Jetzt und für immer – Qin und die Suche nach der Unsterblichkeit im Bernischen Historischen Museum

© Bernisches Historisches Museum, Bern. Foto Christine Moor

© Bernisches Historisches Museum, Bern. Foto Christine Moor

Wir wähnen uns in Europa in einer langen kulturgeschichtlichen Tradition. 200. Geburtstage wie in diesem Jahr von Richard Wagner, Giuseppe Verdi oder Georg Büchner sind Anlass für umfangreiche Festprogramme.

Die Festspiele Zürich feierten im Sommer das Treibhaus Wagner. Das Opernfestival Verona stellte in ihrem eigenen 100.Jubiläumsjahr Giuseppe Verdi in den Mittelpunkt. Darmstadt organisierte das literarische Festival Büchner 200. Und in Zürich pflanzte man im Oktober am Grab Büchners eine neue Linde.

Im Zeitvergleich mit der chinesischen Kultur sind 200 Jahre eher gefühlte Gegenwart als Vergangenheit. Im Bernischen Historischen Museum fällt einem Demut und Respekt für einen Kultur vor die Füße, die dagegen 3000 Jahre zurückreicht. Die Ausstellung Qin – Der unsterbliche Kaiser und seine Terrakottakrieger (noch bis zum 17. November 2013) gibt einen faszinierenden Einblick in eine Hochkultur, die über erstaunliche handwerkliche und künstlerische Produktionsformen verfügte.

Während erst um 1000 v. Chr. aus dem Vorderen Orient von den Hethitern der Werkstoff Eisen nach Mitteleuropa gelangte, begann mit der Zhou-Dynastie das Goldene Zeitalter der chinesischen Geschichte. Eisen, aber vor allem Bronze handhabten sie nicht nur technisch perfekt, sondern entwickelten gleichzeitig einen bemerkenswerten ästhetischen Standard sowohl von Kultgegenständen als auch solchen für den täglichen Gebrauch.

Aber damit hört die Gemeinsamkeit allerdings auch schon auf. Der Ausbau und Aufstieg der Qin-Dynastie von einem lokalen Fürstentum bis zum ersten Kaiser von China (324 v. Chr.) war mit einem sogenannten Mandat des Himmels verbunden (Qin Shi Huangdi, Erster erhabener Gottkaiser von Qin). Dieses Mandat, gebunden an die Tugendhaftigkeit des Herrschers, wurde traditionell in der Familie weitergegeben. Gleichwohl musste und sollte es auch verdient werden. Und zwar mit einer doppelten Hilfsbotschaft, wie sie auf einem Bronzegefäss aus dieser Zeit eingeschrieben steht: Helft dem König, seine Tugend zu festigen, damit der Himmel mit Wohlwollen auf unsere Trägheit herabblicken möge. Dem Einen seine Tugendhaftigkeit zu sichern, ist zum Zweck der  Selbstbuße der Vielen, nämlich ihre Trägheit zu überwinden, überhöht worden.

Damit wurde das Mandat des Himmels zu einem Gutmenschentum stilisiert, das den Kaiser als Sohn des Himmels über dem übrigen Niedrigem schweben lässt. Aus dieser Mandatshöhe erfuhren die Menschen des Kaisers allumfassende und unendliche Fürsorge für das Leben in seinem Reich nicht nur während seiner Lebenszeit. Seine Macht sollte im Jenseits machtvoll weiterleben.

Deshalb ließ  sich Qin eine riesige Grabanlage bauen, in der ihm 8.000 Krieger militärischen Schutz gewährten,  Verwaltungsbeamte die Tagesgeschäfte versahen sowie Musikanten und Akrobaten für Unterhaltung in seinen Jenseits-Tagen sorgten. Seit 1974 Bauern in der Provinz Shaanxi beim Graben eines Brunnens auf den Kopf eines Terrakottaskriegers stießen, ist nicht nur ein Tor in die Qin-Grabkammer weit aufgestoßen worden. Es hat sich damit ein Kulturraum – heute noch nicht vollständig überschaubarer Dimensionen – geöffnet.

Zum einen ist der Grabhügel, unter dem der Kaiser begraben liegt, weiterhin verschlossen. Solange es keine zuverlässigen Konservierungsoptionen gibt, die sichern, dass mit der Öffnung durch Luftzufuhr nicht kalkulierbare Prozesse ausgelöst werden können, bleibt er geschlossen. Solange müssen sich Archäologie und öffentliches Interesse mit den Beigaben begnügen. Allein das zu bergen, ist eine Sisyphos-Arbeit: Für die wissenschaftliche Erkenntnis, die die bisherigen kulturellen Standards neu zu bewerten hat; für den europäischen Ausstellungsbesucher, der bisherige Verlässlichkeiten seines Selbst neu justieren muss.

Andererseits ist die museale Adelung der Terrakottakrieger und ihrer zivilen Begleiter eine Chance, wie jetzt in der Ausstellung in Bern zu erleben, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Auch wenn durch Brandschatzung der Grabanlage schon wenige Jahrzehnte nach ihrer Errichtung militärische Attribute wie Pfeil und Bogen, Schwert, Dolch, Steigbügel und Zügel der Pferde sowie Musikinstrumente oder Schreibwerkzeuge verloren gegangen sind, öffnet die Begegnung mit den ausgestellten Figuren neue Wahrnehmungsperspektiven.

Das ist in der Ausstellung vor allem dort sehr augenfällig zu erfahren, wo farbige Rekonstruktionsmodelle ausgestellt sind. Die Farbigkeit, die aufgrund von an den Figuren nachgewiesenen Pigmenten erreicht wurde, imaginiert eine für Momente unheimlich anmutende Lebendigkeit. Hier wird der Mythos von der Unsterblichkeit des Kaisers unmittelbar greifbar. Und die Ausstellung Qin – Der unsterbliche Kaiser und seine Terrakottakrieger ist im Alltag angekommen. Jetzt – und für immer.

26.10.13

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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