Der Kraftstrom von Massive Attack V Adam Curtis in der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord

Die Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord lässt für die Ruhrtriennale 2013 ihre Muskeln spielen. Sie versammelt die Besucher in einen magischen  Kraftzentrum für Auge, Ohr und Körper. Die audiovisuelle Installation test pattern (100 m version)  von Ryoji Ikeka verwandelte zum Auftakt der Ruhrtriennale die riesige Halle mit flackernden Barcodes in einen energetischen Körper-Kraftraum. Jetzt räumte sie sie für einige Tage für das Konzert von Massive Attack in einer Performance mit dem Filmemacher Adam Curtis A: A musical entertainment about the power of illlusion and the illusion of power. Für dieses Vorhaben zeigte die Halle ihr ganzes Kraftpotenzial. Das, was Adam Curtis mit seinen Video-Sequenzen kommentiert und die damit verbundenen Geschichten erzählt (Sprecher: Holger Noltze), ist eine 90 minütige Attacke von Kopf und Körper. Adam Curtis ist davon überzeugt (tumbletalk mit Claus Leggewie am 01.09.13 im Musem Folkwang Essen), dass Informationen, die Journalisten täglich absorbieren (boring journalism), zwei Rezeptionsperspektiven haben. Die emotionale Empfangsebene, die letztlich nur mit einem staunenden Shocking Oh, my dear! auf etwas reagiert, dessen Zusammenhänge unbegreiflich erfahren werden. Curtis gibt diesem Aspekt mit dem tweening panda ein metaphorisches Bild. Die davon häufig getrennte Seite ist die analysierende. Curtis geht es mit seinen provokativen Video-Collagen insbesondere darum, diese zwei Perspektiven zusammenzuführen. Mit Blick auf eine verantwortliche (sustainable) think tank policy plädiert er mit seiner Arbeit für die Gemeinsamkeit von Denken und Fühlen. Insofern haben seine filmischen Arbeiten einen assoziativen Aspekt von Bildern, Statements von Politikern und exemplarischen, emotional konnotierten Geschichten des Alltags. Wir leben, so Curtis, in zwei Welten. Die kleine Freundeswelt (persönlich situiertes Milieu) und große Welt der Nachrichten. Die Welt heute, die einerseits den Kalten Krieg überwunden hat und andererseits eine Welt der Systeme (cybernetic world) bekommen hat, die zunehmend von technokratischem Denken regiert wird, verkrümmt sich in kleinmütiger, mit Albträumen besetzter Risiko-Mentalität (the power of nightmare): We are looking strongly to the dark side of life. War es bis vor 30 Jahren noch ein allgemein verbindendes Selbstverständnis, die Welt verbessern zu wollen, ist spätestens mit der Tschernobyl-Katastrophe klar geworden, dass das Grenzen hat. Feststellungen, wie die des Philosophen Michel Foucault, die Welt befinde sich in einem  Desaster, entlarvt Curtis letztlich als rückwärts gewandten Impulsgeber für Sehnsüchte nach dem schönen, guten Alten. Denn, was wir heute als Zukunft konstruieren, gründet auf Fakten der Vergangenheit – und die ist nicht wirklich vorstellbar. Anything is possible: dangerous and amazing. Gegen die Paranoia der Bürokratie den trash pop des Alltags als gelebtes Leben zu verteidigen, mit dieser Überzeugung zieht Adam Curtis in kollektiver Halluzination mit Massive Attack eine Reflexionsebene gegen kollektiv antizipierte Haltungen einer self-fulfilling prophecy ein, die sich aus einer weit verbreiteten risk analysis-Mentalität nährt.  Das audiovisuelle Setting von  Massive Attack V Adam Curtis ist ein Chance, das Emotionale und Analysierende im Blick auf das Heute und Morgen neu respektive anders zu justieren. Von drei Seiten von elf riesigen Videoscreens umstellt, an der Stirnseite der Halle hinter ihnen traten die Musiker von Massive Attack (Robert Del Naja, voc; Angelo Bruschini, git,; Sean Cook, b; Damon Reese, dr; temporär unterstützt von den Sängern Grant Marshall, Horace Andy und Elizabeth Fraser) gewissermaßen Zäsuren setzend, in einen musikalisch ungemein kraftvollen Dialog mit Curtis‘ Bildangeboten. An manchen Stellen schien die Halle zu beben. Die Wucht von Sound, Beats und Syntheziser-Noises durchspülte den Körper, als ob ein geöffnetes Ventil den Raum fluten würde. Nur die Flucht aus dem Auge des Taifuns Massive Attack V Adam Curtis in den hinteren Raum der Halle ließ für Momente den Überschwall trocknen, ihn aus der Distanz reflektieren. Dieser Fluchtimpuls ermöglichte gleichzeitig durch eine relative Distanzierung zur Unmittelbarkeit der unerbittlichen Bild-Hör-Energieströme zwischen emotionaler Dusche und analytischer Reflexion einen Perspektivenwechsel. Also das auszuprobieren, was zusammen gehört: The power of illlusion and the illusion of power. Noch die Curtis-Botschaft Now, go home and search your own way! der Schlusssequenz im Kopf wurden die Besucher von Security-Leuten mit wild bellenden Hunden und grellen Suchscheinwerfern auf ihrem Nachhauseweg geleitet. Der Eingang war nach dem Konzert geschlossen; Ausgang war nur durch seitliche Notausgänge möglich. Notausgänge sind Umwege. Durch den Zwang des Faktischen können sie zu neu zu entdeckenden Wegen werden.  Die Live-Performance  von Massive Attack V Adam Curtis verstellte herkömmliche Wege und eröffnete gleichzeitig neue.

02.09.13

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Über Peter E. Rytz Review

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