My sweet Canary brachte mit dem Rembetiko-Sound das domicil in Dortmund ins Schwitzen

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Am Ende hielten es Teile des Publikums nicht mehr auf ihren Sitzplätzen. Der Rhythmus des Rembetiko tat seine Wirkung. Sie tanzten sich vor der Bühne den  exotischen 9/8-Takt von der Seele. Diese Musik allein nur zu hören, widerspricht ganz offensichtlich ihrem Charakter. Rembetiko erzählt in blues-verwandter Form von Leid und Freude. Dieser Musikstil hat seinen Ausgangpunkt in den Flüchtlingsströmen nach den griechisch-türkischen Auseinandersetzungen in den 1920ger Jahren. Roza Eskenazi (1895 – 1980), eine der eindrucksvollsten Rembetiko-Sängerin  machte diese Musik dort populär, wo sich Armut und Leidenschaft trafen. In Spelunken und Bordellen. Heute ist die Musik auf den Konzertbühnen angekommen. Wie jetzt beim KLANGVOKAL Festival Dortmund im Jazzclub domicil. Ausgangspunkt für diesen Popularitätsschub ist die filmische Hommage an Roza Eskenazi mit dem Dokumentationsfilm My sweet canary – A journey through the life and the music of Roza Eskenazi von Roy Sher (2011). Das sich auf diesem Hintergrund gegründete Ensemble My sweet canary spielt mit Bouzouki, Gitarre, Baglamas, Akkordeon, Cimbalom, Trommel und Geige Rembetiko-Musik als Hommage an Roza Eskenazi weltweit mit großem Erfolg. Jetzt auch in Dortmund. Die Musik hat häufig  auch in ihren fröhlichen, tänzerischen Momenten einen elegisch klagenden Ton. Irgendwie ist eine schicksalhafte Traurigkeit immer hörbar. Allein, Rembetiko ist ohne Gesang nicht vorstellbar. Die Stimme schafft mit ihren auf- und abbrechenden Intervallen einen schwer zu beschreibenden Körperklang. Ohne sie, so der Eindruck beim Konzert von My sweet canary, würde die Musik uneingelöst zerfließen. Mit drei sehr unterschiedlichen Sängerinnen, unterschiedlich in der Stimmfärbung und in der rhythmischen Kommunikation, haben sich die Instrumentalisten (leider namenlos, da weder dem Programm noch einer Internetrecherche konkrete Namensangaben zu entnehmen waren) zu einem Musizieren zusammen gefunden, dass letztlich nicht nur gehört werden will, sondern den ganzen Körper in Bewegung versetzt. Die griechische Rhythmikerin Yota Nega stimmte zum Konzertauftakt, unterstützt durch die starke Präsenz ihre Körperlichkeit, den Rembetiko-Ton behutsam und gleichzeitig kraftvoll an, der die Zuhörer je länger das Konzert dauerte, mehr und  mehr in seinen Bann zog. Wunderbar bei ihr zu beobachten, wie Frauen, die nicht unbedingt dem Body Mass Index einer Tänzerin entsprechen, eine Anmut eigen sein kann, die mit kleinen Bewegungen aus der Hüfte heraus ihren Gesang tänzerisch mit erotischen Nuancen zu einem jubelnden Triumph werden lassen. Aus der Perspektive nördlicherer Gefilde möchte man sich von dieser Vitalität anstecken und sich zu einer liebenswürdig charmanten Gelassenheit verführen lassen. Mit der geheimnisvollen Liederzählerin Mehtap Demir aus der Türkei konnte man eine weitere Rembetiko-Facette hören, sehen und erleben. Demir verfügt über eine lyrische Gesangkultur, die sich intim, erst nach und nach in ihrer Tiefe entdecken lässt. Zusammen mit Nega machte sie die Bühne zu einem Tanzboden verführerischer Tonmomente. Die dunkeläugige, israelische Schöne Mor Karbasi vervollständigte nicht nur das Trio der Sängerinnen sondern brachte eine weitere Farbe auf die Bühne. Nicht nur die Schönheit einer eleganten Frau sondern gleichermaßen die tempramentvolle Schönheit ihrer Stimme. Die dem Rembetiko eigene Sturzhöhe von hoch aufjubelnd und zu Tode betrübt sein, wurde bei ihr zu einer mitreißenden Gesang-Tanz-Performance. Wer sich bis dahin noch vom Rembetiko-Rhythmus unbeeindruckt gab, hat sich höchstwahrscheinlich nur cool in die Tasche gelogen. Viele können es jedenfalls nicht gewesen sein. Am Ende des Konzerts rann nicht nur den Sängerinnen der Schweiß ins Dekoltee; ein Großteil des Publikums schwitzte beim Applaudieren um die Wette.

 photo streaming  My Sweet Canary

22.06.13

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Über Peter E. Rytz Review

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