Das Sternzeichen-Konzert in der Tonhalle Düsseldorf zum Saisonbeginn 2013/14 zeitweise von Dornenvögeln besetzt

 

Und ewig lockt das Weib oder wie sich Die Dornenvögel in die Tonhalle Düsseldorf verirrt haben. So könnte das Konzert zum Auftakt der Konzertsaison 2013/14 in der Tonhalle Düsseldorf überschrieben werden. Mit einem Film-Projekt zu ausgewählten Liedern von Hugo Wolf eröffnete das Konzert.  Mit Irrsal – Forbidden Prayers of illicit Love haben der Bariton Dietrich Henschel und die Filmemacherin Clara Pons eine auf Publikumswirksamkeit zielende Projektform entwickelt; kalkuliert nach gängigen Regeln eines Marketings, das, und das wird schon nach wenigen Minuten klar, auf einen multimedialen Effekt setzt. Dass dabei der Liedgesang durch opulente Bilder in den Hintergrund gedrängt wird, war jedenfalls im Konzert unüberhörbar wie unübersehbar. Die von Pons im Programmheft geäußerte Überzeugung, man muss als Zuschauer immer zuerst die Musik hören, blieb eine uneingelöste Hoffnung. Ihre These, durch den Film kommen dann noch Elemente hinzu, ist eine lapidare Selbstverständlichkeit, die sich aber mit dem Fortsatz – er darf aber die Musik nicht überdecken – gleichsam wieder zu rechtfertigten scheint. Henschel ist in dieser Projektanordnung sein eigenes Double: Sänger und Schauspieler. Das könnte für sich genommen interessante Perspektiven eröffnen, die Aspekte von Gesangskultur des Sängers mit seiner Persönlichkeit im Blick auf Hugo Wolfs Liedkompositionen evozierte, zumal die Liedauswahl sich auf die von Wolf orchestrierten, mit einem religiösen Hintergrund konzentrierte. Leider blieb es bei der konjunktiven Hoffnungen. Die Bilderfolge des Films ist eine geschmäcklerische Mischung romantisierender Weltverklärung und halluzinierten Traumata. Die Leinwand, von Pons zu einem programmatischen Triptychon stilisiert, wird zur Projektionsfläche katholisch intendierter Seins-Ängste, die im Kampf mit den Selbstzweifeln einer Verbotenen Liebe dargestellt werden. Der Schweiß tropft unablässig vom nackten Oberkörper des Schauspielers Henschel aus dem Bild in die Tonhalle, wenn man ihn beim Holzhacken vor der Kate, beim Entasten eines Strauchs oder bei seinen vergeblichen Versuchen, mit Holzstämmen ein Kreuz zu bauen, beobachten kann. Irgendwie wird man unwillkürlich an Bilder aus den Kitschpostillen des 19.Jahrhundert erinnert. Um es an einem Beispiel zu beschreiben. Während der Sänger Henschel im Wolf-Lied Wo find ich Trost seine lyrische Dimension auslotet, sieht man den Schauspieler Hentschel von einer jungen Frau verfolgt, die als die Schöne aus dem Wald zu ihm eilt. Mit  dem einsetzenden Liedgesang Eine Liebe kenn ich, die ist treu sieht man ihn, wie er sich als Priester auf sein Gebet vorbereitet. Bildschnitt: Triptychon-Einstellung zeigt ihn am Kreuzweg zwischen Verlockung (das schöne Naturkind) und Priesterpflicht (die unschuldige Beterin) sowie in einer weiteren Sequenz zwischen Kopf und Hand. Mit Und was ist’s nun dass ich traurig bin kniet er, seines Priestergewands entledigt, zivil gekleidet vor einem Kreuz, umhüpft von dem liebesbegehrenden Mädchen. Wenn mit Arges Herze! Ja gesteh‘ es nur Henschel wiederum mit entblößtem Oberkörper Jesus Christus am Kreuz und in schnellen Bildschnitten abwechselnd das Mädchen umarmt, die ihn wenig später zu Füßen kniet (Ja, dass ist’s auch, dass ich traurig bin)  und er sich im antizipierten Schlussbild Dass ich angstvoll mich am Boden winde! in dunkel verschatteter Total-Draufsicht dort zu sehen ist, hat die vordergründig inszenierte Opulenz des Bildes den Gesang endgültig unter einem pathetisch schwülstigen Sentiment zugedeckt. Die Düsseldorfer Symphoniker gaben sich unter ihrem Generalmusikdirektor Andrey Boreyko spieltechnisch alle Mühe, Hugo Wolfs feinsinnige Vertonung der Mörike-Gedichte hörbar zu machen. Aber gegen die Bildvereinnahmungskraft hatten sie eigentlich keine Chance. Unter dem dominanten Bild litt letztlich auch der Gesang. Textverständlichkeit war nur teilweise gegeben, wie Henschels Liedinterpretationen insgesamt einen unentschiedenen Eindruck hinterließen. Warum er viele Lieder im Sitzen sang und die damit verbundene Einschränkung der Tonhallen-Akustik in Kauf nahm, blieb unverständlich. Auch hierin behauptete  sich die inszenatorische Idee des Film-Projekts über den Gesang. Brigitte Bardot spielt in Roger Vadims Film Und ewig lockt das Weib (1956) mit der Pose des lockend schönen Weibes im Einklang mit dem Plot. Man mag dazu in der künstlerischen Wertschätzung unterschiedlicher Meinung sein. Nachdenklich muss allerdings stimmen, dass bei dem Pons-Henschel-Projekt in der Tonhalle Düsseldorf solcherart Assoziationen aufscheinen. Der französische Originaltitel Et Dieu… créa la femme verstärkte diesen unbefriedigenden Eindruck, wie auch der Horizont der Fernsehserie Die Dornenvögel aus den 1980ger Jahre (nach der Romanvorlage der australischen Schriftstellerin Colleen Mc Cullogh) sich flügelschlagend aufdrängte.

So war es fast zwangsläufig, dass man bei Le Sacre de Printemps von Igor Strawinsky nach der Pause den Eindruck hatte, als würde der Schweiß-Extrakt der Verbotenen Liebe noch in den Instrumenten der Düsseldorfer Symphoniker kleben. Dabei hatte das Konzertprogramm noch eine weitere Überraschung parat. Ganz dem religiösen Sternzeichen-Schwerpunkt bis Weihnachten verpflichtet, dirigierte Boreyko Die Vorstellung des Chaos, die Einleitung zu Joseph Haydns Oratorium Die Schöpfung (Hob. XXI/2) als übergangsloses Vorspiel zum Sacre. Und, um es gleich zu sagen, gelang das auf eine erstaunlich überzeugende Weise, wenn man bedenkt, welche Welten und Zeiträume Haydn und Strawinsky trennen. Von dieser musikalisch inspirierenden Vorgabe mit der entsprechenden Energie aufgeladen, spielte sich das Orchester spätestens im Frühlingsreigen frei. Boreyko bewies einmal mehr, wie in einem Orchester durch dirigistische Ideen Leitlinien entstehen, die gerade auch Musik, die häufig auf den Konzertprogrammen steht, immer wieder anders neu gehört werden kann. Vom Ende des Konzerts betrachtet, wirkte das widersprüchliche Programm wie die Erzählung einer metamorphischen Wandlung von Genie und Wahnsinn, die viele in der Persönlichkeit Hugo Wolfs zu erkennen meinen.

22.09.13

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Über Peter E. Rytz Review

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