HAIR! – Eine Kunstausstellung in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen, in der man sich nicht wirklich die Haare raufen kann

Domenico Gnoli, Hair Partition, 1968 © Peter E. Rytz 2013

Domenico Gnoli, Hair Partition, 1968 © Peter E. Rytz 2013

Es ist geradezu verlockend, durch die aktuelle Ausstellung HAIR! Das Haar in der Kunst (noch bis zum 12.Januar 2014) in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen mit einem doppelten Blick zu gehen. Künstlerische Arbeit und Ausstellungsbesucher im Haar-Vergleich kann wie eine mathematische Interpolation gelesen werden.

Wo nähert sich wer wem wie an? Auch wenn die Ausstellung, wie die Direktorin und Kuratorin Christine Vogt beim Presserundgang betonte, eine künstlerische Reflexion des Themas Haar unter Verwendung unterschiedlicher Medien und keine sozialwissenschaftliche Studie ist, drängen sich historische und milieu-spezifische Assoziationen immer wieder auf.

Die bezeichneten Kategorien der Ausstellung legen mit ihren Untertiteln, vielleicht ungewollt eine falsche sozio-topologische Fährte. In der thematischen Abteilung Haar und Kult – Zwischen Mystik, Fruchtbarkeit und Lebenskraft hängt Herlinde Koelbls Fotografie eines jüdisch-orthodoxen Knaben mit Schläfenlocken (ohne Titel, 2007) neben Edvard Munchs  Farblithografie Madonna – Liebendes Weib (1902) sowie Ralf Raßloffs großformatige Fotografie Hardy (2012). In Offenes oder verdecktes Haar – Status, Geschlechts- und Gruppenzugehörigkeit bilden der Kupferstich von Lukas Vorstermann (nach Peter Paul Rubens) Susanna im Bade (1620), die Farblithografie Femme au balcon (1956) von Massimo Campigli und Rainer Fettings Malerei (Acryl auf Leinwand) Zwei Figuren II (1981)  eine thematische, künstlerische Ideen-Gemeinschaft).

Die so bezeichneten Schwerpunkte drängen sich nicht unbedingt auf. Ihnen haftet etwas thematisch vordergründig Gewolltes der Kuratorin an. Der gewöhnliche Ausstellungs-besucher mag sich, so die nicht ganz unberechtigte Vermutung, in aller Regel weniger darum scheren. Eher schmunzelnd fallen einem viele Redewendungen ein, die in der Umgangssprache lebendig sind: An den Haaren herbeigezogen; aufs Haar jemand gleichen; Haare, die zu Berge stehen; sich die Haare raufen; Haare auf den Zähnen haben; jemand kein Haar krümmen; kein gutes Haar an jemanden lassen – oder Wortkomposita wie Haarspalterei, Haaresbreite.

Fast unvermeidlich, dass sie sich beim Ausstellungsrundgang wie von selbst zu Wort melden. Schaut man unter diesem Aspekt einige Arbeiten genauer an, so ist es, als fielen einem die semantischen Zeichen aus den Arbeiten direkt vor die Füße. In Shirin Neshats Farbfotografie Untitled from Raptor Series (1999) ist eine Frau im Tschador  mit erhobenen Händen zu sehen. Über die dahinter verborgene religiöse Indoktrination könnten einem schon die Haare zu Berge stehen. Angesichts Andy Warhols Siebdruck Marilyn Monroe (1967) könnte sich die in den Vordergrund drängende Phrase, jemanden aufs Haar zu gleichen, Anlass sein, über Subjekt und serielle Verobjektivierung, wie sie inzwischen wie eine Seuche die Werbung beherrscht, nachzudenken.

Folgt man konsequent diesen Gedanken, dann findet man einen überraschenden Weg zurück zur Kunst in der Ausstellung. Darin findet sich  letztlich auch ein überzeugendes Argument für die Ausstellungsarchitektur. HAIR! macht es durch seinen unmittelbaren Alltagsbezug auch für diejenigen leicht, in die Ausstellung zu gehen, die Kunstausstelllungen, künstlerischen Arbeiten eher skeptisch gegenüber stehen.

In der Ausstellung ist eine entspannte Leichtigkeit zu spüren. Gleichzeitig wendet sich an diesem Punkt das Leichte fast schleichend in eine reflektierte Ernsthaftigkeit. Nicht erst wenn man am Ende des Rundgangs in der obersten Etage  Rebecca Horn bei Cuttingg one’s hair with two pairs of scissors simultaneously (Video, 1975) zusieht, könnte den einen oder anderen eine Verunsicherung beschleichen. Hatte Domenico Gnolis Hair Partition (1968) eingangs noch mit seiner Perfektion irritiert und zugleich  fasziniert, so wird entlang schöner Reminiszenzen (Richard Avedon, Brigitte Bardot, 1959; Pablo Picasso, Francoise, 1946) nach und nach der Ton respektive die Darstellung insofern härter, da Abbild und Alltagserfahrungen immer wieder verstören. Home sweet  home hat Chrystl Rijkeboer ihre Wandinstallation mit gehäkelten Ästen und gestrickten Nestern aus menschlichem Haar von 2012 bezeichnet. Oder: The 1998 Bearded Lady Calendar, starring Jennifer Miller (1997), eine Arbeit der amerikanischen Künstlerin Zoe Leonard, in der sie eine berühmte Aktfotografie von Marilyn Monroe mit einer bärtigen Frau ins Groteske verzerrt, wird kaum das sein, was gemeinhin ein gemütliches Heim ausmacht.

Wenn es aber wie in dieser Ausstellung gelingt, die Ausstellungsbesucher nicht plump zu täuschen oder sie psychedelic like zu verführen, sondern ihnen eine Tür zu einer thematischen Laborsituation – und jede Kunstausstellung ist eine solche! –  öffnet und ihnen die Chance gibt, sich irritieren zulassen und damit sich vielleicht selbst ein Stück neu zu erfahren, dann ist das erreicht, was Kunst leisten kann. Nicht als Teil einer ökonomisch effizienten Leistungsgesellschaft; eher als Ermutigung, das versuchen zu leben, das sich dem ökonomisch Messbaren entzieht. Träume gehören dazu, aber auch soziale Empathie, Fürsorge für andere und ab und zu müßig zu sein. Vor allem nicht überall ein Haar in der Suppe zu suchen.

 photo streaming HAIR!

 14.10.13

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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