Disabled Theater HORA aus Zürich im Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr bei Impulse Theater Biennale 2013

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Nach dem Auftritt von Disabled Theater HORA aus Zürich im Sommer letzten Jahres bei der Ruhrtriennale 2012 im PACT Zollverein Essen gastierte es jetzt bei der Impulse Theater Biennale 2013 im Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr. Von daher bot sich ein interessanter Vergleich. Beiden Spielorten haftet ihre ursprüngliche industrielle Nutzung immer noch an. Ebenerdige Spielfläche, einfache Bestuhlung, keine hohe Schwelle zwischen Alltag und Theaterraum, nah am Leben. So war eine fast identische Theaterperformance nach Szenenablauf und Alltagskostümen sowie in der gehabten Besetzung zu sehen. Dadurch, dass Peter Keller kurzfristig nicht einsatzbereit war, standen nur zehn der eigentlich elf Akteuren auf der Bühne (jeweils fünf junge Frauen und Männer zwischen 20 und 43 Jahren). Auffällig war, dass sich einige physisch körperlich in den wenigen Monaten verändert hatten. Nicht verändert hat sich hingegen ihre Präsenz auf der Spielfläche. Die geistig behinderte Schauspieler und Schauspielerinnen saßen im Halbkreis ungefähr 300 Zuschauern gegenüber. Einigen war eine gewisse Verunsicherung anzumerken: Auffälliges Räuspern oder geflüsterte Bemerkungen über relative Nebensächlichkeiten, wie Strumpffarbe oder Zeitüberschreitungen bei der anfänglichen Ein-Minuten-Face-to-Face-Szene.

In 90 Minuten  Spieldauer fand ein interessanter Perspektivenwechsel der besonderen Art statt.  Die Zuschauer erlebten eine Inszenierung, die die unterschiedlichen Behinderungen als dramaturgisches Potenzial auffasst. Sie gibt jedem einzelnen Schauspieler abhängig von seinen mehr oder weniger eingeschränkten Möglichkeiten, die Gelegenheit sich sprechend und tanzend in einem verabredeten und unterstützen Szenenkontext auszudrücken.

Der Choreograf Jerome Bel hat ein interaktives Regiekonzept verfasst, aus dem heraus entsprechende Bitten an die Schauspieler und Schauspielerinnen als öffentliche Regieanweisungen formuliert werden. Diese werden mit den ihnen zur Verfügungen stehenden Ausdrucksmöglichkeiten beantwortet. Die unterschiedlich verfügbaren  sprachlichen, gestischen  und spielerischen Darstellungen scheinen an vielen Stellen eine irritierende Hilflosigkeit zu zeigen, jedoch auch zu einer burschikosen, schnörkellosen Eigenwilligkeit, auf die Fragen nicht direkt zu antworten, sondern eine Geschichte zu erzählen. Jerome bittet die Schauspieler, dem Publikum ihren Namen, das Alter, ihren Beruf  und ihre Behinderung zu nennen. Aus dem Bühnen-Off  sachlich nüchtern formuliert, transformiert vom Züri-Deutsch ins Englische,  hörte sich die Bitte zunächst gefühllos an. Doch bald wurde klar, Disabled Theater ist eine Choreografie von Fragen und Antworten, die sich in ihrer theatralischen Inszenierung einer tradierten Wahrnehmung von Bühne und  Publikum von vornherein entzieht. Theaterspiel ist irgendwie immer auch ein Spiegelspiel, ein Vexierspiel. Wir können uns, je nach Seelenlage und empathischer Geneigtheit, bei jeder Inszenierung in Variationen des Dargestellten selbst wieder- und neu erfinden. In dem Moment, wo geistig behinderte Menschen in ihrer unbeschwerten Lebendigkeit, die sich ganz dem Moment hingibt, einem Publikum vorspielen, wird aus dem leichten Spiel purer Ernst. Können wir unserer vorurteilsfreien Ernsthaftigkeit vertrauen oder erwischen wir uns bei einem mediokeren Voyeurismus? Ist die gefühlte, uneingestandene  Distanzierung übermächtiger als zu akzeptieren, dass die Zuordnung von behindert und nicht behindert ihre Eindeutigkeit verliert? Jetzt bittet Jerome die Schauspieler, dem Publikum ihre Lieblingsmusik vorzutanzen. Es ist als öffnete sich ein eigener Kosmos. Allein im Tanz mit und bei sich, ohne Scheu, ohne von Selbstzweifeln behindert zu sein, bewegen sie ihren Körper sensibel, mit großer Kraft und Dynamik nur der Musik  verpflichtet. Vielleicht ist es dieses Nicht-Perfekte, diese Unmittelbarkeit, die keine Fehler kennt, weil das, was in dem Moment passiert, richtig ist, die uns emotional berührt. Wie würden wir einer solchen Bitte nachkommen? Verklemmt, verschüchtert, zaghaft, brüsk abweisend: Ich kann nicht tanzen, nicht singen, nicht… Verhindern wir uns selbst in unseren Möglichkeiten, weil wir glauben, nicht gut genug zu sein? Vielleicht würden wir auch gern einmal diese unbeschwerte Leichtigkeit des Seins erleben? Umstellt von unseren Ängsten und in selbst gezogene Grenzen eingezwängt, sind wir oft genug Gefangene unserer kalkulierten Wirklichkeit.

Den Schauspielern vom Disabled Theater HORA aus Zürich sind solche behindernden Abwägungen offenbar fremd. Sie sind in ihrer Welt vielleicht freier, frei von den Behinderungen, die  unsere  reflexive Moderne dominiert. Mit Disabled Theater macht uns der Choreograf Jerome Bel Mut, Leben mehr als nur eine mehrheitlich geteilte Abwägung von richtig oder falsch zu begreifen.

Diesem Text ist eine fotografische Reflexion beigefügt, die bei der Fotoprobe am 22.August 2012 während der Ruhrtriennale entstanden ist.

 photo streaming Disabled Theater

 30.06.2013

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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