Weltpremiere von Jordi Savalls neuem Musikprojekt Bal-Kan in der St. Reinoldikirche in Dortmund

 

Honig und Blut vermischt, ergibt einen Musikalischen Dialog der Völker des Balkans und die Diaspora der Roma und sephardischen Juden. So jedenfalls die etwas sperrige Ankündigung der Weltpremiere Bal-Kan, dem neuesten Musikprojekt von Jordi Savall und seinem Ensemble Hesperion XXI (mit Gastmusikern) im Rahmen des 5.KLANGVOKAL Musikfestivals Dortmund gestern in der St. Reinoldikirche. Gespannte Aufmerksamkeit schon vor Konzertbeginn. Trotzdem wurde von kaum jemand bemerkt, wie Jordi Savall um 19:58 Uhr die Bühne durch den Seiteneingang betrat und sich von da aus mit seinen Musikern von der Hinterbühne ins Rampenlicht begab. Freu‘ Dich jetzt auf ein Klangerlebnis der besonderen Art!, raunte eine junge Frau ihrer Nachbarin bedeutungsschwanger zu und ergänzte, die Erwartung noch weiter steigernd, Jordi Savall ist einen Spitzen-Musikforscher, ein Spitzen-Musiker; einfach Spitze,  der Mann. Mit so reichlichen Vorschusslorbeeren bedacht, konnte das Konzert eigentlich nur wunderbar werden. Aber euphorische Hochstimmung zählt ab dem Moment wenig, wenn der erste Ton erklingt. Claudio Abbado hat dieser Tage in einem Interview einer großen deutschen Wochenzeitig bemerkt, dass Die Musik uns zeigt, dass Hören grundsätzlich wichtiger ist als Sagen. Der Katalane Jordi Savall hat sich für Bal-Kan Musiker versichert, die in der Tradition sephardischer und südost-europäischer Gesangs- und Musizierkultur sozialisiert sind. Nachdem er über Jahrzehnte in seinem ihm vertrauten Kulturraum frühe Musik der iberischen Halbinsel sowie mittelalterlich geistliche Musik revitalisiert und interpretiert hat, hat er sich mit seinem neuen Musikprojekt in Musikgefilde gewagt, die nicht Teil seiner originären Lebenswirklichkeit sind. Und das ist dem musikalischen Ergebnis durchaus anzumerken. An einigen wenigen Stellen gab es kleine Abstimmungsprobleme zwischen Sängern und dem Ensemble Hesperion XXI sowie mit den eingeladenen Musikern. Aber das waren nur Nuancen, die das Publikum schon zum Abschluss des ersten Teils nicht von ihrem enthusiasmierten Applaus abhalten konnte. Der Andrang am CD-Verkaufsstand erschien wie die Verlängerung eines ungestillten Akklamationsbedürfnisses.

