Berliner Impressionisten und die Folgen im Käthe Kollwitz Museum Köln

Lesser Ury © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Lesser Ury © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Mittwoch, 9.Oktobner 2013, 21Uhr, Köln, Neumarkt. Reinigungstrupps sind dabei, den Müll des Tages zusammen zu kehren. In der Hohe Straße mehrere Straßenmusikanten. Die letzten Geschäfte werden gerade geschlossen. Auf dem Bahnhofsvorplatz Fahrgäste, Orientierungslose, Obdachlose bunt gemischt. Zwei Stunden zuvor hatte die Kuratorin Angelika Wesenberg zur Ausstellungseröffnung Berliner Impressionismus – Werke der Berliner Secession aus der Nationalgalerie im Käthe Kollwitz Museum Köln den Arbeiten dieser Künstlergruppe eine gewisse lyrische Innerlichkeit zugesprochen. Portraits von distinguierten Herren, Frau, Kindern Häuser jeder Güte, Parks und Gärten, Interieurs und Stillleben, Häfen Landschaften, Biergärten. Es ist eine bürgerliche Welt im besten Sinne, heißt es im Ausstellungskatalog. Die elegischen Träumereien der Gymnopedie No.1 von Erik Satie und Claude Debussy‘ Clair de Lune umrahmten, gespielt von Ewa Matejewska (Harfe) und Sylvie Ansorge (Querflöte), die Ausstellungseröffnung nicht nur. Die Musik gab dem Raum die erhabene Stimmigkeit, die in den Bildern zu finden ist. Diese häufig aus der Flaneursperspektive entstandene Malerei war um 1900 Avantgarde in Berlin. Sie hatte sich in programmatischer Abkehr zum kaisertreuen Akademismus als Secession 1898 gegründet und ab 1899 zehn Jahre lang Ausstellungen als Berliner Secession durchgeführt. Mit der Prominenz von Max Liebermann, Lovis Corith und Walter Leistikow gewann die Secession schnell Aufmerksamkeit und künstlerische Anerkennung. Das Neuartige lag, und das mag besonders überraschen, nicht im kritischen Fingerzeig auf die mit der zunehmenden Industrialisierung einher gehenden sozialen Unterschiede von Armut und Reichtum, sondern in der Wiedergabe des sich unpolitisch gebenden Schönen. Aber selbst das war schon in den Augen des Kaisers ein Zuviel. Der hat mir den ganzen Grunewald versaut, wird er angesichts eines Gemäldes des Wannsees von Walter Leistikow zitiert. Allein, es gab auch schon zeitparallel diesen sozial analysierenden Malerblick. Die Werke von Käthe Kollwitz – anfangs noch mit der Berliner Secession sympathisierend – und Hans Baluschek legen davon Zeugnis ab. Allein die Anschauung, weniger das Denken, war den Impressionisten zumindest in dieser Secessionsphase wesentlich. Wie das Eine ohne das Andere gehen soll, war schon Goethe ein Rätsel: Was ist Beschauen ohne Denken? Es ging allein um die Impression, um die Verfeinerung des Geschmacks, um gefühlige Stimmungen, des Leichten, Heiteren und um Nüacierungen. Theodor Fontane legt in seinem Roman Der Stechlin der Protagonistin Melusine beim Betrachten eines Bildes von Franz Skarbina die Worte in den Mund:…während meiner italienischen Tage hab‘ ich vor so vielen Himmelfahrten gestanden, dass ich jetzt für Stiefelletten im Sonnenschein bin. Ob es sich dabei um das in der Ausstellung befindliche Gemälde Näherin am Fenster (um 1895) handelte, bleibt ungewiss. Gewiss ist allerdings, dass die Wirklichkeit in Berlin wenige Jahre vor dem ersten Weltkrieg alles andere als nur geschmackvoll, schön verfeinert war. Und sie ist es heute immer noch nicht oder schon wieder nicht. Der Kontrast der gelassenen Heiterkeit der Ausstellungsbesucher, überwiegend verkörpert durch die Generation Ü 60 plus, und der eingangs geschilderten allabendlich zu beobachtenden Metropolen-Trostlosigkeit hätte nicht größer sein können. Wie es für individuelle Lebensgestaltung keine allgemein gültigen Regeln gibt (es gibt, wenn überhaupt, nur gesellschaftlich verhandelbare, normative Verhaltens-Kodices), so gibt es in der Kunst ebenso keine normative Ästhetik. Alles andere wären indoktrinierte Kunst-Spielfelder. Dass das unmittelbare Leben immer auch Eingang in das künstlerische Werk findet, manchmal subtil hinter narrativen Metaphern verborgen, ist Bestandteil seiner qualitativen Ehrlichkeit. Insofern kann die Spannung zwischen dem museal Geadelten und der ganz normalen Alltagswirklichkeit (vor der Tür des Museums) nur aufgelöst werden, wenn es gelingt, das kreative Momentum künstlerischer Arbeiten als konstruktives Fragebündel mit nach draußen zu nehmen. Die ausgestellte bürgerliche Verinnerlichungs-Rettungsinsel ist vielleicht mit einem besonders großen Fragereizfaktor verbunden, hinter dem abgebildeten Schönen der schöne Schein durchschimmert? Geht man mit diesem Blick durch die Ausstellung Berliner Impressionismus – Werke der Berliner Secession aus der Nationalgalerie stolpert man zuerst über ein übergroßes Maß fast schnoddrigen Selbstbewusstseins (Berlin wird das bis heute immer wieder gern von verschiedenen Seiten attestiert). Impressionismus als Berlin-Variante ist der Kunstgeschichte bis dahin nicht bekannt gewesen. Gleichwohl liegt in der Provokation auch  des Pudels Kern. Es ist das, wenn man so will, das Berliner Bekenntnis einer Gruppe von Künstlern gegen den Kunstgeschmack des Kaisers und seiner willfährigen Novizen- und für die schöne Freisicht des Auges. Für diese Sichtverhältnisse hat die Ausstellung kuratorische Sichtachsen geschaffen. Portraitmalerei, die die handelnden Personen ins Licht stellt, wie das in Der Vater des Künstlers (1906) von Karl von Kardorff  in der Eleganz von Person und Malduktus gut zu sehen ist. Oder das kunstvolle Spiel mit Hell (Gotthardt Kuehl, Elbe und Augustusbrücke im Winter, um 1900) und Dunkel (Lesser Ury, Nollendorfplatz bei Nacht, 1925) findet unter dem wenig inspirierenden Label Stadt und Umland ein weites Verdeutlichungsfeld. Auch die weiteren Zuordnungen wie Haus, Garten, Interieur oder Frauen, Kinder wie auch Landschaft sind nicht wirklich aussagekräftig, eher belanglos beliebig. Wichtig war es der Kuratorin Wesenberg (seit 25 Jahren Kustodin an der Nationalgalerie Berlin) offensichtlich, die Weltstadt Berlin am Beginn des 20.Jahrhunderts in schönen Bildern zu zeigen, die von heute aus, ausgerüstet mit dem bedrückenden Wissen um die nachfolgenden verheerenden Katastrophen dieses Jahrhunderts, einen nachdenklichen Rekurs der eigenen Geschichte in Gang setzen könnten.

 photo streaming Berliner Impressionismus

10.10.13

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Kunstausstellung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s