Zwei Seelen wohnen, ach in meiner Brust – New Angels in der Inszenierung von Frank Hoffmann bei den Ruhrfestspielen

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Mit Engeln ist das so eine Sache. Engel als Boten Gottes sind Wesen von einem anderen Stern.  Sie sind Träger von Botschaften Gottes an die Menschen. Hienieden auf Erden können Menschen keine Engel sein. Höchstens engelgleich für einen kurzen Moment. In Kleinkinder, wenn sie unschuldig entzückt in die Welt lächeln, meint man ein Engelsgesicht zu entdecken. Zeit vergeht und mit ihr die Unschuld. Was bleibt, ist höchstens noch eine unbestimmte Sehnsucht nach besseren Engelsgedulds-Tagen. Johann Sebastian Bach scheint von der heilsamen Wirkung solcher Engel viel gewusst zu haben. Zumindest hat er sie in seinen Kantaten immer wieder beschworen. Mit Bleibt ihr Engel, bleibt bei mir erinnerte Der Mann (James Oxley, Tenor) mit dieser Bach-Kantate in der  Inszenierung von Frank Hoffmann bei den diesjährigen Ruhrfestspielen (Koproduktion mit Theatre National du Luxembourg) am Ende seinem Alter ego Der andere Mann (Jean-Guillaume Weis) an die Nachhaltigkeit des wahren schönen Guten. Die von New Angels verheißenen Hoffnungen erwiesen sich als kurzatmige Phantasmagorien. Schon zu Beginn hatte die Inszenierung eine fragend skeptische Tonlage angestimmt. Aus dem Off las eine weibliche Stimme mit bedeutungsschwangerer Dialektfärbung Walter Benjamins Reflexionen zur Aquarellzeichnung Angelus Novus von Paul Klee. Benjamin besaß diese Zeichnung viele Jahre und hatte Zeit genug, um sich mit Klee einem Neuen Engel der Geschichte zu vergewissern. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet….Aber ein Sturm weht vom Paradiese her…Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft… Mit Benjamin gemeinsam mit Klee und Bach entwarf Hoffmann eine Spiel-Szenario, das Flugzeuge in unseren Bäuchen in einer so noch nie gesehenen und gehörten Konstellation zum Klingen brachte.

Frank Hoffmann hat sich die Erzählung Die schwarze Katze von Edgar Allan Poe als Stoff- und Inspirationsquelle für seine Inszenierung New Angels (nach einem Konzept von Martin Haselböck) auf eine hintergründige Weise  zu eigen gemacht.  In einer allegorischen Farce von Wunsch und Vorstellung animiert er das Publikum in der Halle König Ludwig in Recklinghausen zu einem Selbstversuch. Angerichtet mit einem fulminanten Tanz-Gesangs-Schauspiel, das in einem Barock antizipierenden  Mehrebenen-Bühnenraum  mit ausgeklügeltem Lichtdesign einen Spielraum hat, in dem Engel und Luzifer zugleich um die Wette tanzen. Man wird an den Figurenkosmos von Rene Magritte erinnert, wenn sich Schatten und Vorderbühne verschränken. Wahrnehmungen – was ist vorn die Wirklichkeit, was ist hinten die Fiktion –  werden unsicher, unbestimmt. Sie verlieren ihre bisher so verlässlich eindeutig scheinenden Sicherheiten. Wer kennt das nicht, wenn sich nach Jahren zwischen ihr und ihm Langweile, manchmal gar unterschwellig aggressive Larmoyanz einstellt. Ehedem erfüllte Liebe und Zuneigung ist irgendwann nicht mehr als nur noch ein leerer Ritus. Sylvia Camarda spielt nicht nur zwei Frauen in einer. Sie muss auch noch zwei Tode sterben. In den Spielszenen mimisch reduziert, wirkt manches etwas zu klischeehaft. Tänzerisch überzeugte sie dagegen durch beweglichen, bildhaften Ausdruck. Einerseits bediente sie in maskenhaftem Posing dem Abziehbild einer Postkarte-Ehe-Idylle. Andererseits ist sie die Verführungskatze erotomaner Männer-Phantasien. In diesem Vexierspiel geben die Instrumentalisten (Solisten des Orchesters Wiener Akademie & Musica Angelica Baroque Los Angeles) zusammen mit dem Tenor James Oxley sowie den über Tonband eingespielten Songs von David Sylvain den Takt. Vor allem die Taktwechsel zwischen dem Schein-Idyll im (Ehe)Kerkerambiente und der schleichenden Versuchung, dass der reitende Bote doch noch die Sehnsucht nach dem ewigen engelgleichen Wesen erfüllen könnte, forcieren die Inszenierung.  Das hat Witz, Esprit und Tempo. Der Boulevard ist nah, aber doch wieder so fern, dass die ernsthaften Untertöne des Angelus Novus nicht zirzensisch verramscht werden. Und, wie gesagt, mit den Engeln kommen die Botschaften. Sich ihnen zu entziehen, fiel schon allein durch die musikalischen Interventionen schwer. In tänzerischem Furor wurden Botschaften in den Bühnenboden eingeschrieben, als würde ihnen Johann Wolfgang von Goethe mit Faust fürsprechen. Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen; die eine hält in derber Liebeslust sich an die Welt mit klammernden Organen; die andre hebt gewaltsam sich vom Dunst zu den Gefilden hoher Ahnen. Von der Bühnen herab erreichten sie an diesem Abend jedenfalls den Großteil eines begeisterten Publikums.

Photo streaming New Angels

12.06.2013

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Über Peter E. Rytz Review

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