Wie es für Sie klingt, können Sie gleich hören. Düsseldorfer Symphoniker mit Axel Kober in der Tonhalle Düsseldorf

Vollmundig mit Entdeckungen unter dem Sternzeichen Oper entdecken war das 6.Abonnementkonzert 2012/13 der Düsseldorfer Symphoniker mit Axel Kober in der Tonhalle Düsseldorf angekündigt. Und es hätte vollmundiger, neugierig machender nicht sein können. Es war noch viel mehr.

Joseph Haydn, Alban Berg, Richard Wagner, Richard Strauss. Jeder für sich verspricht dem Konzertbesucher mit jedem guten Konzert Entdeckungen von Klangräumen, die von Generationen von Dirigenten und Orchestern endgültig und vollständig durch-interpretiert zu sein scheinen. Stimmt das in jedem Einzelfall schon nicht, so weist die Programmzusammenstellung die Richtung: Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit.  Gurnemanz klärt Parsifal auf, dass sich Lebenszeiträume aus statischen und dynamischen Elementen zusammensetzen.

In Richard Wagners Vorspiel zu Parsifal sind diese sich gegenseitig bedingenden Gegensätze im Wechsel von Diatonik und Chromatik komponiert. Kober konzentrierte sein Dirigat ganz im Blick auf das Bühnenweihfestspiel für einen Konzertbesucher, der nur das Vorspiel hört. Wagner selbst hat dazu in seinen Erinnerungen, wenn man so will, eine Anleitung zur Konzertpraxis vorgegeben: Meine Vorspiele müssen alle elementarisch sein, nicht dramatisch…

Das Parsifal-Vorspiel ins Programm zu nehmen war deshalb auch mehr als nur eine der zahlreichen Ehrungen anlässlich seines 200.Geburtstags in diesem Jahr, sondern führte einen weiteren 200.Geburtstag, den von Georg Büchner mit Alban Bergs konzertanten Drei Bruchstücken  aus der Oper Wozzeck op. 7 (die 1924 noch vor der Uraufführung der Oper in Frankfurt aufgeführt wurden) zu einem überraschenden musikalischen Band zusammen.

Alban Bergs Oper als ein atonaler Vorreiter der Zweiten Wiener Schule im 20.Jahrhundert in der Verbindung mit Wagners Vermächtnis Durch Mitleid wissend hatte allein schon darin etwas von einem ungewöhnlichen Musikangebot. Büchners Woyzeck von 1836 ist als Bühnenstück fester Bestandteil des Spielplans vieler Schauspielhäuser. Alban Berg hat 80 Jahre später eine ebenso erfolgreiche Oper komponiert. Maries Leiden und Untergang hat als emblematische Chiffre bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Ein Blick in die aktuellen Feuilletons kann uns davon überzeugen.

Die Sopranistin Sylvia Hamvasi skizzierte in den Bruchstücken eine Marie in ihrer Verloren- und Verlassenheit mit inniger Anteilnahme. War in Bruchstück 1 noch fragende Hoffnung Mädel, was fängst Du jetzt an? da, die Sylvia Hamvas, unterstützt von der Harfe, in dringlichem Aufbegehren  sang, so gibt sie Marie in ihrer biblischen Berufung auf Magdalena Heiland, Du hast Dich ihrer erbarmt, erbarme Dich auch meiner einen irritierenden Hoffnungston. Für einen Moment bringt sie gemeinsam mit dem Orchester, gebündelt in einem furiosen Tutti, eine schier übermächtige Kraftanstrengung auf.  Sylvia Hamvasi gestaltete in verstörend intensiven Kaskaden einen letzten, verzweifelten Hoffnungsschimmer. Aber Bruchstück 3 endet so, wie es begonnen hat: Irrlichterndes Suchen, das zu keinem Finden führt.

