Alex Katz und Marc Chagall – Eine Begegnung im Kunsthaus Zürich und im haus konstruktiv

Alex Katz, Ada in the Grass, 1963 © haus konstruktiv

Alex Katz, Ada in the Grass, 1963 © haus konstruktiv

Es gibt keinen Hinweis, dass sich Alex Katz und Marc Chagall je begegnet wären. Obwohl sie historisch mehr als 30 Jahre zwischen 1950 (erste Arbeiten des 1927 geborenen Katz) und 1985 (dem Todesjahr von Chagall) eine historische Zeitgenossenschaft hatten. Noch bis zum 12.Mai 2013 kann man in Zürich eine solche fiktive Begegnung jetzt nachholen. Und kann nebenbei auch noch erfahren, wie unterschiedlich künstlerische Arbeiten der Moderne rezipiert werden. Persönlichkeit, Zeitumstände, Präsenz von Herkommen und kulturellen Hintergründen der Künstler grundieren nicht nur Lebensumstände. Sie sind immer auch Reflexionspunkte künstlerischer Intuition, die eine Ausstellung vermittelt. Wobei der sogenannte Zeitgeist und ein mitunter reißerisch aggressives Ausstellungsmarketing eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Auch das kann man in Zürich gut beobachten. Auf der einen Seite der Blockbuster Chagall. Meister der Moderne im Kunsthaus Zürich mit großen Schlangen insbesondere an den Wochenenden vor der Kasse, dichtes Gedränge in der Ausstellung, einschließlich den auf dem Boden wuselnden Kindern mit dem Zeichnungsblatt zum Kinder-Audioguide. Eine Ausstellungsbesuchsgemeinschaft verbunden in einem Wir-sind-auch-hier-Bewusstsein. Wenige Fahrminuten vom Kunsthaus entfernt im haus konkret wirkt die Ausstellung Alex Katz – landscapes wie ein Antipode zu dem aufgeregten Gedränge im Kunsthaus. Die Ausstellungsräume im ewz-Unterwerk Selnau, in denen seit September 2001 die Stiftung für konstruktive und konkrete Kunst mit dem Museum haus konstruktiv eingezogen ist, strahlen eine fast esoterisch wirkende Erhabenheit aus. Nahe dem Bahnhof Selnau gelegen, der wie ein in der Sihl vor Anker liegendes Schiff mit der kraftvoll kubischen Architektur des ewz-Unterwerk wunderbar korrespondiert, ist es ein kontemplativer Ort. Ein geradezu idealer Ort für die zumeist großformatigen Arbeiten von Alex Katz mit Landscape von 1949 bis in die Gegenwart (Yello Flags, 2011). Die erste große Alex-Katz-Ausstellung in der Schweiz – und das in seinem 86.Lebensjahr. Es sind trotz ihrer riesigen Maße (My Mother’s Dream, 1998 mit 320 x 868 cm!) leise und stille Arbeiten. Oftmals sparsam reduzierte Flächen und Linien sind Grundelemente seiner Arbeiten, die großzügig gehängt manchmal wirken, als scheuten sie trotz ihrer Größe eine große Öffentlichkeit. Der Name Katz Deutsch gelesen, semantisch assoziiert, bietet eine interessante Alliteration: Alex Katz, der mit den Betrachtern seiner Arbeiten Katz und Maus spielt. In seinen Bildern sind Menschen auch dann anwesend, wenn sie physisch, ihrer Gestalt nach nicht zu sehen sind. Sie bilden mit der Natur eine Einheit jenseits realer Abbildung. Ihre Lebendigkeit verkörpern mitunter stellvertretend Naturerscheinungen (Sunset 2, 2008; Blizzard 2, 2005).

Bei Marc Chagall ist die menschliche Figur zentral (Der Spaziergang, 1917/18) . Zentral aber nicht unbedingt real (surnaturel bezeichnete Guillaume Apollinaire sie), dafür in metaphorischer Überhöhung (Für Russland, für Esel und für andere, 1911). Erinnerung und religiöse (jüdische) Herkunft, Traum und Hoffnung sind Referenzpunkte seiner künstlerischen Bemühungen, mit Malerei Welt zu verstehen. Für sich selbst und für andere. Unsere ganze innere Welt ist Wirklichkeit; mehr vielleicht als die sichtbare, ist Chagall überzeugt. Davon erzählen seine Arbeiten unter Verwendung wirklicher und symbolischer Erinnerungen an seine Herkunft; an den russisch-jüdischen Jungen aus Witebsk (Ich und das Dorf, 1911), der in Paris zum kosmopolitischen Weltbürger wurde (Paris durch das Fenster gesehen, 1913). Im Grunde sind sie Liebeserklärungen an das Leben, das in der Philosophie von Henri Bergson ein subjektiver Prozess eines kontinuierlichen Voranschreitens in der Zeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist. Der umgedrehte Frauenkopf in Das gelbe Zimmer (1911) antizipiert in seiner Darstellung Chagalls Nähe zum Bergson’schen Denken. Kinder sind frei von solchen reflexiven Implikationen. Sie betrachten beispielsweise Paris durch das Fenster mit einer Ermutigung zum Träumen (Zeichne die anderen Traumdinge aus dem Bild dazu, fordert das erwähnte Zeichnungsblatt auf). So werden die Kinder mit ihren Zeichnungsblättern vor den Gemälden zu Stolpersteinen, die uns behilflich sein könnten, Chagalls Malerei zu entmystifizieren und sie aus dem Hier und Heute zu betrachten. So könnte eine andachtsvolle, fast kultische Verzückung, in die der eine oder andere Besucher im Kunsthaus Zürich vor Chagalls Werken verfällt, zugunsten einer lebendigeren Teilhabe verringert werden. So wie der Fensterzyklus von Marc Chagall im Chor des Fraumünsters seit mehr als 40 Jahren zum Alltag Zürichs wie selbstverständlich gehört – und so auch behandelt wird.

Chagall. Meister der Moderne – die Ausstellung im Kunsthaus Zürich ist auf die für ihn künstlerisch entscheidenden Jahre 1911 – 1922 konzentriert, in denen er im Umfeld von Fauvismus und Kubismus seine eigene Bildsprache findet – und Alex Katz – landscapes – die Ausstellung im haus konstruktiv zeigt eine Œuvre, das sich in den 1950ger Jahre unabhängig und im Gegensatz zu in dieser Zeit vorherrschenden Kunstformen zwischen Abstraktion und Konzeption zu einer unverwechselbaren Bildsprache entwickelte – sind sich jetzt in Zürich zumindest räumlich nahe gekommen. Kommunikative Klarheit und philosophische Qualität bestimmen in weiten Teilen ihre je unterschiedlichen Arbeiten und zeigen im Vergleich doch korrespondierende Bildwelten, die es zu entdecken lohnt.

30.04.2013

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Über Peter E. Rytz Review

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