Roberto Ciulli geht mit Monsieur Chasse auf die Hasenjagd

©  Theater an der Ruhr Mülheim

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Verben ist nicht einfach so zu trauen. Im semantischen Dickicht kann man  leicht die Orientierung verlieren. Zum Beispiel jagen.  Der Jäger jagt dem Hirsch hinterher, wie Casanova schönen Frauen. Manchmal kann es allerdings dauern, bevor das Objekt der Begierde erlegt ist. Es braucht Geduld, Kalkül, ein Portion Mut und Scharfsinn. Mitunter ist auch eine List notwendig. Und der Erfolg ist nicht nur von vorn herein nicht sicher. In seinem hoffnungsvollen Schlepptau sammeln sich wie aufgescheuchte Hühner Gespenster, die den Jäger ihrerseits nun jagen. Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los. Wenn auch nicht mit der poetischen Kraft des Goethe’schen Zauberlehrling, aber doch mit einem gehörigen Schuss vor dem Bug des Provinz-Don Juan Monsieur Chasse eröffnete das Theater an der Ruhr Mülheim  die Theatersaison 2013/14. Roberto Ciulli gibt sich mit seiner Inszenierung Monsieur Chasse  oder Wie man Hasen jagt von Georges Feydeau als kenntnisreicher Waidmannsheil-Sachverständiger zu erkennen: Wo Hasen sind, sind keine Kaninchen und wo Kaninchen sind, sind keine Hasen. Mit solchem Jägerlatein versehen, geht seit 100 Jahren Feydeaus Monsieur Chasse auf die Jagd. Während sein Freund Duchotel seiner Frau glauben lässt, er sei auf Jagd im Wald, versucht Monsieur Chasse ihm seine Frau Léontine abzujagen. Aber in Wahrheit haben beide das gleiche Jagdobjekt Frau. Beide jagen den gleichen Begierden hinterher – und kommen nicht wirklich ans Ziel. So nimmt das Jagen, das Sich-Abjagen, Verjagen seinen Lauf. Im Hintergrund der Bühne eine spiegelnde Glaswand, an der der Regen unablässig tropft, damit ein unscharfes Bild in den Zuschauerraum reflektierend. Das Bühnenbild (Gralf-Edzard Habben) funktioniert wie eine voraussetzungsfreie Annahme, die die Zuschauer zu Komplizen dieses tristen Jagens macht. Ciulli lässt die Schauspieler in überdehnten Generalpausen sprechen. Die Dialoge zwischen Monsieur Chasse  und Léontine bauen eine laszive Spannung auf. Sie wird durch die an Eric Satie erinnernde minimalistische Musik von Matthias Flake mit einem suggestiven Klangteppich unterspült.  Petra von der Beek spielt die Léontine in einem unterkühlten, stoisch statuarischen Understatement. Sie will mehr, als sie sich traut. Und als sie sich trauen will, jagen auch sie die Gespenster. In der Figur des Monsieur Chasse  alias Moricet lotet Steffen Reuber einen Casanova-Möglichkeitsraum aus, ohne Casanova selbst in der Provinz-Version wirklich zu finden. Reuber sucht mit den Mitteln der Vaudeville-Theaterpraxis einen spezifischen Gestus, ohne ihn letztlich zu finden. Die eine oder andere Slapstick-Variante dehnt sich ins Beliebige des schon oft Gesehenen. Nichtsdestotrotz lebt die Inszenierung von diesen dialogischen Kammerspielszenen. Der Hasen-Kaninchen-Sonntags-Casanova-Jäger Duchotel (Leontinés Mann), von Albert Bork in einer merkwürdigen Nonchalance eines über weite Strecken emotionalen  Unbeteiligtsein gespielt, läuft respektive jagt seiner Vergeblichkeit aussichtslos hinterher. Das ist alles irgendwie lustig und wird von den Zuschauern auch mit dem einen oder anderen Lacher aufgenommen. Gleichzeitig hat der Versuch, eine moralische Sentenz in Feydeaus Stück zu erjagen, ausfindig zu machen oder anzumahnen, etwas angestrengt Gewolltes. Die Frage, ob Ciulli mit dieser Premiere die neue Theatersaison als Jagdsaison programmatisch eröffnet hat, muss derzeit noch spekulativ bleiben.

15.09.13

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Über Peter E. Rytz Review

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