Delusion oft the Fury – Heiner Goebbels Inszenierung zum Auftakt der Ruhrtriennale als musikalisches Projekt

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Es ist unmöglich, das Erleben – das Sehen und Hören – durch Worte zu ersetzen. So Harry Partch in seinen Anmerkungen zur Partitur Delusion of the Fury vom 11.September 1966. Angesichts dieses  unmissverständlichen Diktums bleibt dem schreibenden Kritiker nichts anderes übrig, letztlich das zu tun, wozu er mehr oder weniger immer genötigt ist: Eine Wort-Tonlage der Assoziationen des Gehörten und des Gesehenen zu finden, gleichsam einen Text zu komponieren, der sich aus vielschichtigen Resonanzräumen zusammensetzt. Wenn der geneigte Kritikleser daraus ein Szenario zu konstruieren vermag und es ihm hilft, Bilder im Kopf von der Aufführung entstehen zu lassen und sie ihm des weiteren Anlass sind, sie selbst zu besuchen, dann ist Neugierde geweckt worden. Und wer neugierig geworden ist, ist mit ihr mitten im Leben.

Aber zuerst die Fakten: Mit dem Musiktheater Delusion  of the Fury von dem heute immer noch kaum bekannten amerikanischen Komponisten Harry Partch (1901- 1974) als europäische Erstaufführung eröffnete jetzt die Ruhrtriennale im zweiten Jahr unter der Intendanz von Heiner Goebbels; von ihm selbst in der Jahrhunderthalle Bochum mit dem Ensemble musik fabrik auch in Szene gesetzt. Allein, Partch war ein Solitär unter den Avantgarde-Komponisten des 20.Jahrhunderts, der in seiner dezidierten Beschäftigung mit der Mikrotonalität nicht nur ein eigenes Tonsystem entwickelte, sondern eigens dafür auch Instrumente gebaut hat. Delusion  of the Fury heute zur Aufführung zu bringen, bedeutet, ein gesamtmusikalisches Projekt zu realisieren. Vor allem die von Partch entwickelten Instrumente nachzubauen (Leitung Instrumentenbau: Thomas Meixner). Er gab ihnen onomatopoetische Bezeichnungen, die selbst schon Klang sind: Chromelodeon, Cloud-Chamber Bowls, Zymo-Xyl, Gubagubi. Von daher lag eine besonders erwartungsvolle und geheimnisvolle Spannung über diesen Auftakt zur diesjährigen Ruhrtriennale. Nimmt man allein den begeistertet zustimmenden Schlussapplaus als gültigen Maßstab, so wurden die hohen Erwartungen erfüllt. Da aber immer häufiger im Theater, in Opernhäusern oder in Konzertsälen zu beobachten ist, dass das Publikum mit seinem Applaus unmittelbar nach dem letzten Ton – manchmal ihn mit lauten Bravi-Rufen auch schon zudeckend, bevor er verklungen ist – sich gern als Event-Feiergesellschaft (miss)versteht, bleibt er ein relative Qualitätsgröße.

Also: Delusion of the Fury. In meiner Kindheit gab es eine vielgesehene Fernsehserie Fury. So romantisch wild wie für die Kinder das Farmleben in der Serie war, so wild war auch ihr Pferd Fury. Die Serie produzierte ein Bild von einer naturverbundenen Welt, während auch schon damals im richtigen Leben der ökonomische Aufbau boomte und neue Alltagswelten schuf. Ein Geflecht von wirtschaftlichen Abhängigkeiten und Zwängen (das world wide web war noch lange nicht in Sicht) begann sich wie eine Krake über alle sozialen Beziehungen zu legen. Mit Exordium – The beginning of a Web beginnt Delusion of the Fury in einer programmatischen Partch-Diktion. Als würde das eigentliche Leben wie unter einem Netz durch ritualisierte Abläufe zwischen Geburt und Tod eingefangen sein, beginnt ein avantgardistisches Mysterienspiel. Japanische Kampfkunst, indische Yoga-Meditation, Heiligenanbetung, Bhagwan-Litaneien, esoterische Zentrierung muten wie der Extrakt des Lebens des Hobo Harry Partch an. Wie aus Zeit und Raum gefallen, oszillieren die Akteure des Ensemble musik fabrik in Gestus und Kostüm zwischen den Flugpionieren Otto Lilienthal und Antoine de Saint Exépury sowie dem Propheten des zivilen Ungehorsams Henry David Thoreau, der sich in der Mitte des 19.Jahthunderts  in einer selbstgebauten Blockhütte in den Wald zurückzog. Delusion of the Fury entwickelt sich im Verlaufe der Aufführung zu einer Pilgerreise auf der Suche nach Versöhnung von Geist und Körper: Wie täuschen die Furien des Lebens das Leben selbst? Fast schmerzhaft ist Partchs ringen um Antwort in Goebbels Inszenierung zu spüren. Irgendwann wird die grafische Signatur von Leo Trotzki wie ein Versatzstück weiterer Heilsversprechen durch das Zeitfenster geschoben. Übermalte Augen resignieren vor der Wirklichkeit. Unaufhörlich von Partchs  Klangkosmos angetrieben, in dem das Ensemble musik fabrik auf den neu gelernten Instrumente seine körperliche Musik, in der nach seiner Überzeugung das Theater die Musik verkörpere, nicht nur virtuos spielte, sondern in einer Mischung von Scat- und Sprechgesang Statements intonierte, die in dem religiös mythisch aufgeladenen Hilfeschrei Pray for me again! mündeten. Klaus Grünberg hat für Goebbels Inszenierung ein  Lichtdesign entwickelt, das die körperliche Musik in einem doppelten Sinne strahlen lässt. Es hatte etwas von einer kontemplativen Verzauberung, die über das Märchenhafte eines japanischen und afrikanischen Motivs, wie aus dem Programmheft zu erfahren war, weit hinaus reicht. In der Apotheose des verlorenen Zickleins (The misunderstanding) konnte man sich ebenso gut auch in Giovanni Segantinis Gemälde La benedizone delle pecore (Die Segnung der Schafe) von 1884 hinein träumen. Partch hat 1967 seine Intention mit die Verwandlung der magischen Klänge und der visuellen Schönheit in etwas Geistiges formuliert. Heiner Goebbels hat mit seiner Inszenierung in Form eines Projekts 2013 viel von dem eingelöst.

photo streaming „Delusion of the fury“

25.08.13

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Über Peter E. Rytz Review

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