Glasgow Trilogy – Jonathan Harvey begegnet Alban Berg in der Jahrhunderthalle Bochum

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Das Konzert Glasgow Trilogy in der Jahrhunderthalle Bochum war Teil der klanglichen Erkundungsreise der diesjährigen Ruhrtriennale. Auch wenn sich der Intendant Heiner Goebbels wiederholt gegen ein Ruhrtriennale-Motto ausgesprochen hat, setzen Klangexpeditionen von Harry Partch bis zu Helmut Lachenmann, von den Konzerten in der Maschinenhalle Zeche Carl Essen bis zur deutschen Erstaufführung von eben jener Glasgow Trilogy – eine Zusammenfügung von drei unabhängigen Kompositionen zwischen 2005 und 2008 – von Jonathan Harvey im Programm markante Schwerpunkte.

Harvey (1939 – 2012) gehört zu den Komponisten, die dem Übergang ins 21.Jahrhundert, in einer medial immer schneller angetriebenen Welt eine meditative Zäsur entgegensetzten. Körper, Geist und Seele als Einheit zu nehmen, mit der Musik einen Turmbau zu Babel aufzutürmen, mit keinem geringeren Ziel als Erlösung zu finden. Buddhismus und Anthroposophie, Mandala und Mantra sind seine Bausteine. Improvisationen verstanden als reflektierte, neue Bewusstseinszustände. Harveys mystisch inspirierten Ideenlinien, die Arnold Schönbergs und Anton Weberns Arbeiten als kompositorische Energie-Tankstellen nutzen, wollen, dass der Zuhörer im Klang lebt. Ebenso war ihm Alban Berg eine seelenverwandte Inspirationsquelle.

Folgerichtig stand am Anfang des Konzertprogramms Bergs Violinkonzert Dem Andenken eines Engels (1935), gespielt von Alina Ibragimova. Trotz ihrer Jugendlichkeit (Jahrgang 1985) gehört sie zur Extraklasse der weltweit als außergewöhnlich anerkannten Violinisten. Der Eindruck ihres Konzertspiels blieb trotzdem merkwürdig zwiespältig. Sportiv angestrengt mit zerfurchter Stirn, mit kräftigen, weit ausschwingenden Ganzkörperbewegung war es, als malte sie eine Figurine, als wolle sie in einer Violin-Kampfstellung dem Tod des Mädchens Manons entgegentreten. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass Berg kurze Zeit nach Vollendung des Konzert in memoriam der nur 18 Jahre altgewordenen Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius selbst nur 50jährig gestorben ist, ergäbe sich eine Deutungsmöglichkeit für die kämpferische Attitüde der Ibragimova.

Sich mit der Todesfuge nicht zufrieden zu geben, sondern gegen sie an zu spielen, dazu braucht es allerdings  nicht unbedingt eine solche Kraftpose. Theodor Adorno zitierend, schwebte Berg eher einen Zugang zu einer Sphäre, in der das Untere, nicht ganz Gestalt gewordenen umschlägt ins Oberste vor. Damit steht das Violinkonzert immer in der Gefahr, den Kitsch zu streifen. In den solistischen Passagen des Adagios markierte Ibragimova mit Flageolettönen leise, todtraurig klingende Akzente, bevor sie im Dialog mit dem Solo-Violinisten des WDR Sinfonieorchester Köln ausatmend zum Konzertende verstummte.

Ilan Volkov, der ihr mit dem Orchester viel Raum für die anekdotisch romantisierende Aura des Stücks einräumte, dirigierte in vornehmer Zurückhaltung aber mit kraftvollem Zugriff auf die Partitur. Dass die Interpretation des Violinkonzerts nicht ungetrübt war, hat aber auch mit der Raumsituation der riesigen  Jahrhunderthalle zu tun. Einen fremdtonfreien Klang zu gewährleisten, stößt offenbar in einem Raum an Grenzen, der kein gebauter Konzertsaal ist. In das Andante mischten sich anfangs Geräusche, die dem technischen Apparat von Scheinwerfern und ihrem mobilen Einsatz geschuldet waren.

Mit dem Berg-Konzert wurde ein Background ausgeleuchtet, den die Glasgow Trilogy nach der Pause mit Body Mandala (2006) im ersten Teil mit kraftvoll pulsierenden, auf- und abschwellenden Bassklängen zu einem sinnlich erfahrbaren Raum erweiterte. Im anschließenden Speakings (2008) verwob Harvey reine Kompositionen mit der Technik des Shape Vocoding, fließende Übergänge von Sprache und Musik durch das sprechende Ein-Blasen  beim Spielen eines Blasinstruments zu schaffen; begleitet von Baby-Stimmfragmenten, die in ein live-elektronisches Surround-Lautsprecher-System eingespeist wurden. Es entstanden meditations-geschwängerte Klangstrukturen, die sich zeitverzögert im Raum ausbreiteten.

Im abschließenden …towards to a pure land setzte Ilan Volkov mit dem WDR Sinfonieorchester Köln die Jahrhunderthalle musikalisch unter Druckluft. Aus kathartisch überirdisch anmutenden Windhauchen steigerten sie sich in triumphale Laut-Höhen. In Harveys Glasgow Trilogy, so konnte man den Eindruck haben, begegnen sich Gustav Mahlers und Richard Wagners  in ihren so unterschiedlichen, gleichwohl gehofften Sehnsuchts-Erlösungs-Phantasien.

02.10.13

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Über Peter E. Rytz Review

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