Vergewisserung von Zukunft in der Gegenwart mit Richard Wagner im Sternzeichen-Abonnementkonzert in der Tonhalle Düsseldorf

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Dass Richard Wagner ein muskalischer Visionär war, ist unbestritten. Andererseits war er aber ebenso wenig Kassandra, wie es Andrey Boreyko sein wollte, als er auf die Frage des Dramaturgen Uwe Sommer-Sorgente im Star Talk vor dem gestrigen Sternzeichen-Konzert Der einzig Wahre in der Tonhalle Düsseldorf, warum Wagner keine Sinfonien komponiert hat, antworten sollte. Die aphoristische Zuspitzung, dass Anton Bruckner die Sinfonien für Wagner komponiert hat, ist auch nicht mehr als eine interessante Gedankenspielerei. Wie auch immer. Seine Musik wird von scheinbar unendlichen Melodien getragen, die mit ihrem emotionalen Gestus eine Sogwirkung haben, dem man sich kaum entziehen kann. Wagners Musik hat ein unbedingtes Suchtpotential. Wagner verstand sie als Zukunftsmusik, hatte der Intendant Michael Becker einführend auf der Bühne gerade den Satz begonnen, als ein Handy klingelte. Ob sich der Visionär Wagner Klingeltöne hätte vorstellen können, ist kaum anzunehmen. Zukunftsmusik hört sich anders an. Der amerikanische Komponist Christopher Rouse hat mit Der gerettete Alberich – Fantasy for Solo Percussion and Orchestra (1997) eine Dialogstruktur entworfen, die von heute eine Facette aus Der Ring des Nibelungen mit Wagners Auffassung einer Zukunftsmusik kurzschließt. Der Alberich aus dem Rheingold, der mit seinem Fluch Gewänn ich nicht Liebe – doch listig erzwäng’ ich mir Lust! die Nibelungenerzählung in Gang setzt, verschwindet zum Schluss in der Götterdämmerung, ohne das Wagner erklärte, wo er bleibt. Rouse hat sich mit seiner Komposition nichts weniger vorgenommen, als Alberichs Weg in die Zukunft, sein Weiterleben zu imaginieren. Herausgekommen ist ein musikalischer Dialog, der nicht nur Alberich rettet, sondern gleichzeitig auf eindrucksvolle Weise zeigt, wie man mit Wagner auf Augenhöhe musizieren kann. Andrey Boreyko gestaltete mit den Düsseldorfer Symphonikern diesen Dialog mit sichtlichem Vergnügen und großer Überzeugung. Mit Colin Currie stand ihm ein Percussionist zur Seite, der nicht nur eine Anzahl sehr unterschiedlicher Schlaginstrumente wie Trommel, Bongos, Tomtom, Marimbaphon oder Steel Drums virtuos beherrschte. Er überzeugte durch eine feinsinnige Intuition für die kompositorische Idee und ein ebenso sensibles Erlauschen von Boreykos Dirigat. Fast traumwandlerisch, wie Currie und Boreyko einen musikalischen Dialog von tiefer Emotionalität führten. Wagner verpflichtet und doch ganz heutig. Currie machte dem Publikum von Anfang an ein Liebesangebot. Nicht nur, dass er dem Orchester vor dem jedem Einsatz fast liebevoll zu nickte, ebenso lächelte er ins Publikum mit einem Augenzwinkern, als wollte er diejenigen, die anfangs skeptisch diesem geretteten Alberich nicht recht trauen wollten, ganz besonders mit seinem Liebeswerben für die Komposition überzeugen. Der stürmische Applaus am Ende war ein überzeugender Beweis, dass ihm das gelang. Der gerettete Alberich ist kompositorisch ein Geniestreich von Rouse. Wagner in Respekt verpflichtet, sucht er einen Weg, diesem Alberich in einer eigenwilligen, keineswegs ironischen Art und Weise gerecht zu werden. Beginnend mit den letzten Originaltakten aus der Götterdämmerung inszeniert er die Tetralogie gewissermassen rückwärts. Eben zurück in die Zukunft.  Dafür stellt er dem Percussions-Solisten als Wagner-Kommentator Spielflächen zur Verfügung, die Currie mit vitaler Ausdruckskraft äußerst überzeugend gestaltete. Das sich dramatisch entwickelnde Konzert erreichte seinen Höhepunkt in einem faszinierenden Schlagabtausch zwischen Currie und den Schlagwerkern des Orchesters. Das letzte Wort, respektive die letzten Töne gehörten dem Percussionisten. Mit dem Taktstock, den Currie sich schelmisch von Boreyko geborgt hatte, rasselte er über dem Guiro, einem hölzernen Schrapinstrument bis der letzte Ton in der Stille versunken war.

Umrahmt, und wenn man so will, gleichzeitig auch geadelt, wurde die Rouse-Komposition mit der Ouvertüre zu Der fliegende Holländer und sinfonischen Facetten aus dem schon erwähnten Ring des Nibelungen sowie Vorspiel zum 1.Aufzug von Tristan und Isolde und Isoldes Liebestod. Boreyko und die Düsseldorfer Symphoniker interpretierten sie wie eine Wagner-Miniatur-Suite. Es schien, als würde Boreyko eins werden mit der Partitur. Mit körperlicher Emphase malte er die unterschiedlichen Stimmungsbilder von Leidenschaft, Trauer, Liebe oder Wahn in nuancierter Farbigkeit. Im Waldweben aus Siegfried dirigierte, nein webte Boreyko ohne Taktstock, ganz der Magie seiner Hände vertrauend, einen Klangteppich von betörender Innigkeit. Das von den Celli entworfene Eingangsmotiv nahm die Solo-Violine auf und gab es wie einen Webfaden an die Piccoloflöte weiter. Ganz anders in Siegfrieds Trauermarsch aus der Götterdämmerung, wo das Blech strahlend über die Trauer zu triumphieren schien, bevor es sich im Zusammenspiel mit Cello und Kontrabass dem Schicksal beugte, ersetzte Boreyko sein webendes Dirigat (Waldweben) durch ein forcierendes Vibrato der linken Hand. Seine durchscheinende, im besten Sinne gefühlig erotisierende Interpretation von Isoldes Liebestod war der i-Punkt eines exzellenten Konzertabends, der mehr war als nur ein Tribut anlässlich Wagner 200 in der langen Reihe von Konzertprogrammen in diesem Jahr: Vergewisserung von Zukunft in der Gegenwart  mit Richard Wagner.

25.06.13

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Über Peter E. Rytz Review

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