Der Rosenkavalier in der Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf zum letzten Mal am Opernhaus Zürich

© Opernahus Zürich

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Schaut man sich an diesem Abend im Opernhaus Zürich um, ist die Generation 50 plus eindeutig in der Mehrheit. Die meisten von ihnen vital, elastisch und fröhlich. Von Altersmüdigkeit oder gar Depression keine Spur. Und doch weiss jeder, dass die Träume genauso wenig in den Himmel wachsen wie die Bäume.

Im Bühnenbild in Richard Strauss´ Oper Der Rosenkavalier ragen sie bis zur Zimmerdecke des Schlafgemachs der Marschallin. In ihrem himmelwärts fortwährenden Wachstum gekappt. Ein Schutzraum auf Zeit, weiß die in die Jahre gekommene Marschallin. Eben noch in einem glückseligen Schäferstündchen mit dem jugendlichen Octavian, folgt die nüchterne Gewissheit: Mir ist zu Mut, dass ich die Schwäche von allem Zeitlichen recht spüren muss… Heut‘ oder morgen oder den übernächsten Tag.

Mit einer suggestiv beängstigenden Wucht werden am Ende des 1.Aktes zwi­schen der Marschallin und Octavian Tatsachen in einer analytisch bemerkenswerten Weise formu­liert, die vielleicht noch nie so aktuell und brisant waren wie heute. Nina Stemme singt nicht nur diese philosophisch grundierten Passagen mit einem unter die Haut gehenden Melos. Sie ge­staltet noch immer, oder besser gesagt, mit einem inzwischen ausgereiftem, kultiviertem Sop­ran auch zehn Jahre nach der Premiere die Marschallin mit einer authentischen Anmutung, die fas­ziniert.

Spätestens hier wird auch dem mit der Partitur nicht so vertrauten Opernbesucher klar, dass dieser Rosenkavalier in selbstgefälliger Pose nicht dem Rokoko überlassen wird. Er trifft ein modernes Zeitgefühl mitten ins jubelnde Herz. Umfassende Gesundheitsvorsorge, relativ gesicherte Lebensverhältnisse, sportive und kulturelle Teilhabe sind Aspekte, die das Älterwerden immer mehr nach hinten verschoben haben. Aber es kommt und erreicht jeden von uns irgend­wann: Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding…. sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie.

Am Ende der Oper, wenn die Rose des Glücksversprechen längst zerbrochen ist (in totentanz-gleicher Walzerse­ligkeit entgleitet einem Lakaien das Rosen-Pfand mit einem lauten Peng aus der Hand, bevor sich der Vorhang des 2.Aktes senkt), wird die Marschallin ihr eigenes Altern als Glücksverspre­chen für die Zukunft an die nächsten Generation in beinahe überirdischer Souveränität begreifen.

Octavian, von der Mez­zosopranistin Vesselina Kasarova in einer schlanken, manchmal geradezu sportiv anmutenden Weise gesungen, gibt dieser Hosenrolle mit ihrem komödiantischen Spiel eine in jeder Hinsicht überzeugende Gestalt. Mit witzigem Schalk, galantem Charme, zwischen trauri­gem und  verschla­genem Augenaufschlag, je nach Situation wechselnd, zeigt sie eine beeindru­ckende Bühnenpräsenz. Die Duette mit Nina Stemme und das abschließende Terzett (3.Akt) mit Rachel Harnisch (Sopran) dynamisiert sie mit ihrem Mezzosopran zu wahren Höhenräu­schen.

Im Umkehrschluss heisst das allerdings nicht, dass Rachel Harnisch in der Rolle des anfäng­lich jugend­lich naiven Ehe-Versprechen-Objekts Sophie, später zu einer durchaus selbstbewusst gewandelten liebenden jungen Frau, nicht brillierte. Harnisch ist eine Sängerin, der man beim Aufbau ihres gesanglich darstellerischen Formats zu schauen und zu hören kann. Am Ende ist man eher er­staunt, dass einem ihre Qualität nicht sofort ins Auge gesprungen, vielmehr ins Ohr geklungen ist.

