Sfumato – Treibhaus Wagner und (k)ein Ende

Abschied vom Treibhaus Wagner nach vier langen und spannenden Festspiel­wochen auch in der Gess­nerallee Zürich. Ein programmatischer Gestus blieb al­lerdings bis zum Schluss.

Das Tanz-Ensemble L´A von Rachid Ouramdane performte Sfumato.  Die Cho­reografie des Stücks übersetzte Sfumato in zweifacher Hinsicht. Auf der Bühne liegen zu Beginn ein Mann und eine Frau. Ihren Körpern ent­steigt Rauch: Lei sfumano. Neben dieser italienischen Wortübersetzung hat Leonardo da Vinci mit Sfumato eine Technik eingeführt, die den Hintergrund in der Malerei in ei­nen Dunst hüllt, ihn weichzeichnet.

So verwandelte sich die Gessnerallee doch noch einmal in ein Treibhaus. Nach­dem das Publikum atmosphärisch einjustiert worden war, drehte sich eine Tän­zerin mehrere Minuten lang, begleitet von kreisenden Handbewegungen, die assoziationsreiche Arabesken in den Raum malten.

Die nicht endenden wollenden Drehungen gingen in fliessenden Schwingungen über, manchmal schienen sie zum Fliegen anzusetzen. Sie verursachten beim Zuschauen beklemmende Gefühle. Einerseits der Impuls, die Tänzerin vor ihrer eigenen Ekstase zu schützen; andererseits hoffend, sich selbst von der quälen­den Unmittelbarkeit zu befreien.

Wie eine Erlösung kam dann der Regen. Aus dem Bühnenhimmel ergossen sich die Wässer auf die fünf Tänzer – und auf den geöffneten Flügel. Alles kam ins Rutschen. Kein Standfestigkeit nirgends.  Nach Sfumato jetzt Piog­gia: Das Treibhaus in seiner Großform.

In den an- und abschwellenden Tempi der von Jean-Bap­tiste Julen komponier­ten Minimal Music-Strukturen zuckten ihre Körper konvulsivisch. Tropfnass spielte Julen in minimalistischen Endlos-Schleifen gegen die Feuchtigkeit ver­geblich an. Wie im Trance bis zum Stillstand versanken sie im knöcheltiefen Wasser. Allein mit akrobatischer Geschmeidigkeit schienen sie dem Wasser zu widerstehen. Für Momente dem Un­tergehen entgehen.

Aber das Treibhaus blieb weiterhin spürbar. Rachid Ouramdane geht es mit Sfumato um die Gefährdung des Lebens auf unserem Planeten. Mit dem Begriff Treibhaus-Effekt wird seit Jahrzehnten eine Gefahr beschrieben, die sich in Flutkatastrophen, Wirbelstürmen und Ozonlöchern manifestiert. Und die vieler­orts doch nicht ernst genommen wird.

Mit Video-Sequen­zen, die von solchen Katastrophen gezeichnete Gesichter chi­nesischer Menschen zeigen, baut Ou­ramdane Assoziationsbrücken. Die Insze­nierung lädt ein, sie zu betreten und sich das tolldreiste Treibhaus mit der Per­formance näher zu betrachten.

Texte von Sonia Chiambretto, anfangs aus dem Off wie aus einer weiten, weit von uns entfernen Ferne gesprochen (Stimme im Dunkeln heißt es im Pro­grammzettel), lässt die Taiga rennen. Später wird Chiambretto in einem Wech­seldialog mit Megaphon und Mikrofon, dabei durch das nur knöcheltiefe Wasser laufend, die wie von einer Bandmaschine programmierten Texte im Stakkato sprechen sowie in einem in seiner lyri­schen Harmonie immer wieder lautmale­risch kicksend verbogenen Gesang am Klavier deutlich ma­chen, dass uns in Wahrheit das Wasser schon bis zum Hals steht.

Die Tanz-Performance trieb das Groteske bis zu einer suggestiven Step-Tanz-Einlage, ironisch überzeichnet mit der Song-Seligkeit Singing in the rain auf die Spitze. Bevor in der letzten Szene Vision eine Off-Stimme allbekannte Naturbe­obachtungen mit einer Nonchalance aneinander reihte, die insinuierte, dass das aber nicht so bleiben wird, drehte sich die Tänzerin wie anfänglich, jetzt al­lerdings das Wasser durchpflügend.

Die aufkommende Beklemmung ob der nochmaligen Dreh-Tortur wurde durch eine Vision, die, ge­nau betrachtet, eine apokalyptische ist, gekappt. Das Treib­haus Wagner ist mit dem Festspielende vergangen. Das andere Treibhaus bleibt uns erhalten. Wie lange noch?

 15.07.2013

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Über Peter E. Rytz Review

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