Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem umsorgt von Arvo Pärt und John Tavener in der St. Reinoldikirche in Dortmund

Am 30.Juli 2013 um 20:49 Uhr intonierte der Sinfonische Chor der Chorakademie Dortmund  ein letztes Halleluja aus As ohne who has slept von John Tavener und beschloss damit das 5.KLANGVOKAL Musikfestival Dortmund. Das Abendlicht senkte sich im Halbdämmer durch die hohen Glasfenster des Chorraumes in die St. Reinoldikirche. Bevor der Applaus die Kirche in einen Jubelsturm versetzte, war für einen langen Moment eine andachtsvolle Stille zu spüren. Zuvor war der Chor, während Werner Ehrhardt am Pult des Orchester l’arte del mondo die instrumentale Introduktion von Taveners fünfminütigem Opus dirigierte, in den Chorraum wie in einer Performance abgegangen. Von dort gaben sie mit dem a capella gesungenen The Lord has risen den Zuhörern die Hoffnung auf Auferstehung mit auf den Nachhauseweg. Damit fand dieses Konzert seinen überzeugenden Schlusspunkt, den Ehrhardt  nach dem Auftakt Friedensgebet mit dem Da pacem Domine von Arvo Pärt programmatisch konzipiert hatte. Diese zwei kurzmenütigen Werke umrahmten das Requiem KV 626 (1791) von Wolfgang Amadeus Mozart. Gleichzeitig waren sie aber mehr als nur ein musikalisches Stützkorsett. Es war ein respektvolles und durchscheinendes dedicated to Mozart. Sowohl Tavener als auch Pärt wirkten mit ihren modernen Kompositionen wie Wegsucher nach dem musikalischen Gestus und dem Genie Mozart. Ehrhardt hatte sich mit dieser Konzertprogrammkonzeption eine Struktur gegeben, in der sich das Mozart-Requiem koinzident einfügte. Um die Entstehungsgeschichte des Requiems ranken sich ebenso viele Geschichten ranken, wie es Versuche gibt, das von Mozart nicht mehr vollendete Werk in eine schlüssige Aufführungsform zu bringen. Franz Xaver Süßmayr, ein Zeitgenosse von Mozart und mit einem der ersten Ergänzungsversuche beschrieb die Schwierigkeiten dabei in einer Mischung aus Hochachtung, Respekt und Zweifel gegenüber Mozart: … dass meine Arbeit dieses großen Mannes unwürdig ist. Mozarts Composition ist so einzig… Daß die Endigung….nicht unterziehen, andere aber wollten ihr Talent nicht mit dem Talente Mozarts compromittiren. Ehrhardts Entscheidung, für das Dortmunder Konzert eine Fassung von Robert D. Levin aus dem Jahre 1991 zu verwenden, hat sich als eine glückliche und überzeugende erwiesen. Jede Interpretation dieser fragmentarischen Komposition ist getragen von dem Wissen, dass das Lacrimosa die letzten Noten sind, die Mozart vor seinem Tod komponiert hat. Sie tragen damit in sich nicht nur das Wehklagen um Jesu Tod am Kreuz sondern gleichzeitig auch Mozarts Todesatem. In dem nach Lacrimosa folgenden Domine Jesu werden Verherrlichung und Auferstehung als Hoffnung für die Menschheit ausgedrückt. Mozart hat auch das Benedictus als auch das Agnus Dei nicht mehr selbst ausführen können. Im Hören des Requiems schwang aber gerade hier die vage Hoffnung im Unterbewusstsein mit, Mozart möge etwas von ihr erfahren haben. Ehrhardt hat diesen inhaltlichen Übergang musikalisch feinfühlig gestaltet. Der jungendlich frische Chor (mehrheitlich unter 40 Jahren), der gemeinsam mit dem Orchester l’arte del mondo den größten Teil des Requiems gestalteten, sangen insbesondere in den Sopranlagen mit nachhaltigen Akzentuierungen. Das Dies irae geriet beispielsweise zu einem explosiven Zornesschrei, der das Kirchengewölbe erzittern ließ. Aufgrund des überproportionalen Anteils des Chorgesangs im Requiem haben es die Solisten nicht unbedingt leicht, um zu glänzen. In der Fähigkeit, sich auf die wenigen Einsätze zu konzentrieren, um dem musikalischen Fluss ihre Stimmen nicht nur beizumischen, sondern ihn mit ihren Klangfarben einen gewichtigen Akzent zu geben, zeigt sich solistisch interpretative Souveränität. Maria Grazia Schiavo (Sopran), Evelyn Krahe (Alt), Krystian Adam (Tenor) und Thomas Laske (Bass) hatten davon eine ganze Menge. Insbesondere das Recordare sangen sie,  anfangs nur von den Celli und der Orgel begleitet, harmonisch überzeugend. In den solistisch geprägten Abschnitten wendete sich Werner Ehrhardt  ihnen mitsingend zu. Diesen Momenten, wo dem Konzertpublikum sein Profil sichtbar wurde, konnte man eine geradezu liebevolle Fürsorge für die Solisten entnehmen. Ehrhardts  Sorgfaltspflicht für das Requiem war auch an anderer Stelle immer wieder zu beobachten. Wenn man im Benedictus den Eindruck haben konnte, dass das Orchester fortissimo die Solisten zudeckte, schützte er sie mit seinem hochsensiblen, aber gleichzeitig energischem  Dirigat. Im Requiem kommt den Solisten in den wenigen Einsätze eine wichtige Antwortfunktion auf den Chor zu. Sie musikalisch akzentuiert auszuführen, sie sängerisch zu gestalten, dafür garantierte Werner Ehrhardt souverän am Pult. Nicht nur in diesen temperamentvollen Stellen. Mit der programmatischen Triade Friedensgebet (Pärt), Erinnerung (Mozart)und Auferstehung (Tavener) wurde ein dickes Ausrufezeichen hinter dem 5.KLANGVOKAL Musikfestival Dortmund gesetzt, der für 2014 Maßstäbe gesetzt hat.

  02.07.2013

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Über Peter E. Rytz Review

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