Inwards and Onwards – Anton Corbijns Fotografien als Dialogangebot im Kunstmuseum Bochum

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Was ist eine gute Fotografie? Dann, wenn sie etwas von der Neugier des Fotografen zu erzählen vermag? Aber wie erzählen Fotografien Geschichten? Wenn man einräumt, dass Fotografien kein allgemein gültiges Abbild der Wirklichkeit zeigen, sondern die subjektive Sichtweise eines Moments festhalten, der gleichzeitig auch schon wieder vergangen ist, ist das Prädikat gut das Ergebnis einer Mixtur aus Raum-Zeit-Perspektiven und der Persönlichkeit des Fotografen. Oder anders ausgedrückt: Eine Fotografie hat gute Chancen, eine gute zu werden, wenn sie etwas davon erzählt, welche Imagination hinter ihr bzw. in ihr aufscheint und wie sie darüber hinaus einen Zeithorizont auszuleuchten vermag. Anton Corbijn vereint als Fotograf viele dieser Aspekte in seinem Schaffen. Seine jetzt im Kunstmuseum Bochum zu sehende Ausstellung (noch bis zum 28.Juli 2013) hat in diesem Sinn einen aufschlussreichen,  programmatischen Titel: Inwards and Onwards. Seine Fotografien gewinnen ihre Kraft aus der über die abgebildeten Personen hinausweisende Fabulierstruktur. Dass die abgebildeten Personen überwiegend bekannte Künstler sind, würde allein als Fotografie für sich genommen, nur einen billigen marktgängigen Voyeurismus bedienen. Corbijns Portraits sind geheimnisvoll und hintergründig  inszeniert. Sie erzählen dem Betrachter sowohl etwas über die Menschen als auch über ihre Kunst.  Und was das mit ihm hier und jetzt, vielleicht auch in der Zukunft zu tun hat: Inwards and Onwards.  Interessant – und daraus beziehen sie ihre künstlerische Qualität – sind sie vor allem deshalb, weil sich die portraitierten Künstler in ihrer öffentlichen Wahrnehmung sehr unterscheiden. Die dem Milieu der Pop-Musik entstammenden, sind als Figuren im öffentlichen Bewusstsein überaus präsent. Ihr Bekanntheitswert wird wesentlich durch ihr fotografisches Abbild bestimmt. Bildende Künstler verschwinden bzw. verbergen sich dagegen häufig hinter ihrer Arbeit. In der künstlerischen Arbeit ist ihr Selbst als Persönlichkeit in irgendeiner Form allerdings immer zu entdecken. Ihr Gesicht bleibt aber weitgehend unbekannt. Selbstinszenierungen, die ihre Lebenssituation als Künstler marktstrategisch öffentlich inszenieren, beansprucht heute für manche Künstler mitunter auf der Folie Aufmerksamkeitsökonomie mehr Energie als für die eigentliche Arbeit. Von daher liegt beim Rundgang durch die Ausstellung ein besonderer Reiz darin, die Differenz zwischen den bekannten und den weniger oder unbekannten Gesichtern in Corbijns Fotografien wahrzunehmen. Corbijn ist nicht daran interessiert, das Privatleben der abgebildeten Künstler öffentlich zu machen (das erledigt heute eine respektlose Sensations- und Paparazzi-Fotografie, wie sie Weegee in den 1930ger Jahre erstmals exemplarisch praktizierte und wie sie z.Z. im Schloss Oberhausen im Unterschied zu der im Kunstmuseum Bochum zu besichtigen ist). Seine Fotografien haben eine assoziative und narrative Geste, die hinter den bekannten Gesichtern von Musikern (Tom Waits, Patti Smith) etwas von der Flüchtigkeit der Musik und ihrem häufig leeren Nachhall ahnen lässt. Bildende Künstler fotografiert Corbijn dagegen so, dass sie als Gesicht und Person mehr oder weniger unbekannt respektive unerkannt bleiben. Die dabei benutzten Perspektiven (Gerhard Richters Kopf von hinten) und Maskierungen (Damien Hirsts Kopf als Röntgenaufnahme) verweisen den Betrachter subtil auf das Werk, die künstlerische (Welt)Sicht des Abgebildeten. Oder wie im Fall von Weiwei (Beijing 2012), wo die eigene Person im frontalen Halbakt ausdrücklich Teil des Kunstwerkes ist und der Schattenwurf ihn zweiteilt.  Während  der Eröffnung am 25.Mai 2013 wurde man insbesondere bei den Elogen von Museumsdirektor Günter Golinski und dem Publizisten und Kurator Klaus Honnef auf Anton Corbijn das Gefühl nicht los, dass dieser großgewachsene, asketisch wirkende Fotograf in diesen Momenten als vivant tableau selbst viel über sein künstlerisches Credo erzählt. Interessant nicht nur an diesem Tag, sondern auch bei späteren, wiederholten Ausstellungsbesuchen, wie sich zwischen Corbijns Fotografien und einzelnen Besuchern noch ein zusätzliche Kommunikationsebene dazwischen schob. Die diesem Text beigefügten fotografischen Reflexionen des Autors während der Ausstellungseröffnung erzählen davon. Wahrnehmung von künstlerischen Arbeiten ist im besten Fall ein Dialog- und Reflexionsangebot des Künstlers an die Betrachter. Anton Corbijn legt im Kunstmuseum Bochum mit Inwards and Onwards Spuren, den Portraitierten mit ihren Werken hinter dem Portrait zu entdecken.

photo streaming Inwards and Onwards

27.06.13

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Über Peter E. Rytz Review

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