Musik als kultureller Sprachmodus generiert ihre Töne in Taktarten und –maßen, die in Jahrhunderten eine eigene Raumtiefe ausgeprägt haben. Sie sind in den jeweiligen Kulturräume verwurzelt. Das schließt nicht aus, sich als Fremder das Fremde in einem Kulturationsprozess anzueignen. Savall hat sich mit dem Ensemble Hesperion XXI einen interkulturellen, orchestralen Resonanzkörper geschaffen, der es ihm ermöglicht, sensibel und authentisch fremde Musikkulturen in eine westlich geprägte Kommunikation zu überführen. Für Bal-Kan hat er die musikantische Hesperion-Grundstruktur mit Musikern aus der Türkei, Ungarn, Bulgarien, Serbien und Griechenland erweitert. Sie übernehmen in der Programmabfolge von Schöpfung, den vier Jahreszeiten und Die Versöhnung die Funktion eines originären Balkanmusik-Kommentars zu den Savall-Instrumentierungen, die im Wesentlichen vom Ensemble Hesperion XXI gespielt werden. Ihre Konzerte sind inzwischen Inszenierungen in Form einer mythisch überhöhten Hagiographie. Die in einem  doppelten Halbkreis aufgestellten Musiker – im wesentlich vorn die Hesperion-Musiker, dahinter die Gastmusiker – evozierten den Eindruck eines religiösen Hochamtes. Der über ihnen in der Apsis der St. Reinoldikirche an einem Kreuz hängende Jesus konnte in der Person des Kontrabassisten Mihailo Blam aus Serbien wie dessen Spiegelbild wahrgenommen werden. Wenn man so will, eine metaphorische Transformation des Erhabenen in das Heute von Bal-Kan. Der in der Mitte des Halbkreises sitzende, vollbärtige Pedro Estevan (Percussion) hatte etwas von einem Hohepriester, der, als wäre er der Mittler des mit zerfurchter Stirn spielenden und lenkenden, hochkonzentrierten Maestro Jordi Savall, in asketischer Zentrierung den Takt perkussiv weiterleitete. In klassischer Bühnendramaturgie, links  außen sitzend, entsprach Savall nicht nur der Funktion des avantgardistischen Aufklärers im Theater, sondern bestimmte auch in den unsymmetrische Taktarten dieser Musik ihren Sound. Mutig nahmen die Gastmusiker die von ihm offerierten Angebote an, ihre Musik einerseits in geradezu entrückter Schwermut und andererseits in entfesselter Freude zu spielen. Wobei Spielen eine diminutive Verharmlosung für das ist, was an expressiver Atemlosigkeit (Bora Dugic auf der Frula) oder ausgreifender Improvisation (Gyula Csik mit einer Zigeuner-Improvisation von Richard Stein auf dem Cimbalom) zu sprachlosem Staunen Anlass gab. Das Musikprojekt Bal-Kan erhält seine musikalische Farbigkeit aber wesentlich durch die Gesänge. Die bulgarische Sängerin Stoimenka Outchikova-Nedyalkova bediente in ihrer Einheit von traditioneller Kleidung und dem Gesangsregister ihrer Falsett-Kopfstimme, vordergründig betrachtet, ein  weit verbreitetes Balkan-Folklore-Klischee. Ihre lyrischen Lied-Interpretationen schoben den ersten Augenschein zugunsten einer hohen Gesangskunst, die mit leidenschaftlicher Gefühlsdichte überzeugte, schnell  beiseite. Ganz anders, deswegen aber nicht weniger ausdrucksstark, die griechische Sängerin Irini Derebei. Ausgehend vom Fundament ihrer klassischen Gesangsausbildung hat sie sich frühzeitig intensiv mit byzantinischer Musik beschäftigt. Insbesondere in den traditionellen Liedern aus Zypern (Yasemi mou) oder in Dentri, einer griechisch-orthodoxen Weise aus Gesang und Tanz setzte sie feine Akzente. Während die Sängerinnen zumeist die fröhlich unbeschwerte Seite der Bal-Kan-Seele in ihren Liedern ausmalten, interpretierten Lior Elmaleh aus Israel eher sephardische Ritualgesänge sowie der französische Bariton Marc Mauillon mit Stabat Mater, einem byzantinischen Gesang aus dem 9.Jahrhundert, den er aus der Mitte in Kantor-Pose andachtsvoll sang, vor allem in einem nach Innen gewandten Duktus. Im Gegensatz zu seinen bestens disponierten Gesangskollegen schien Gürsoy Dincer an diesem Abend merkwürdig blass  und uninspiriert. In der Geste eines gelassenen, sich seiner musikalischen Überzeugungskraft gewissen Triumphators nahm Jordi Savall  am Ende den Beifallssturm huldvoll entgegen. Wie alle bisherigen Musikprojekte wird auch Bal-Kan seinen Weg auf die Konzertpodien dieser Welt finden und den Ruhm von Jordi Savall mehren.

20.06.13

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Über Peter E. Rytz Review

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