersinnig musizierenden Posaunisten Curtis Fowlkes und dem spitzbübisch musikantischen Tubisten Marcus Rojas lieferten sie in der intimen Atmosphäre des Kleinen Hauses ein Bravourstück Jazz pur ab.

Die von Mattia Cigalini zitierte Bemerkung, Popsongs als Improvisationsmaterial zu nehmen, um seine Generation für Jazz zu begeistern, mag auf dem ersten Blick vordergründig und vielleicht auch ein wenig zu marktorientiert zu sein. Andererseits hat der Jazz seine Lebendigkeit schon immer aus den Lebensgefühlen der Generationen gezogen. Manchmal ist es schmerzhaft, dem Vertrauten, auch dem aus einer ehemals widerständigen Haltung Geborenen, neue Räume zu öffnen. Dem 24.Jazzfestival Münster ist eine schöne Balance von Jazz Jugend musiziert und Jazz pur gelungen.

Photo streaming 24.JazzFestival Münster

 10.01.2013

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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