Wagner meets Jazz – Ein jazziger Treibhaus-Akzent bei den Festspielen Zürich 2013

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Richard Wagner und keine Ende. Im Treibhaus Wagner auf dem grünen Hügel im Rieterpark des museums rietberg bei Festspiel Zürich 2013 ist auch nach drei Wochen noch Luft. Im Sommerpa­villon holten jetzt Jazzmusiker tief Luft, um sich mit Wagner zu treffen und zu musizieren. Wagner meets Jazz (Kooperation von Jazzclub moods und museum rietberg) setzte jetzt mit den ersten zwei Konzerten einen eigenwilligen Treibhaus-Akzent (weitere Konzerte folgen in den nächsten Tagen). So widersprüchlich die Person Wagner, so disparat der Jazz-Dialog vom Yves Theiler Duo (Yves Theiler, p; Rätus Flisch, b) und dem Gabriela Friedli Trio (Gabriela Friedli, p; Daniel Studer, b; Dieter Ulrich, dr) mit dem Schauspieler Werner Bodinek. Während Theiler und Flisch aus Wag­ners Oper Tristan und Isolde Akkorde, insbesondere den Tristan-Akkord sowie musi­kalische Motive als Inspiration für ihre Improvisationen suchten, inszenierte Gabriela Friedli mit ihren Musikern und Bodinek eine Musik-Text-Collage, die sich auf das geplante, aber nie fertig gestellte Wagner-Denk­mal von Max Klinger in Leipzig bezog (nur der Sockel des Denkmals ist von ihm verfertigt worden). Aber nicht nur die Reflexionsebenen waren sehr unterschiedlich. Einerseits der unmittelbare Bezug auf Wagners Musik, andererseits Jazzkompositionen von Gabriela Friedli als Atem- und Denkpause zwischen den Textfragmenten aus Malerei und Zeichnung. Tagebuchauf­zeichnungen und Briefe (1893) von Max Klinger.

Das Duo Theiler und Flisch spielte gerade in der Anfangsphase des Konzerts musikalisch unausge­wogen. Den Improvisationen, die im Wesentlichen von einem ideenreichen, energiegeladenen Pia­nospiel Thei­lers ausgingen, nahm Flisch mitunter nur sehr zögerlich, mit wenig Esprit auf. Sein Bassspiel wirkte an manchen Stellen zaghaft und matt. Zu den Improvisationen aus den ersten vier Szenen aus dem ersten Aufzug (Tristan und Isolde) mischten sich im offenen Sommerpavillon All­tagsgeräusche wie eine zweite Klangfolie mit dem Spiel des Duos. Das Rattern der Tram, das Tuten eines Dampfers auf dem Zürichsee oder das Vogelgezwitscher beim abendlichen Sonnenuntergang wirkte unter der Hand wie eine zusätzliche Improvisation. Man konnte sie gerade an den Stellen auch als Zäsur oder Im­puls hören, an denen die pianistischen Aufladungen nur eine schwache Bass-Resonanz erfuhren. An einer Stelle tönte es vom See her laut vernehmlich tut-tut als Theiler Flisch zu einer Akkord-Ant­wort aufforderte. Wenn sich auch das Bass-Spiel von Flisch im Verlaufe des Konzerts steigerte, er den  Bass perkussiv spielte oder oberhalb des Stegs zupfend eine Klangfarbe fand, die sich flirrend mit dem Gesang der Vögel im Rieterpark mischte und damit inte­ressante Klangfarben erzielte, blie­ben es Ansätze von eingeschränkter Varianz. Immer dann, wenn Theiler wie in der Improvisation auf die zweite Szene Klnagstrukturen von Bebop über Ragtime bis zum Free Jazz auftürmte, nahm  das Kon­zert Fahrt auf. Allerdings passierte das viel zu selten.

Das Gabriela Friedli Trio unternahm nicht  den Versuch, Wagner auf Augenhöhe zu begegnen. Es spielte komponierte Arrangements mit expressivem Gestus und Raum für Improvisation. Man merkte seinem Spiel an, dass es nicht nur exzellente Solisten sind, sondern inspiriert zusammen­spielen, sich auch in ihren solistischen Takes aufeinander verlassen können. Da bei zeigte sich, dass der Sommerpavillon über eine erstaunlich gute Akustik verfügt. Das Spiel des Gabriela Friedli Trios integrierte mühelos die Töne des Sommerabends insofern, als ihr energie-geladener Jazz auch an den leisen, melancholisch gestimmten Stellen Vogelstimmen oder Verkehrsgeräusche in sich aufsog, sie gleichsam musikalisch fast gleichberechtigt integrierte. In dieses intelligente Musik-Setting verkörperte Werner Bodinek den Bildhauer Max Klinger in seiner Verzweiflung, in seinem Zorn und in seiner Nachdenklichkeit über sein künstlerisches Schaffen. Er suchte in den genannten Texten die Person und den Künstler Max Klinger in einer Phase, wo klar war, dass sein geplantes Wagner-Denkmal nicht zustanden kommen würde. Der 1.Weltkrieg, aber auch seine Selbstzweifel über die angemessene Form des Denkmals standen dem im Wege. Bodinek lauschte auf eine leise und nachdenkliche, aber ebenso dramatisch akzentuierte Weise den Reflexionen, Assoziationen und den Wutausbrüchen Klingers nach. Wer interessiert sich jetzt noch für Wagner? Kein Hund! Johan­nes Brahms hatte er sein Denkmal in Hamburg gesetzt (Brahms ging mir locker von der Hand….), für Richard Strauss war es kein Problem, eine angemessene Skulptur zu schaffen (Der Kerl hat‘s im Finger…. als er mir aus seiner neuesten Oper Der Rosenkavalier vorspielte…), bei Ludwig van Beethoven hatte er sogar das Gefühl, in Marmor einen Komponisten-Prototyp gestaltet zu haben (es, das Denkmal, ist selbst Antike..), nur bei Wagner verzweifelte er. Nicht nur Verzweiflung über die Zeitumstände: Der Komponistenportraitist ist alt und abgeklärt geworden, wie die ganze Kunst! Bevor Max Klingers Verzweiflung Keiner wird jemals das Denkmal bauen! den Untergang vollends heraufbeschwor, setzte das Gabriela Friedli Trio einen letzten musikalischen Akzent – und bewahrte das Publikum vor dem eigenen Weltschmerz.

12.07.2013

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Jazz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s