Stifters Dinge, kommentiert von graindelavoix

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Ich hatte diese Dinge nie so gesehen wie heute… tönt eine Stimme in Heiner Goebbels Performance Stifters Dinge. Gedehnt verlangsamt, Wort für Wort über-betonend, liest eine gespenstisch entrückte Stimme aus dem Off eine schier endlos dauernde Passage aus Die Mappe meines Großvaters von Adalbert Stifter.

Goebbels gab sich nicht nur hier in seiner eigenen Performance (ohne Performer)  als ein Suchender nach Mustern von Wahrnehmungen in unterschiedlichen Räumen und Zeiten. Das zweite Jahr seiner Ruhrtriennale-Intendanz 2013 war programmatisch geprägt von solchen Klang-Erkundungen, musikethnologischen Exkursionen wie überhaupt von musikalischen Ausgrabungen und Neu-Entdeckungen. Betrachtet man unter diesem Blickwinkel die letzte Woche der jetzt zu Ende gegangenen Ruhrtriennale 2013, stößt man auf eine interessante Koinzidenz von Aufführungen, die scheinbar nichts miteinander  zu tun haben.

Stifters Dinge, in der Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord nach mehr als 300 Aufführungen weltweit erstmals auch als Unguided Tour neben der klassischen, musiktheatralischen Vorstellung angeboten, ist konzeptionell so arrangiert, dem Publikum aufmerkende Konzentrationspunkte anzubieten. Ob das in der Form von verstörend sterilen, mechanistisch wirkenden, elektro-akustisch programmierten Abläufen zu einer sensibilisierteren Wahrnehmung führt, führen kann, muss nach der Vorstellung mit einem großes Fragezeichen versehen werden.

Noch problematischer war die Unguided Situation. Sich in einer Kommen-und-Gehen-Situation auf die einstündig choreografierte  Performance konzentriert einzulassen, war sicher nur in Einzelfällen gegeben. Bilder, Texte, Musik, Geräusche in Stifters Dinge sind Taktgeber, aus denen sich wie in einem Puzzle ein Wahrnehmungsreigen zusammensetzt. Reduziert auf Facetten und Bruchstücke des Ganzen, steht in der Gefahr, nur als Stückwerk wahrgenommen zu werden.

Die zentrale Funktion beispsielsweise des Dialogs zwischen dem Ethnologen Claude Lévi-Strauss und dem Journalisten Jacques Chancel, in dem es um Die Lust am Abenteuer geht und Lévi-Strauss die Frage nach heute noch existierenden, bisher nicht entdeckten Orten verneint und abschließend grundsätzlich formuliert Ich glaube nicht, dass es zurzeit gute Gründe gibt, dem Menschen zu vertrauen, muss denjenigen, der unguided in dem Moment in die laufende Performance kommt, verstören und irritieren.

Irritation als ein Element künstlerischer Arbeiten ist per se konstitutiv und soll damit nicht in Abrede gestellt werden. Gleichwohl sollte die Neugier Ich hatte diese Dinge nie so gesehen wie heute…, einmal ernsthaft geweckt, nicht im nächsten Moment verschrecken. Stifters Haltungen zu den Dingen, die er bisher nicht gekannt hat, durch aufmerksames, langsames bis bedächtiges Beschreiben, kennenzulernen, ist eine Erkenntnis, die sich lohnt – und das ist die Essenz in Goebbels Arbeit Stifters Dinge – einer Prüfung im medial bestimmten Heute  zu unterziehen.

Entschleunigung heißt die Hoffnungsvokabel. Mehr wahrnehmen durch mehr Zeit nehmen. In diesem Punkt hatte die apostrophierte letzte Ruhrtriennale-Woche – jenseits des abschließenden 100-Jahre-Mythos Le Sacre de Printemps von Igor Strawinski – ihre versteckte Botschaft: Entschleunigung durch Erinnern. Die Versuchsanordnung im Großen (Stifters Dinge  in der riesigen Kraftzentrale) hatte im Kleinen mit dem Konzert Johannes Ockeghem: Missa Caput in der Turbinenhalle, Jahrhunderthalle Bochum eine schöne  Entsprechung.

Der Chor graindelavoix sang, geleitet von seinem ungemein inspirierten Leiter und Gründer Björn Schmelzer,  Antiphone und Motetten aus dem polyphonen Repertoire des 15.Jahrhunderts. Im Mittelpunkt standen Transkriptionen des Credos der Missa Caput von Johannes Ockeghem aus dem Chigi-Kodex, denen die Tradition der Drachenspiele des Kloster St. Ghislain nahe Mons zugrunde liegen.

Sieben Sänger, eine Sängerin im Kreis versammelt, verwandelten a cappella die Turbinenhalle in einen Andachtsraum. Polyphon schichteten sich die Töne übereinander, erfüllten, sich harmonisch verdichtend, die Turbinenhalle mit ihrem mystischen Klang.  Der Bass, häufig um eine Oktave tiefer gesungen, grundierte den Klangkosmos in fast überirdischer Schönheit.nEs war das seltene Glück, zu hören, was zu hören ist. Durch nichts verstellt. Allein die menschliche Stimme in ihrer Vielfalt zeichnete einen unendlichen Hör-Raum.

Sehen, hören, wahrnehmen – die Ruhrtriennale hatte unter ihren vielen Raumangeboten mit Stifters Dinge und dem Konzert von graindelavoix zum Schluss der Saison 2013 eines gefunden, das erst auf dem zweiten oder dritten Blick sein Geheimnis preis gab: Jeder Raum hat eine Geschichte des Klangs, die entdeckt und wahrgenommen werden will. Künstlerische Arbeiten können Türöffner sein. Eintreten und entdecken, muss jeder allerdings selbst.

 photo streaming Stifters Dinge

07.10.13

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Über Peter E. Rytz Review

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