Rachel Harnisch gestaltet die Sophie als Entwicklung eines naiven Mädchens Sophie zu einer Frau, die mit Octavian eine Liebe kennenlernt, die sie bis dahin nicht einmal träumte. Und sie gleichzeitig in Konflikt mit der Liebe bringt. Denn die Gesellschaft, die Richard Strauss mit dem Rosenkavalier zeigt, ist eine morbide, in der Liebe als Zuneigung kaum vorkommt. Alles ist von gesellschaftlichem Proporz und Stand bestimmt. Und wenn es jemandem wie dem Baron Ochs von Lerchenau gefällt, einem niederen Stand mit seinem Heiratsangebot einen gesellschaftlichen Aufstieg in Aussicht zu stellen, wird es nach diesen Regeln für alle Betroffenen, vom zukünftigen Schwiegervater (Martin Ganter gab den Herrn von Faninal servil, allein bemüht, seinen materiellen Vorteil nicht aus dem Blick zu verlieren) bis zur Braut Sophie zum Glücksversprechen per se.

Alfred Muff wandert als Baron Ochs entsprechend selbstgefällig und selbstgewiss durch diese Leben, bagatellisiert Liebe, Moral und Anstand zu überflüssigem Beiwerk. Sein dramatisch grundierter Bass  vereinnahmt und walzt alles nieder. Eine in Schäferspielen und sonstigen Hanswurstereien sich selbst befriedigende Gesellschaft, die somit keine Zukunft haben kann, hält Richard Strauss mit seiner Oper  Der Rosenkavalier den Spiegel vor.

Der Rosenkavalier funktioniert in der Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf so, als würde man in einen konkav geschliffenen Demografie-Spiegel schauen, wo alles zentriert und verzerrt zugleich erscheint. Wenn man bedenkt, dass die Inszenierung schon zehn Jahre alt ist, hat sie eher noch an Aktualität gewonnen, als dass die Zeitläufe sie überwunden hätten. Insofern ist es schade, dass es die letzte Aufführung in dieser Inszenierung am Opernhaus Zürich ist.

Vielleicht noch erstaunli­cher, dass die 1911 von Richard Strauss auf ein Libretto von Hugo von Hoffmansthal  (ein damals 37jähriger, junger Mann) komponierte Oper sich dieses Liebe-Alter-Jugend-Themas mit einer bemerkenswert empathischen Sensibilität annnimmt. Bechtolf inszeniert in einer von Ralf Glitten­berg gebauten Bühne diese Komödie mit Musik mit subtilem Gefühl für die emotionalen und exis­tentiellen Wechselbäder der Protagonisten. Zum Ende des 1.Aktes, wenn der Marschallin klar ge­worden ist, dass ihre Liebe zu Octavian keine Zukunft haben wird, schließen sich die überdimensi­onalen Fens­terläden. Sie öffnen ich wieder, als Octavian und Sophie sich ihrer gemeinsamen Zukunft zuwenden.

Mit einer ähnlich wirkungsvollen Idee, lässt Bechtolf in der aufwallen­den Liebeszuneigung von Octavian und Sophie des 2.Aktes das Küchenpersonal in einem tableau vivant für Minuten erstarren, bevor sie ihren blau gefärbten Teig weiter verarbei­ten. Im Motiv der blauen Blume der Romantik legt Bechtolf eine Spur der Hoffnung, dass die Liebe die endlichen Nie­derungen überwinden kann.

Damit führt die Inszenierung Strauss´ kritische Haltung gegenüber der österreichischen Maria-Theresia-Seligkeit über die Vorboten der Katastrophen des 1.Weltkriegs in die heutige Zeit. Opernmusik kann die Welt nicht verändern, aber sie kann für ihre Zustände sensi­bilisieren.

Auf dem Sechseläutenplatz vor der Oper Zürich ist in einem Leuchtkasten von David Zinman zu lesen: Sich von Musik berühren zu lassen, bedarf einzig der Neugier. Möglich, dass eine solche Neugier nicht nur den Ro­senkavalier Liebe erfahren lässt. Fabio Luisi hat mit der Philharmonia Zürich und dem Chor der Oper Zürich sowie dem Kinderchor dafür sehr eindrücklich das Feld bereitet.

13.07.2013

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Über Peter E. Rytz Review

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