Frauen-Liebe und Leben – Die Sammlung Klöcker im LehmbruckMuseum Duisburg

© Peter E. Rytz  2013

© Peter E. Rytz 2013

Private Kunstsammlungen sind in letzter Zeit vermehrt in die Kritik geraten. Der Vorwurf ist ein doppelter. Durch ihre Präsentation in öffentlich geförderten Kunstmuseen würden sie ihren Wert auf dem Kunstmarkt steigern. Gewissermaßen zum Nulltarif. Die Museen ihrerseits schmückten sich mit Werke und Sammlungen, die sie selbst gern hätten. Ein häufig so gut wie nicht vorhandener Ankaufsetat macht das allerdings so gut wie unmöglich, den Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Wie mit einem solchen Dilemma umgehen? Der Widerspruch ist offensichtlich. Kunstmuseen und Kunstvereine haben per se eine Bildungsfunktion, einen Bildungsauftrag. Ein selbstbewusstes Bürgertum erfand sich mit Beginn des 19.Jahrhundert mit der Gründung von öffentlich zugänglichen Ausstellungorten von Kunstwerken neu. Kunstmuseen und Kunstvereinen wurden zu Orten, wo Reichtum und Bildung in Form eines für jeden offenen Begegnungsraumes Möglichkeiten für erste zaghafte, demokratische Verständigungsversuche schufen. Privater Kunstbesitz wurde öffentlich ausgestellt. Kunstwerke gelangten dann  in den folgenden Jahrzehnten vermehrt mit Hilfe von Steuergeldern und Schenkungen in die Sammlungen der Museen. Sie machen heute den wesentlichen Sammlungsbestand aus. Und müssen sich seit Jahren aufgrund der öffentlichen Finanzierungsschwäche mit einem stand-by-modus begnügen. Die finanziellen Optionen und Potentiale in Zeiten globaler Aufmerksamkeitsökonomie haben sich heute zugunsten privater Sammler verschoben. Zurück verschoben?

Wie ein Weg aus dieser Sackgasse aussehen kann, zeigt jetzt das LehmbruckMuseum Duisburg mit der Präsentation der Sammlung Klöcker mit Frauen-Liebe und Leben (bis 8.September 2013). Das Sammlerehepaar Maria Lucia und Ingo Klöcker aus Bad Homburg hat vor 25 Jahren begonnen, Kunst zum Stichwort Frau zu sammeln. Das wäre an sich nichts, was auf den ersten Blick eine besondere Aufmerksamkeit beanspruchen könnte. Das Aufmerkende ist eine unaufgeregte, unprätentiöse aber gleichwohl eine von stiller, den einzelnen Arbeiten zugewandter Emotionalität geleiteten Leidenschaft für die ästhetische Qualität der einzelnen Kunstwerke. Wobei sich der thematische Horizont Frau weder von emanzipatorischen noch von gender-spezifischen Überzeugungen leiten lässt. Es ist etwas Größeres, Umfassenderes, Subtileres.  Frauen-Liebe und Leben erfüllt als Zusammenklang von Bild und Musik die Ausstellungsräume. Es ist, man scheut sich fast in Zeiten, wo Gesten und Worte zwischen Frauen und Männern ständig ihrer correctness nach bewertet werden, es auszusprechen, eine Liebeserklärung an die Frau. Und diese Liebe (der Sammler) lässt sich durch keine kunst-ästhetisch begründeten immer wieder thematisierten Trennlinien wie Ost-Kunst gleich Figuration gleich vormodern, West-Kunst gleich Abstraktion gleich modern eingrenzen oder sich in ihrer Liebe zurücknehmen. Wolfgang Mattheuer mit Akt im roten Sessel von 1961 neben Sigmar Polkes Freundinnen II von 1967, Alex Katz mit Red Sweater (1999) neben Werner Tübkes Mädchenbildnis (1976) oder die Fotografien von Barbara Klemm (Tabea Zimmermann, 2001; Ingrid Caven, 1980) neben den als sogenannten Papstmaler bekannten Michael Triegel mit Lucia von 2012 sind Ausdruck eines Sammlerehrgeizes, der allein einer persönlichen Stimmigkeit der einzelnen Arbeit verpflichtet ist. Neben namhaften Künstlern – wobei interessanterweise die Abbildnisse (Malerei, Grafik, Fotografie, Skulptur) der Sammlung überwiegend von Männern stammen – sind in der Ausstellung Entdeckungen zu machen, die in ihrer ästhetischen Qualität keinen Vergleich zu scheuen brauchen. Ob Eugene Leroy (Long Nu, 1998) oder Clive Head (Cliff Lift, 2006), Jürgen Brodwolf (Idolfigur, 1982) oder Damian Cabanes (Judith visage vert, 2009/10), sie alle bilden das Fundament dieser Sammlung, das wesentlich dazu beiträgt, sie in einem inspirierenden Gleichgewicht zu halten.

