Der andere Heimatfilm – Deutschland-Filmpremiere „Die andere Heimat“ von Edgar Reitz in Simmern im Hunsrück

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Simmern im Hunsrück war für einen Tag an diesem spätsommerlichen Sonnabend im September Mittelpunkt der deutschen Filmkunst. Vielleicht sogar noch darüber hinaus. Fernab von glamourösen Film-Premieren-Orten zwischen Venedig und Hollywood hatte Die andere Heimat von Edgar Reitz, dort wo der Film entstanden ist und seine Wurzeln hat, seine Deutschlandpremiere. Die Premiere wurde zu einem Volksfest der Gefühle. Bodenständig und weltläufig zugleich. Zwischen dem Premierenort in der Hunsrückhalle und dem zentralen Fruchtmarkt in der Kreisstadt Simmern war eine emotional hoch gestimmte Bevölkerung als Bürgergemeinschaft zu erleben, wie sie sich jede Gemeinde nur wünschen kann. Den ganzen Tag bis nach Mitternacht funkelte in der Stadt ein sympathisch anrührender Bürgerstolz aus jedem Knopfloch. Im Hunsrücker Platt gibt es ein für den Nicht-Hunsrücker geheimnisvoll klingendes Wort Das Geheischnis. Auch wenn es im Beiheft zum Buch Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht als nicht ganz übersetzbar bezeichnet wird, ist es im Sinne von vertrauter Geborgenheit eine schöne Umschreibung für die Stimmung an diesem Tag in Simmern. Umgeben von glänzenden Augen, strahlenden Gesichtern, herzlichen Wiedersehensumarmungen, vertrauensvollem Zunicken passierte es immer wieder, dass man fast unvermeidlich mit Menschen ins Gespräch kam, die iin Die andere Heimat oder in einer der vorangegangenen Folgen von Die Heimat mitgewirkt haben. Und die dem Fremden das Hunsrückische vor der Kinopremiere im einem Crash-Kurs noch schnell vermitteln wollten. Dabei wurde dem Verfasser dieser Zeilen sogar ein selbst verfasstes Gedicht Geheischnis auf einer Parkbank vor dem Kino vorgetragen und anschließend aufgefordert, eine Übersetzung zu versuchen. Solche Unmittelbarkeit und Nähe zum Milieu-Hintergrund eines Films ist vielleicht weltweit einzigartig und gab dieser Premiere ihren ganz eigenen Charme. Dass das Filmdorf Schabbach stellvertretend für den Hunsrück insgesamt über die Zeit der Dreharbeiten hinaus eine identitätsstiftende Wirkung für die Menschen vor Ort entwickelt hat (die seit der ersten Serie Die Heimat ab 1980 spürbar ist), war an diesem Tag fast hautnah zu erleben (und am nächsten Tag bei einem Besuch im Drehort Gehlweiler eine direkte Fortsetzung erfuhr). Mitspieler, ob als Hauptdarsteller wie der Medizinstudent und ad-hoc-Schauspieler Jan Dieter Schneider von nebenan aus Kastellaun oder als einer der vielen Statisten, ob als Dialekt-Coach oder als Eigentümer eines Hauses in der Filmkulisse, ob als Tierpfleger oder Botengänger, viele haben bürgergemeinschaftlich an diesem Film mitgewirkt. Sie haben dem Film ein authentisches Flair gegeben, ihn beatmet und beseelt. Das ist vielleicht, neben der eigentlichen filmkünstlerischen Arbeit von Edgar Reitz als Regisseur und Dramaturg, das überraschendste Ergebnis dieses Films, dass es in mehrfacher Hinsicht ein Heimat-Gemeinschafts-Projekt geworden ist. Reitz‘ Fähigkeit, Menschen aus der Region zu motivieren und sie zu befähigen, wenn man so will, ihren eigenen Film zu machen, zeugt von seinem empathischen Menschenfängerpotential. Menschen, in deren normalen Alltag künstlerische Perspektiven eher weniger vorkommen und ihnen häufig skeptisch gegenüber stehen, zu überzeugen und zu vertrauen, dass sie auch Filmschauspielen können, das zeigt der Film Die andere Heimat unspektakulär gleichzeitig aber sehr eindrucksvoll. Der Film ist eine Liebeserklärung an den Hunsrück, die sich aus vielen biografischen und historischen Quellen speist. Nicht als rührselig falsches Heimatsehnsuchtsstück sondern als eine Hommage der gelebten und der manchmal