Academy of St. Martin in the Fields – in Köln Zuhause

Das Kammerorchester Academy of St. Martin in the Fields hat in der Kölner Philharmonie fast ein  zweites Zuhause.  Warm und herzlich wurden die Musiker und Musikerinnen sowie ihr erster Gastdirigent und einer der gefragtesten Pianisten der Gegenwart Murray Perahia schon beim Betreten des Konzertsaales begrüßt. Der Jubel wollte in diesem facettenreichen, allein Wolfgang  Amadeus Mozart gewidmeten Konzert am Schluss kein Ende nehmen. Der Eindruck, in Köln Zuhause zu sein, wurde durch eine kleine Beobachtung nach dem Konzert mit einem kleinen Schmunzeln bestätigt. Den Rezensenten dieser Zeilen trieb der Hunger nach dem Konzert in den Hauptbahnhof Köln zu einem türkischen Schnellimbiss. Justament in dem Augenblick war der Viola-Spieler vom ersten Pult, der eben noch im Eingangskonzert der Serenade D-Dur KV 239 den Solo-Viola-Part gespielt hatte, offenbar auch hungrig. Ortskundig steuerte er zielsicher, auf dem Rücken seinen Instrumentenkoffer sicher verwahrt, eben jene Theke an. Vielleicht ein Bild für das Vertrautsein von Publikum und Musiker. Aber das allein machte das Konzert von Academy of St. Martin in the Fields an diesem Abend nicht zu einer kleinen Kostbarkeit. An diesem Konzertabend wurde lehrbuchreif vorgeführt, in welchen Formaten ein Kammerorchester musizieren kann. Und mit welcher Qualität. Die erwähnte Serenata notturna von 1776 spielten sie dirigentenlos. So wie die Academy bei ihrer Gründung 1958 vornehmlich spielte. Als dirigentenloses Ensemble setze es Maßstäbe für ähnlich ambitionierte Kammerorchester. Mit Vergnügen war zu beobachten, mit welcher Verve sich die Solo-Streichinstrumente gemeinsam mit Kontrabass und Pauke die Tonmotive zuwarfen. Immer wieder huschte über die Gesichter der Solisten ein Lächeln, das sie an die anderen Instrumente mit freudigem Überschwang im Stil eines Concerto grosso weitergaben. Das Konzert für Klavier und Orchester D-Dur KV 537 dirigierte Maestro Murray Perahia von Klavier aus. Um die Entstehungsgeschichte dieses Konzerts ranken sich viele Spekulationen, die sich auch im Namen Krönungskonzert widerspiegeln. Dem intimen Charakter des Konzert sowie seinem ihm nachgesagten Flüchtigem, Improvisiertem koste Perahia besonders in seinen Klavier-Soli mit empfindsamen Gespür auch für das der Komposition  innnewohnende Intime aus. Den von Mozart mit ad libitum bezeichneten Bläsersatz bietet jedem Interpreten reichlich Gelegenheit eigene Schwerpunkte zu setzen. Murray Perahia fand nicht nur dafür exzellente Lösungen. Auch die Klangfülle des Finales wusste er überzeugend im Zusammenspiel mit dem Orchester eine musikalisch interessante Struktur zu geben. Von Beifallsstürmen immer wieder auf die Bühne gerufen, kapitulierte Perahia vor den Erwartungen des Publikums, die Bühne nicht ohne ein solistisches Kabinettstück am Klavier freizugeben. Es war dazu die einzige Gelegenheit.  Nach der Pause folgte die dritte Variante, gewissermaßen die klassische, das Orchester vom Pult aus zu dirigieren. Mozarts Sinfonie Es-Dur KV 543 von 1788 zählt zu seinen letzten drei Sinfonie und zu den rätselhaftesten. Im Programm wird eine frühe Kritik zitiert, die das Werk vor allem mit seinen letzten Takten als styllos, abschnappend, dass der unbefangene Hörer nicht wüsste, wie ihm geschieht, bezeichnet. Man kann auch nach Murray Perahia Dirigat nicht unbedingt behaupten, dass jener Kritiker total unrecht hätte. Polyphonische Kontraste rhythmisieren, unterbrochen von Tutti-Solo-Kontrasten, lebhafte Musikausschläge. Das alles hinterließ allerdings mehr Fragen als Antworten. Obwohl Perahia immer wieder klare Antwortlinien suchte, schienen die Musiker ihm nicht immer folgen zu wollen. Letztlich triumphierte aber Mozarts Genie und bahnte Musiker und Dirigent zu einer kontrastreichen Interpretation. Drei Mozart-Kompositionen, die auf den ersten Blick leicht und fröhlich daher zu kommen scheinen. Wie mit dem hungrigen Viola-Solisten erlebt, war es aber offensichtlich energiezehrendere Arbeit als gedacht.

  06.06.2013

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Über Peter E. Rytz Review

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