Es ist beim Rundgang durch die Ausstellung etwas von dem spürbar, was den Direktor des LehmbruckMuseums Raimund Stecker an der Sammlung und der Haltung der Sammler offenbar beeindruckt hat und sie deshalb ausstellt. Die Sammlung Klöcker hat wie alle Kunst erst einmal keinen Gebrauchswert. Aber sie, die Kunst, hat einen Wert für Bildung, für Orientierung an kulturellen Werten, die konstitutiv für verantwortliche Lebensgestaltung in einer Demokratie sein sollten. Allerdings, und das ist das Janusköpfige, Kunst reduziert sich bei manchen Sammlungen nur auf den Sammlerwert als Investitionsanlage. Die Sammlung Klöcker offenbart in außergewöhnlicher Weise eine bildungsemphatische Motivation des Sammelns. Sie ist der glaubwürdige Versuch, einen Dialog mit der Welt von Bildern, Musiken und Worten herzustellen, ihn geradezu zu beschwören. Die Ausstellung ist auf Poesie gestimmt. Es scheint, als wolle sie den Besuchern etwas Verlorenes zurückgeben. Begriffe wie Erhabenheit, Ergriffenheit, Wahrhaftigkeit, mithin sprachliche Ausdrucksformen, die antiquiert, wie von vorgestern klingen. Sie wieder in die Erinnerung zu rufen, sie im wahrsten Sinne zum Klingen zu bringen, vermittelt sich nachdrücklich beim Lesen des Begleitbuchs zur Ausstellung. Es ist kein üblicher Dokumentationskatalog sondern eine Anleitung zum Wahrnehmen. Die Musikologin und Kritikerin Denise Wendel-Poray  hat mit diesem Buch etwas Seltenes geschafft. Sie stellt die Sammlung in einen synästhetischen Bildungskontext mit Gedichten von Adelbert Chamisso und Liedern von Robert Schumann. Nicht nur das dem Katalogbuch eine CD mit den von Schumann vertonten Chamisso-Gedichten in der Interpretation der unvergesslichen, 2009 verstorbenen Sopranistin Hildegard Behrens (Klavier: David Syrus) von 1985 beiliegt, Denise Wendel-Poray  hat ihm einen prosaisch lyrischen Atem eingehaucht, der die Sammlung zum Tanzen bringt. Der von Robert Schumann mit Frauen-Liebe und Leben bezeichnete Liedzyklus, den er 1840 anlässlich seiner Vermählung mit Clara Wieck komponierte, leiht der Ausstellung kongenial seinen Namen. Sicher ein Glücksfall, wie es Denise Wendel-Poray , die selbst als Lied- und Opernsängerin auf internationalen Bühnen erfolgreich war, auf überzeugende Weise gelingt, die Sammlung mit einer empathischen Perspektive von Sehen, Lesen und Hören als Gesamtkunstwerk erfahrbar zu machen. Dass sich das LehmbruckMuseum dieser Sammlung mit der Ausstellung Frauen-Liebe und Leben äußerst liebevoll und engagiert annimmt, ist der selten so  überzeugend gelungene Versuch, Sammeln und Bewahren als ein kommunikatives Kunst-Ganzes wider einer manchmal sehr willkürlich anmutenden Trennung von künstlerischen Äußerungen zu beleuchten.

Photo Streaming Sammlung Klöcker

18.04.2013

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Kunstausstellung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s