auf den ersten Blick scheinbar ungelebten Träumen. Bei der Recherche zur Widmung des Films Für meinen Bruder Guido Reitz, stößt man auf erhellende Assoziationsebenen, die zusammen mit dem Filmuntertitel Chronik einer Sehnsucht noch weitere Traum-Notaten zutage fördern. Im Nachlass seines 2008 verstorbenen Bruders Guido fand Edgar Reitz umfangreiche linguistische Studien, die er zeitlebens neben seinem vom Vater übernommenen Uhrmacherhandwerk in Morbach (wo auch Edgar Reitz geboren wurde und aufgewachsen ist), von seiner unmittelbaren Umgebung unbemerkt, mit einem hohen wissenschaftlichen Anspruch durchgeführt hatte. Vor diesem Hintergrund eröffnet der Film eine doppelte Reitz-Tür: Während Edgar Reitz, der seine Heimat für die Filmkunst verließ (um später mit den Heimat-Filmen zu seinen Hunsrückschen Wurzel zurückzukommen), seine Träume draußen als Filmkünstler lebte, verblieb der Bruder mit seinen Träumen drinnen als im Verborgenen arbeitender Linguist (von der wissenschaftlichen Welt respektiert; sein Nachlass liegt inzwischen in der Universität Marburg). In Die andere Heimat träumt sich Jakob Simon (Jan Dieter Schneider) aus trostloser Armut in Schabbach 1842 in die exotische Welt brasilianischer Indianer, in ihren Dialekt, in ihre Kultur. Als er sich, wie andere aus seinem Dorf (wie damals übrigens viele aus dem Hunsrück) entschließt auszuwandern, hat ihm sein Bruder Gustav (Maximilian Scheidt, der von Reitz vor den Filmaufnahmen zwecks Sprach- und Kultureinübung für zwei Monate in die Schmiede nach Gehlweiler geschickt wurde) unversehens seine Träume gestohlen. Henriette (Antonia Bill spielt sie in naiver Hingabe an den Lauf der Dinge), die er zur einzigen Vertrauten seiner Träume gemacht hatte, geht am Ende mit Gustav nach Brasilien und der Sehnsuchtsträumer Jakob bleibt in Schabbach zurück. Er verliert aber nicht wirklich seine Träume; er lebt sie nur anders als ursprünglich gedacht. Und wenn am Ende des Films, als es fast so aussieht, als würde er mit seinem Brasilientraum-Verzicht zugunsten seiner Mutter-Fürsorge verkümmern, taucht Alexander von Humboldt (Werner Herzog) auf, wird von einem Sense dengelnden Feldarbeiter (Edgar Reitz) auf der Suche nach dem Forscher Jakob nach Schabbach verwiesen. Von dort will er ihn in die Welt der Wissenschaft mitnehmen. Allein Jakob aber entscheidet sich für die Mutter, für die Heimat, für Schabbach. Reitz und Herzog spielen sich in dieser kurzen Filmsequenz ihre Film gewordenen Träume zwischen Heimat und Fitzcarraldo augenzwinkernd zu.  Der  Kameramann Gernot Roll fand dafür eine allegorische Bildfolge Mutter Natur von großer Eindringlichkeit, wie seine Kameraführung überhaupt die unterschiedlichen Spiel- und Erzählebenen in einen wunderbaren, poetischen Bildkosmos einfängt. Der in Schwarz-Weiß gedrehte Film schafft graugetönte Lyrismen, die Armut und Anmut, harte Arbeit und naive Freude nebeneinander aufleuchten lassen. Wenn für Momente die Träume die einsame Verlorenheit des Alltags aufhellen, wechselt der Film in Bildteilen für kurze Momente zu feinen Farbnuancen. Staunend betrachtet Henriette mit ihrer Freundin Florinchen (Philine Lembeck, die in München Cello studiert und im Film als musikantisch lebensfrohes Florinchen das von Reitz schon in der zweiten Folge von Heimat mit der von Salome Kammer gespielten Cellistin Clarissa Lichtblau musikalisch dramaturgische Element mit Verve fortsetzt) durch einen geschliffenen Kristall die Welt im durchscheinenden Sonnenlicht. Was Träume vermögen, davon erzählt die Chronik einer Sehnsucht – und behauptet andere Heimaten gleichberechtigt neben der Heimat.

Photo streaming Die andere Heimat

30.09.13

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Über Peter E. Rytz Review

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