Am Anfang des Konzerts stand Joseph Haydns Symphonie B-Dur Hob. I/102 auf dem Programm. Nach jahrzehntelangem Dienst als Hofmusiker des Grafen Eszterhazy war Haydn nach dessen Tod gewissermaßen in die Selbständigkeit entlassen worden. Mit seinen Nach-Eszterhazy-Kompositionen modernisierte sich Haydn in seinen musikalischen Ansprüchen – und der des damaligen Zeitgeistes in Westeuropa. Die 102.Sinfonie, später als Teile der Londoner Sinfonien kategorisiert, spielte  Axel Kober und den Düsseldorfer Symphonikern insofern in die Karten, als sie sowohl in ihrer überlegt strukturierten Komposition der kommenden Moderne (von Richard Wagner bis Alban Berg und Richard Strauss) den Weg bereitete als auch ihnen gleichzeitig die Möglichkeit gab, ihre orchestrale Wirksamkeit als Hör-Geschichten-Erzähler zu demonstrieren.

Mit dem Largo des 1.Satzes beschworen sie ein geheimnisvolles Szenario zwischen Stille und einem Weckruf wie Winter ade! Mit lyrischer Geste fordert das Cello im 2.Satz Komm mit! mit intensiver Spielfreude führte Kober das Orchester in einem tänzerischen Dialog von Ruf und Echo durch den 3.Satz, um in einem beherrschten Galopp ein fernes fremdes Ziel im Finale Presto glücklich zu erreichen.

Mit diesem assoziationsreiche Bilderbögen musikalisch ausformulierenden, überlegenden Dirigat geleitete Axel Kober Sylvia Hamvasi auch durch die Vier letzten Lieder von Richard Strauss. Ich arbeite so still für mich hin (nach Goethes erlauchtem Vorbild), hatte er 1942 formuliert. Ein Jahr vor seinem Tod 1948 komponierte er diese Lieder nach Gedichten von Herrmann Hesse und Joseph Eichendorff, die von Sylvia Hamvasi in einem frühlingsgrünen Abendkleid (im Gegensatz zu dem schlicht sachlichen Hosenkleid bei den Bruchstücken von Alban Berg) gesungen wurden, so als würde sie damit auch einem luftig zarten, wehmutsvollen, träumerischen Credo ihrer Interpretation Ausdruck geben.

Die 100 Jahre, die zwischen der Lebenszeit zwischen von Eichendorff (er reihte sich mit seinem 225.Geburtstag in die diesjährige literarisch-musikalische Geburtstagsliste ein) und Hesse liegen, sind den Gedichten so wenig anzumerken wie den Vertonungen von Strauss. An manchen Stellen, wie in der Liedzeile Will in freien Flügen schweben (Hesse, Im Schlafengehen) findet Sylvia Hamvasi eine beglückende Balance zwischen Text und Gesang. An anderen Stellen, wie beispielsweise nach dem zweiten Vers von Beim Schlafgehen (Hesse), hat Strauss ein Violin-Solo  komponiert, das wie ein Gute-Nacht-Gruß kurz vor dem Zauberkreis der Nacht die Tonhalle verklärte.

Auch wenn der Abend mit der Textzeile aus Im Abendrot (Eichendorff) Ist dies etwa der Tod? ausklang, gelang es Sylvia Hamvasi und den Düsseldorfer Symphoniker mit Axel Kober, die auf dieses ängstliche Fragen mit dem Hauptthema aus Strauss‘ Frühwerk, der Tondichtung Tod und Verklärung antwortet und damit eine sehr lebendige Hoffnung auf ein nicht vergehendes Lebens ausdrückt, Momente innerer Zufriedenheit wachzurufen.

Im Einführungsgespräch hatte Kober auf die Frage des Moderators: Wie verorten Sie sich als Dirigent in der langen Wagner-Tradition? geantwortet: Wie es für Sie klingt, können Sie gleich hören. An diesem Abend war eine Menge zu hören – und über europäische Musikgeschichte von 200 Jahren zu erfahren.

 

16.02.2013

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Über Peter E. Rytz Review

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