Weegee – The Famous in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

 

 

 

Wenn sich jemand in breitschultriger Geste mit I‘m the greatest so wie einst die Box-Legende Cassius Clay inszenierte, ist das angesichts heutiger, gehypter Kurzzeit-Grösse, die im Kleinformat nur lächerlich daher kommen, in nostalgischer Verklärung wenigstens noch amüsant. Wenn in den Anfängen des Fotojournalismus in den 1930ger Jahren jemand seine Fotografien mit einem Stempel Credit Photo by Weegee the Famous signiert, wird man in ihm niemand ohne Selbstbewusstsein vermuten. Und bei Weegee alias Arthur Fellig liegt man mit dieser Vermutung sicher nicht falsch. Er kannte keine Hemmungen, wenn es um das Foto ging. Unter The Famous machte er es nicht. Die  Ausstellung Weegee – The Famous in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen tritt dafür den Beweis an (noch bis 8.September 2013). Dafür hat das Institut für Kulturaustausch, Tübingen posthume Abzüge aus seinem Besitz und sogenannte ExhibitionsPrints zur Verfügung gestellt. Dass es sich bei den Fotografien nicht um Vintage-Photos handelt, ist insofern ein kleiner Makel in dieser ansonsten feinsinnig kuratierten und gehängten Ausstellung (Dr. Christine Vogt), da Weegee seine Fotografien journalistisch absichtsvoll beschnitten hat. Für spektakuläre Gebrauchsfotografien, und allein darum ging es ihm in den ersten Jahren als Bildjournalist, setzte er sich keine Grenzen, um dem für Zeitungen und Zeitschriften publizierte Bild eine unmittelbare Direktheit zu geben. Auch Retusche oder zusätzliche Inszenierungen (Kritik, 1943) wurden von ihm bewusst eingesetzt, um die Aussage des Bildes zu verstärken. Ob es ihm dabei auch um eine sozial-kritische Perspektive ging, wie manche Kunstkritik später zu entdecken glaubte, ist allerdings zu bezweifeln. Weegee war in dieser Phase seiner fotografischen Tätigkeit zu allererst auf das Spektakuläre, das Monströse, das Außergewöhnlich aus. Von dieser Exklusivität seiner Bilder lebte er. Frei von Skrupel, ohne jede Scheu hielt er seinen Fotoapparat mitsamt dem Blitzlicht den Opfern direkt vors Gesicht. Und Opfer von Mord und Todschlag, von Verkehrsunglücken oder Bränden waren sie zweifellos, denen er so nah wie möglich auf den Pelz rückte. Häufig reichte ihm, der von sich behauptete, dass er schon bei der Leiche war, bevor sie tot war, das allein nicht aus.  Nur die vorgefundene Situation abzulichten, war ihm oft nicht gut genug. Sie musste ein erschütterndes, von jedem Betrachter uneingeschränkt nachvollziehbares Mitleid-haben-wollen-sollen bewirken  (Tenement Fire, Harlem, 1942). Er machte ein weit verbreitetes Bedürfnis nach voyeuristische Teilhabe  zu seinem fotografischen Auftrag – und die Betrachter seiner Fotografien gleichzeitig zu seinen Komplizen. Er hatte ein untrügliches Auge für die dramaturgischen Wirkungen eines Bildausschnittes. Unscharfe  Bewegungen (Sommer Lower East Side, 1937), fallende Linien und Schattenlinien (Unter der Hochnahn, Bowery, o.J.), verschränkt mit Texten im Bild (Simply and boiling water, 1937), und die Position der Aufnahme auf Augenhöhe mit den Opfern (Der Erkennungsdienst bei der Arbeit, 1941), sind so zu seinem Markenzeichen geworden. Mit seinen intradiegetischen Bildarchitekturen zeichnet er eine räumlich-zeitliche Welt unterschiedlicher Charaktere.  Häufig auf dem Asphalt liegend (Ride victim 1940) oder angeschnitten von unten (Transvestit, 1939), erhöhten sie die Bilddramatik. Weegee machte vor, was Jahrzehnte später als Paparazzi-Fotografie die Yellow Press bestimmen sollte. Was bei ihm ohne vorhandene Zoom-Technik notwendig eine fast naiv unschuldige Dicht-dran-Direktheit hatte, die sich um Persönlichkeitsrechte nicht scherte (kümmern musste?), wurde später den auf Sensationsfotos von Prominenten abonnierten Paparazzi, ausgerüstet mit Zoom-Objektiven, die nicht nur wie Schusswaffen aussehen, sondern auch zum fotografischen Abschiessen von Menschen in mehr oder weniger spektakulären, häufig intimen Situationen benutzt werden, ein ökonomisch kalkuliertes Distanz-Fotografieren. Es ist in der Ausstellung gut nachzuvollziehen, wie Weegee in dem Moment, wo er sich durch geschicktes, einfallreiches Marketing und Selbstinszenierung als Dandy und Boheme ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet hatte, sich seine finanzielle Unabhängigkeit stabilisierte, er sich mehr und mehr von der Strasse ab- und dem Glamour der High Society zuwandte. Nichts Weltliches war ihm auch dabei fremd. Time is short, kann als mehr als nur eine Bildunterschrift gelesen werden. Zeit ist kurz, nutze sie. Mit welchem Tempo Weegee sie genutzt und fotografiert hat, davon erzählt Weegee – The Famous.

 Photo streaming Weegee

  02.06.2013

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Über Peter E. Rytz Review

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