Max Uhlig – Mensch und Landschaft im Käthe Kollwitz Museum Köln

Max Uhlig, Seitlicher Kopf nach Rodin-Plastik (Nijinskij) IV,  2009 © Peter E. Rytz  2013

Max Uhlig, Seitlicher Kopf nach Rodin-Plastik (Nijinskij) IV, 2009 © Peter E. Rytz 2013

Künstlerische Handschriften, die unverwechselbar einem Künstler zuzuordnen sind, sind der Ritterschlag der Kunst. Max Uhlig – vor allem der Zeichner und Graphiker Uhlig – ist in mehrfacher Hinsicht solch ein edler Ritter. Die Nagelprobe kann noch bis 17.März 2013 im Käthe Kollwitz Museum in Köln gemacht werden.

Max Uhlig, Jahrgang 1937, fest verwurzelt in seiner Heimatstadt Dresden, hat von da aus seinen druck-graphischen Lebensfaden gesponnen. Selbst in den Jahren, wo sein Spinnen, im übertragenen Sinne verstanden als ein Ringen um die Figur, den Kopf, die Landschaft, von den in ihren politischen Hirngespinsten gefangenen DDR-Oberschlauen mehr geduldet als  gefördert wurde, fand er früh zu seiner künstlerischen Handschrift. In drangvoll dynamisierten Linienstrukturen, ob mit Zeichenfeder oder mit dem Tuschepinsel, mit Kohle oder Tinte, sucht Uhlig den Kopf, die Landschaft, wie sie sich ihm darstellen. Seine Arbeiten entstehen überwiegend direkt in Portraitsitzungen oder in der Landschaft vor Ort. Sie können wie ein Kaleidoskop zyklischer Selbstbefragungen aufgefasst werden. Bei mir war es ein Hineingeraten in die Intensität, die, wenn ich die Ergebnisse betrachte, eigentlich auch immer wieder meiner Meinung nach nicht ausreichte. (Max Uhlig im Gespräch mit dem Direktor des Kupferstich-Kabinetts und der Gemäldesammlung Dresden  Bernhard Maaz 2012).  Vor seinen Arbeiten stehend, wird man suggestiv in das Bild hineingezogen, wird zum ahnungsvollen Teilhaber eines Findungsprozesses ohne endgültigen Abschluss. Als würde der Sog eines unablässigen Fließens, Wogens, Fallens, Aufrichtens das gerade Gesehene wieder neu entstehen lassen, verunklaren sie die Klarheit, die man gerne hätte. Max Uhlig verweigert konsequent eine einfache, direkte Durchsicht. Häufig ist es auch der Versuch, die dreidimensionale Körper- und Dingwelt in der Fläche neu zu beleben (Seitlicher Kopf nach Rodin-Plastik /Nijinski/ IV, 2009). Und es, das Leben gleichzeitig durch die über den Sicht-Rand weiterführenden Linien wieder zu verbergen. Für mich ist  eine Sache interessant, wenn sie durch langes Anschauen fremd wird. Vor allem Köpfe und Landschaften bilden einen sich gegenseitig bedingenden Kosmos, der immer und immer wieder das scheinbar Gleiche in Variationen zeigt: Linien, die über die Endlichkeit sowohl des Druckblattes als auch des darstellbaren Lebens hinausreichen. Ingenieurtechnisch gesehen, ist der Mensch ein Mängelwesen, wie erst jüngst der ehemalige Leiter Detlev Ganten der Berliner Charite in einem Interview in der Wochenzeitschrift Die Zeit formulierte: Aber die Natur ist kein Ingenieur. So gesehen, sind nur Annäherungen möglich, das Wirkliche zu erfassen. Uhligs Arbeiten sind der immerwährende Versuch, eine künstlerische Balance zu formulieren, zwischen dem, wie er es wahrnimmt und wie es auch sein könnte.

Max Uhlig bleibt als der Uhlig unverwechselbar, auch wenn seine kreisenden, streichenden Mal-Bewegungen ihre Nähe zu Arbeiten von Alberto Giacometti nicht verleugnen können und wollen, so behaupten sie gerade da ihre souveräne Selbständigkeit. Bei Uhlig ist eine solche ästhetisch ambitionierte Wahrnehmungsnähe eher Ausdruck einer künstlerischen Resonanz und reflektierten Kommunikation auf die lebendige Mit-Welt. Sind frühe Arbeiten wie Alte Frau mit aufgestützter Hand (1960) noch in ihrem Realismus ganz unmittelbar, findet er in Bildnis von Hermann Glöckner von 1970 sowie in seinen Selbstbildnissen aus jenen Jahren seinen Stil als einen Versuch die physiognomische Topographie zu erkunden, wie frühe Kritiker schrieben. Lust auf Erkundungen, auf Entdeckungen beschreibt die bis heute anhaltende Intention seines Malens. Ihr ist er auch nach der Weltöffnung und dem sich rasant entwickelnden globalen Kunstmarkt in den 1990ger Jahren treu geblieben. Würden Orte und Landschafte mit ihren Bezeichnung nicht belegen, dass sie sich außerhalb von Dresden, Erzgebirge oder Mecklenburg befinden, in seinen Ausdrucksformen führten sie zu keinen wirklichen Veränderungen.  Dass zwischen Au Mont Ventoux (1996) und Erzgebirge, Busch- und Baumreihe am Katharinenberg  (1986) eine politisch-kulturelle Zeitenwende liegt, ist den Arbeiten nicht anzumerken. In der Ausstellung in Köln können Kontinuität und Serialität in seinen Arbeiten umfassend nachvollzogen werden. Im Unterschied zur vorangegangenen Ausstellung im Kupferstich-Kabinett in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ist die Kölner Ausstellung mit farbigen Drucken und Aquarellen aus seinen Privatbesitz wesentlich ergänzt worden (Doppelbildnis R., 1993; Studie Bildhauer W.U. mit Skulptur, 1989). Schade nur, dass im Katalog diese wichtigen Arbeiten fehlen.

Max Uhlig im Käthe Kollwitz Museum ist eine von den seltenen, stillen Möglichkeiten, sich gegen den  Einkaufs-Trubel-Einerlei, wie es sich in der Schildergasse vor dem Museum marktschreierisch inszeniert, in seinem Selbst zu behaupten. Weil, Uhlig nimmt Mensch und Landschaft ernst.

11.03.2013

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Über Peter E. Rytz Review

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