Der Fall Wagner – Eine philosophische Busreise mit Friedrich Nietzsches Zarathustra im Gepäck

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

 

Was verbindet so unterschiedliche Orte wie die Gessneralle in Zürich, die Autobahn-Raststätte „Heidiland“ bei Maienfeld, den Theatervorplatz in Chur, den Julierpass in 2284 m Höhe, Sils Maria und den Silser See miteinander? Während der Festspiele Zürich – Treibhaus Wagner im Sommer 2013 wurde Richard Wagner mit Friedrich Nietzsches Zarathustra im Gepäck auf einer Philosophische Busreise aus dem Festtagstrubel anlässlich seines 200.Geburtstags für 24 Stunden nach Sils Maria entführt.
Mit Der Fall Wagner – Zarathustra 1.1 startete 400asa/kamm(m)acher GmbH/stadttheater.tv, Zürich ein mehrjähriges Nietzsche-Projekt in Zusammenarbeit mit Scuola Teatro Dimitri und dem Churer Ensemble. Mobil mit Text-Video-Performance-Collagen unterwegs im Bus, Teil theatralischer Spielszenen, an ausgesuchten Haltepunkten das Umfeld mit einbeziehend, wurden die Reiseteilnehmer zu dionysischen Spurensuchern. Nach Wagner in Nietzsche, nach Nietzsche in Wagner. Moderiert vom Film- und Theaterregisseur Samuel Schwarz, wurden immer wieder neue Laufwege in Nietzsches Zarathustra-Welt eröffnet. Unterstützt von temporären Fahrgästen wie dem Reacting-theatre-Protagonisten Milo Rau, dem Philosophen und  Journalisten Stefan Zweifel (Literaturclub im Schweizer Fernsehen), der Autorin Kerstin Decker (Nietzsche und Wagner: Geschichte einer Hassliebe, 2012) und der Regisseurin Anna-Sophie Mahler (CapriConnection), transformierte die Busreise zu einem Happening von O-Tönen, O-Texten und O-Bildern.
Draußen glitten Landschaften wie im Kino vorbei. Immer wieder Wagner-Nietzsche-Inspirationsorte assoziierend. Drinnen raunten die Textfragmente vom Waldvögelein und von Krankheit, von Liebe und Hass, vom Göttlichen und vom Allzumenschlichen. Mit jedem Höhenmeter, den der Bus gewann, bemächtigte sich dem Kopf eine glutvolle Hitzigkeit. Allein, die sommerlichen Temperaturen taten  ein Übriges dazu. Ursächlich kam der Überdruck, der sich mehr und mehr im ganzen Körper ausbreitete, von Nietzsches Wort-Kaskaden, die keine Denk-Grenzen akzeptieren. Frei fließend, alles, was sich ihnen in den Weg stellt, mitreißend in einem argumentativen Reflexionsschwall ohne Wenn und Aber. Voll ist die Erde von Überflüssigen, verdorben ist das Leben durch die Viel-zu-Vielen. Möge man sich mit dem »ewigen Leben« aus diesem Leben weglocken! (Also sprach Zarathustra).
Bewegungstheater, Slapstick und Sprechkunst waren das schauspielerische Handwerkszeug, mit dem die jungen Akteure souverän improvisierten. Dem Nietzsche-Gestus auf die Hör-Spur zu kommen, war Dreh- und Angelpunkt einer programmatisch apostrophierten, philosophischen Busreise. Klassisch reüssierende Bildungserwartungen konnten, das wurde schon bald klar, ganz nach unten in die Lunchpaket-Tüte verstaut werden. Nietzsche auf die Schliche zu kommen, ist, auch das wurde ebenso schnell offenbar, nur  in Ganzkörperarbeit möglich. Sinnlich, emotional und physisch. Rationale Denk-Brutalität gehört genauso dazu, wie Orts-Stimmungen im Gehen erspüren. Die museale Aura von Nietzsches Sommerwohnung in Sils Maria, die ihm für neun schmerzvolle, gleichwohl ungemein inspirierende Jahre Asyl gewährte, kann dafür nur ein Ausgangspunkt sein.
Wie sie es ja auch für ihn nur eine war, um sich auf der Halbinsel Chasté am Silser See (auf der einst ein römisches Castel gestanden) selbst zu erfahren: Hier sass ich wartend, wartend, – doch auf Nichts…Da, plötzlich, Freundin! Wurde Eins zu Zwei – Zarathustra ging an mir vorbei… Genau dorthin führte die philosophische Busreise bei Sonnenaufgang gewissermaßen ans Ziel.
Im Morgengrauen in einstündiger Wanderung durch morgentaufrische Wiesen meditierend, dort anzukommen, war eine Nietzsche-adäquate Offenbarung von Sinn und Verstand. Im Furor seines letzten Zarathustra-Satzes Denn ich liebe Dich, o Ewigkeit!, eingeleitet durch die rhetorische Frageformel Sind alle Worte nicht für die Schweren gemacht? Lügen dem Leichten nicht alle Worte?, einmündend in das imperative Fanal Singe! Sprich nicht mehr! durchpflügten die Körper der Akteure von 400asa/kamm(m)acher GmbH/stadttheater.tv und Scuola Teatro Dimitri den noch nachtstillen Ufersaum des Silser Sees, als suchten sie in jedem Sandkorn nach jenem Wort-Berserker, der Wanderer, Reisende, Suchende und Spielende an diesem Ort zusammen geführt hatte. Als schlussendlich ein Akteur im Taucheranzug dem See entstieg, vermischten sich für einen Moment Fiktion und Wirklichkeit.
Die kurz darauf aufgehende Sonne verwandelte das dionysische Vexierspiel der Szenerie in eine apollonische Licht-Vision überquellender Emotionalität. Als später auf der Rückfahrt der Pianist und Komponist Stefan Wirth (Collegium Novum Zürich), der zuvor am großen Flügel im Hotel Waldhaus mit dem Motiv des Tristan-Akkords eindrucksvoll, weil überraschend erhellend Bezüge zu Kompositionen von Chopin und Liszt demonstriert hatte, das Requiem Mass of Life des Spätromantikers Frederick Delius (1862 – 1934) über das Bus-Soundsystem einspielte, war es, als ob eine musikalisch-philosophische Brücke in die Gegenwart führte.
Spätestens mit der Wiederkunft an der Gesseneralle war sie wieder erreicht. Hinterher wird mancher Zweifel gehabt haben: Habe ich 24 Stunden geträumt – oder was war da?

PhotoStreaming Der Fall Wagner

18.08.13

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Performance veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s