Lewis Hine – Fotografieren, um zu verändern

© Sammlung des George Eastman House, Rochester

© Sammlung des George Eastman House, Rochester

 

Der Weg vom Winterthurer Bahnhof zum Quartier des Fotomuseums Winterthur ist mit einer Zeitreise verbunden. Dort, im ehemaligen Industriequartier Grüzenstrasse treffen mit jeder neuen Ausstellung Vergangenheit und Gegenwart programmatisch aufeinander. Die renovierten Gebäude lassen nur noch strukturell ahnen, wofür sie einmal gebaut wurden. Heute sind sie transitorische Räume, in denen fotografische Arbeiten Zeithorizonte dokumentieren, reflektieren und rekonstruieren. Die aktuelle Ausstellung des amerikanischen Foto-Dokumentaristen Lewis Hine (1874 – 1940) ist dazu ein eindrucksvoller Kommentar.  Die überwiegend kleinformatigen Silbergelatineabzüge berühren in ihren, angesichts heutiger Bilderfluten zwischen beliebiger Belanglosigkeit und kalkulierter Selbstinszenierung, fast naiv unschuldig anmutenden Abbildungen von purer Armut und nüchterner Sachlichkeit auf eine beschämende Weise. Während draußen vor der Tür der Wohlstand des 21.Jahrhunderts häufig von einer Höhe jammert, die sicher nicht einmal in den Phantasien der Menschen in Hines Fotografien vorkam, wächst drinnen beim Rundgang durch die Ausstellung der Respekt vor der Lebensleistung und Haltung dieser Menschen am Beginn des  20.Jahrhunderts. Lewis Hine begab sich mit seiner Kamera in die ihm vertrauten Sozialmilieus von Immigranten und Einheimischen in amerikanischen Hinterhöfen und Mietskasernen (Chikago und New York), an exemplarischen Arbeitsorten (Empire State Building) und Durchgangslagern (Ellis Island) sowie 1918/1919 in ländliche Regionen Südost-Europas (Gypsy regues, Shepherdess). Am Beginn seiner fotografischen Arbeit folgte er einem pragmatischen Impuls.  Frank A. Manny (Director oft he Ethical Culture Schoool) regte ihn an, Fotos für die Schule zu machen, in der er als Lehrer arbeitete.  Wenig später (ab 1906 arbeitet er als Freelance-Fotograf neben seiner Lehrertätigkeit) fotografierte er in empathischer Überzeugung, das die Dokumentation des für ihn erlebten unerträglichen Ist-Zustandes die Folie für Veränderungen liefere. Ich wollte Dinge zeigen, die es zu verbessern galt. Und ich wollte Dinge tun, die geschätzt und anerkannt werden sollten. So nüchtern er seine fotografische Arbeitshaltung formulierte, so unspektakulär und deshalb so authentisch wirkungsvoll sind seine Fotografien selbst. Vielen seiner Fotografien ist eine noch heute spürbare, unmittelbare Lebendigkeit in Würde eigen. Sie sind Storyteller einer vergangenen Zeit, die aber gleichzeitig  wie ein Spiegel wirken: Das Gesicht der Armut hat heute andere Gesichter; aber die Armut erzählt zwar mit anderen Gesichtern immer noch ihre Geschichten; sie ist auch Generationen nach den von Hine Abgebildeten nicht Vergangenheit. Konsequent, immer vom Schicksal der von ihm fotografierten Menschen angetrieben, dabei sich eher weniger um die ökonomische Seite seiner Fotografen-Arbeit (Lewis W. Hine, Social Photography) kümmernd, geriet er immer wieder in finanzielle Nöte. Gleichzetig nahm die Öffentlichkeit nur marginal seine Arbeit zur Kenntnis (Men at Work, 1932 im Mac Millan blieb seine einzige Autorenveröffentlichung wie auch die gemeinsam mit Berenice Abbot kuratierte Museumsausstelllung die einzige zu Lebzeiten war). So mutet es fast wie ein schlechtes Märchen an oder wie einer von den Treppenwitzen der Geschichte, die die Reputation einer Arbeit in ihrem künstlerischen Wert erst nach dem Tod des Autors schafft, das Lewis Hine verarmt und vergessen 1940 starb. Die Ausstellung im Fotomuseum Winterthur (noch bis zum 25.August 2013), wie zuvor 2011 auch schon in der Fondation Henri Cartier-Bresson, Paris und 2012 in Fondación MAPFRE, Madrid und 2013 in Nederlands Fotomuseum, Rotterdam zu sehen war, gibt Lewis Hines fotografischer Inspiration im Nachhinein in mehrfacher Hinsicht recht: Fotografieren, um zu verändern. Dass wir diese Veränderungen heute so leben dürfen, dazu haben seine Fotografien gewiss auch ihren unschätzbaren Anteil.

19.08.13

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Über Peter E. Rytz Review

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