„Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind“ von Franz Xaver Kroetz – Stücke 2013, 38. Mülheimer Theatertage NRW

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Mit Made in Deutschland hat Franz Xaver Kroetz sein Stück Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind wie ein Produkt der Wirtschaft gelabelt. Mit den ersten Sätzen wird das Publikum erbarmungslos gezwungen, den Onkels mit ihrer kaum auszuhaltenden, perfiden Rechtfertigungslogik in menschliche Untiefen zu folgen. Mir liegt das Böse nicht. Mir liegt mehr das Gute. Grotesk verwackelte, verzerrte Bilder von brutaler, besitzergreifender Liebe-Fürsorge-Selbstherrlichkeit gegenüber einem Kind. Mittels Verbalakrobatik aus Böse ein Gut machen. Kroetz seziert dieses teuflische Spiel in einem Sprachduktus beiläufiger Nonchalance. Aber genau diese Beiläufigkeit lässt keine Distanzierung beim Zuschauer zu. Es unterläuft sie geradezu. Das missbrauchte Kind geistert wie ein Phantom durch die Erzählung. Es ist der namenlose Bub, dem in indirekter Rede von den Tätern absichtsvoll Worte in den Mund gelegt werden, die ihre gemeingefährliche Fürsorge für das liebe Kind auf perfide Weise rechtfertigen sollen. Tut das weh, Onkel. Nein. Wenn es weh tut, tun wir es nicht. Es tut nicht weh. Wirklich nicht. Nein. Im Kroetz’sche Text sind keine Fragezeichen gesetzt. Es ist ein gefühlloser  Fluss von Worten, von syntaktischen Verdrehungen, die sich zu Wellenberge von Lügen aufstauen. Von keinem Unrechtsbewusstsein getrübt, tropft das stinkend vor sich hin. Eine schauspielerische Herausforderung, die eine professionelle Rollenaneignung jenseits üblicher Empathie weit übersteigt. Unterschwellig ist sicher irgendwo die Angst da, die Täterrolle so authentisch darzustellen, zumindest ein wenn auch gebrochenes Verstehen auf der Bühne zu spielen und dabei das Gefühl nicht los zu werden, jemandem auf dem Leim gegangen zu sein. Gespenstern gleich, die in lapidaren Konjunktionen Wirklichkeit verschatten, versprühen sie ihr Atemgift auf der Bühne. Wally (Ulrike Wallenbacher) und Elfi (Marie Seiser) müssen dieses Gebräu nicht nur mit atmen, sondern sind Spielball in diesem pervertierten Mikrokosmos. Wer will, wer hat noch nicht. Sie sind mehr oder weniger willfährige Mitspielerinnen. Rammbock-Sündenbock-Körper eingeschlossen. Fassungsloses Entsetzen war nach wenigen Minuten fast körperlich in der Stadthalle Mülheim beim Gastspiel des Cuvilles Theater München zu spüren. Anne Lenk nimmt mit ihrer Inszenierung kein Blatt vor den Mund. Da, wo sich die Onkels (Shenja Lacher, Franz Pätzold, Gerhard Peilstein, Lukas Turtur, Manfred Zapatka) die von ihnen reingewaschenen Dreck-Blätter nicht nur als Feigenblatt vor die Scham halten, sondern sie genüsslich in den Mund stecken, bekommen sie es mit der Bühnenbildnerin Judith Oswald zu tun. Sie setzt die Bühne unter Wasser. Die aufgebauten Sprachbarrikaden kommen ins Rutschen. Und mit ihnen die ganze Männergesellschaft. Sie stehen mit dem Füßen im Wasser, das ihnen aber in Wirklichkeit bis zum Hals steht. Das Wasser unterspült ihre bis dahin behauptete unerschütterliche Standfestigkeit. Selbstrechtfertigungsversuche kommen ins Rutschen. Gegenseitig spritzen sie sich ihren feuchten Kehricht ins Gesicht. Über ihnen schwebt wie ein Damoklesschwert eine Gefriertruhe. In ihr, man ahnt es beklemmend von Anfang an, das liebe Kind. Zu-Tode-gefürsogt. Auf der Bühne  sudeln sich die Argumente, ertränken sich  im Wort-Schlamm unerträglichen Lamentierens. Gegenseitig sich ins Wasser stoßend beschuldigen sie sich in wassertriefendem Höhnen. Feuchte Luft drang von der Bühne in den Zuschauerraum. Irgendwann war nicht mehr auszumachen, ob es allein ein Mitgefühl mit der immer wieder ins Wasser gestoßenen, bis zum bitter feuchten Ende dort liegen gelassenen Elfi  war, das die eigene Haut feucht werden ließ. Oder war es, als ob man selbst dort vor Kälte und Nässe klappernd läge.  Zehn Jahre lang lag das Stück bei Kroetz in der Schublade. Niemand wollte es aufführen (und sich daran verbrennen?). Das Stück lag, obwohl man den Eindruck haben kann, dass sexuelle Nötigung von Kindern, Pädophilie, zunehmend häufiger in den Tagesmeldungen auftaucht, offenbar nicht in der Zeit. Anne Lenks Inszenierung legt die Jetzt-Zeit in das Stück. Diese thematisierte Unmittelbarkeit führte in der Podiumsdiskussion zwangsläufig zu vielen Fragen: Ist die Bühne der richtige Ort für dieses Thema? Führt eine öffentliche, theatralische (künstlerische) Aufführung nicht auch zu weiteren seelischen Verletzungen von wehrlosen Opfern? In der Münchener Theaterpraxis des Cuvilles Theaters finden vor der Vorstellung Erläuterungen zum Stück statt. Jedem Theaterbesucher  wird somit eine doppelte Versicherung mit auf dem Weg gegeben, wenn er sich für diesen Theaterabend entscheidet. Das ist das Mindeste, was ein demokratisch inspiriertes Theater (als Bildungsanstalt im Lessing’schen Sinne) leisten kann – und auch muss.

24.05.2013

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Theater veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s