„Rose Bernd“ von Gerhart Hauptmann bei den Ruhrfestspiele 2013

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Ich will hier raus! Aber es gibt keinen Ausgang. Eingemauert in den Abhängigkeiten und Konventionen um 1900, ist Rose Bernd als junge Frau von Anfang an verloren. Mit Rose Bernd von Gerhart Hauptmann hat der Regisseur (und Intendant der Ruhrfestspiele Recklinghausen) Frank Hoffmann ein Stück ausgegraben, das relativ wenig auf deutschen Theaterbühnen zu sehen ist. Und das hat seine Gründe. Da sind einmal der in schlesischer Mundart verfasste Text und zum anderen der lange Schatten, den Gerhart Hauptmann als öffentliche Person nach seiner Nobelpreisverleihung 1912 hinterließ. Seine Selbstinszenierung als literarischer, erdverbundener Großfürst war gepaart mit einer zwiespältigen Nähe zu Blut-und-Boden-Ideologien. Sein Werk, das ausgangs des 19.Jahrhunderts von einer naturalistischen Moderne geprägt war, verweigerte sich in folgenden Jahrzehnten weitestgehend einer avantgardistisch inspirierten Dramatik in seinem Werk. Jede Neu-Inszenierung von Rose Bernd sieht sich deshalb mit einem Sowohl-als-auch konfrontiert:  Den situativen Naturalismus der Geschichte einer gefallenen Frau mit dem tiefenpsychologisch konnotierten Verständnis für eine Kindsmörderin zu reflektieren.

Frank Hoffmann öffnet mit seiner Auffassung von Rose Bernds Haltungen und Handlungen Perspektiven, die ihr ein heutiges, psychisches Not-Gesicht geben. Nicht nur der Boulevard-Journalismus ist voll von Berichten über sexueller Gewalt, Nötigung  und – auch Kindsmorden. In diesem Sinne bildet die der Inszenierung zugrunde gelegte transkribierte, deutsche Umgangssprache mit schlesischen Einsprengseln eine Brücke ins Heute. Zusammen mit einer diskret zurückhaltenden, gleichzeitig suggestiv wirksamen Musik (René Nuss) wurde der Inszenierung eine Ton-Grundierung gegeben, die den Weg Rose Bernds hin zu Seelen-Unheil und Mord kommentiert. In dem so geschaffenen Resonanzraum versetzte Jacqueline Macaulay als Rose Bernd mit einer differenzierten Sprachkultur die Bühne in einen widersprüchlichen Hallraum unendlich anmutender Gefühlstürze. Von den für einen Moment ín selbstverliebter Vergessenheit erklommenen erotisch neurotischen Jubel-Tonhöhen folgen fast übergangslos laute Hilfeschreien und wimmerndes Klagen. Macaulay ist schon allein mit ihrem Stimmenhöhen-Spektrum über mehrere Oktaven außerordentlich bühnenpräsent. Verbunden mit einem kraftvollen, gestisch körperlichen Spiel, gibt sie Rose Bernds Hoffnungen, Sehnsüchten und Enttäuschung einen überzeugenden Ausdruck. Hoffmanns Inszenierung verkürzt Rose Bernd nicht auf die zum Kindsmord Getriebene. Immer wieder gibt sie Jacqueline Macaulay die Gelegenheit, Rose Bernd als eine lebens- und liebesneugierige Frau zu zeigen, ohne das Aussicht auf eine wirkliche Lebens-Chance dafür  irgendwann bestand.  Das sparsame, in den ersten Szenen aseptisch rein wirkende Bühnenbild (Ben Willikens) bietet dafür einen mehrfach gebrochenen Reflexionsraum. Stück für Stück verliert sich aber das Aseptische. Scheibchenweise fahren die Kulissen im Verlaufe der zweistündigen Aufführung nach oben, als würden einzelne Lebensabschnitte nicht nur in den Theaterhimmel selektiert. Die Zeit verrinnt, die Luft wird dünner, die verbleibenden Räume kleiner. Rose Bernds Spielräume sind schließlich verstellt. Von denen, die sie im Grunde nur als Jagdobjekt mit einem fröhlichen Ein Jäger aus Kurpfalz, er reitet durch den grünen Wald. Er schießt das Wild daher, gleich wie es ihm gefällt! ansahen (Wolfram Koch als Dr. Flamm in herrisch bereinigter Amour fou-Pose und Luc Feit als Streckmann intrigant, lächerlich und machtbewusst zugleich). Aber auch von denjenigen, die eigentlich mit ihr sind (sein sollten), lassen sie in mit ihren blutenden und nicht-blutenden Wunden in einem danse macabre allein. Ich habe mich so geschämt! Weder der in seiner blutleeren Frömmigkeit sich zu ihr bekennende Ehemann August Keil (Steve Karier spielt einen kreuzbraven, falschen August mit weltfremder Naivität) noch Vater Bernds haushälterisch begrenzte Tochterliebe (Ulrich Gebauer demaskiert auf subtile Weise Vater Bernd in seiner frömmlerischen Verhärtung durch gestische Akzentverschiebungen) können diese Scham verstehen. Die Welt kommt einem so fremd vor. Das Menschenkind Rose Bernd wird durch die Welt, die sie sich eigentlich als Ort von Liebe und Geborgenheit wünscht, ihrer Menschlichkeit entfremdet. Das rosarot ausgeleuchtete Schlussbild mit einem überdimensionierten, (himmel)hoch ragenden Kinderbettchen taucht Rose Bernds einsame Verlassenheit in eine traurige Melancholie.

photo streaming Rose Bernd

16.05.2013

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Über Peter E. Rytz Review

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