Wenn das Starke schwach sein darf : Das schwache Geschlecht – Neue Mannsbilder in der Kunst im Kunstmuseum Bern

VALIE EXPORT and Peter Weibel, Hundigkeit, 1969 ©  Peter E. Rytz 2013

VALIE EXPORT and Peter Weibel, Hundigkeit, 1969 © Peter E. Rytz 2013

Im Kunstmuseum Bern kann man jetzt mit den Füßen nach Lust und Laune auf der Kunst herumtreten. Don’t touch me! ist fussläufig aufgehoben. Wer die Ausstellung Das schwache Geschlecht – Neue Mannsbilder in der Kunst (noch bis zum 9.Februar 2014) besucht, hat keine andere Chance, als   sie über die installative Bodenarbeit Nudes, Leaves and Harp (2012) des jungen Künstler-Duos Rico Scagliola (geb. 1985) und Michael Meier (geb. 1982) zu betreten. Durch diesen einmaligen Auftritt einmal verunsichert, geht das bisherige, mehr oder weniger verlässliche Männerbild im Verlauf der Ausstellung Stück für Stück verloren. Irgendwie ist vielen klar, dass die über Jahrhunderte wie selbstverständlich dominierende Mann-Frau-Hierarchie heute schon lange nicht mehr stimmt. Ihre bis dahin ausgemachte Stimmigkeit verdankte sie einer paternalistisch dominierten Gesellschaft und letztlich einem soziokulturellen Konstrukt. Allerdings: Trotz feministischer Aufbrüche und ihren differenziert gelebten Selbstansprüchen hat sich bis in unsere Gegenwart hartnäckig das Bild des Manns als das eines starken, kämpferischen und nicht zu Sentimentalität neigenden gehalten. Nach den unumgänglichen Fussabtritten, mit denen Männer und Frauen gleichermaßen zum Auftakt des Ausstellungsrundgangs das ehemals starke Geschlecht mit ihrem Auftreten schon etwas geschwächt haben, kann, wer es noch nicht erlebt hat, anschließend sogar Männer weinen sehen. Sam Taylor-Johnson zeigt in seiner Foto-Serie Crying Men (2002 – 2004) Schauspieler als unmännliche Männer. Willem Dafoe, Sean Penn, Dustin Hoffmann oder auch Ed Harris repräsentieren in der Öffentlichkeit eher das medial vermittelte männliche Schauspieler-Standard-Abziehbild zwischen Macho-Posen, Nonchalance dandy-like  oder zelebrierter Mann- und Wehrhaftigkeit. Privat intimes Weinen von very important persons gehört nicht dazu. Es räumt vielmehr mit dem Marketing-gesteuerten Hero-Bild auf. Aus solchen verstörenden Facetten setzt sich das Mosaik der Ausstellung zusammen. Das ist lustvoll und ironisch inszeniert. Nicht als Kampfansage an Männer aus einer radikalen feministischen Perspektive. Die Kuratorin Kathleen Bühler hat einen Ausstellungsparcours eingerichtet, der buchstäblich über die Nacktheit führt. Nackt gleich ungeschützt gleich schwach, dieser Gleichung nach folgte ein tradiertes Menschenbild über die Jahrhunderte, in dem die Frau als das schwache Geschlecht ihre Zuschreibung erfuhr. In der Kunst fand der weibliche Akt darin seine Verkörperung. Jetzt auch den männlichen Körper nackt und verletzlich zu zeigen, ist der programmatische Ausgangspunkt für die Entdeckung Neue Mannsbilder in der Kunst. Mannsbilder, die sich allein aus Erfolg, Leistung, Härte, Macht, Distanz, Konkurrenz und Kampf zusammensetzen, werden in der Ausstellung demaskiert. Dass damit vordergründig keiner Männlichkeitskrise das Wort geredet wird, gleichwohl das Männliche als emotionaler Schattenwurf in der Kunst ausgestellt ist, ist eine bemerkenswerte kuratorische Akzentverschiebung. Das Subjekt Mann wird in fotografischen, grafischen, malerischen Arbeiten sowie in Video-Installationen oder Skulpturen phänotypologisch seziert. Manons Installation und Performance mit sieben Männertypen Manon presents Man von 1976 steht beispielhaft für eine solche frühe Bildfindung, die das Schaufenster der Prostitution – weiblich/männlich seitenverkehrt – transformiert und Bilderwartungen bewusst unterläuft. Wie auch die Performance von VALIE EXPORT, in der sie Peter Weibel an einem Hundehalsband 1968 durch Wien führt, eine Bildumkehr vorführt. Ähnlich einer Vertauschung von Positiv und Negativ eines fotografischen Abzugs, wie es Man Ray schon in den 1920ger Jahren in seinen surrealistischen Arbeiten als programmatischen Weg vom Abbild zum Denkbild demonstriert hat, demontierte und persiflierte Cathy Joritz in einer sogenannten scratch-on animation technique einen TV-Filmausschnitt und schuf mit Negative Man (1985) das Negativ eines nur aus leeren Worthülsen bestehenden, sich selbst aber positiv verstehenden Mannes. Je länger man durch die Ausstellung geht, umso vertrauter und liebenswürdiger werden die neuen Mannsbilder, wenn sie sich ihren Schwächen nicht schämen. Tränen aus Stahl, wie Marie-Jo Lafontaine in ihrer Video-Installation Les Larmes d’acier (1987) zeigt, können dann fast versöhnlich  fließen, wenn zu den Video-Sequenzen eines Bodybuilders Maria Callas ihm mit der Mondgöttin-Arie Casta Diva aus Vincenzo Bellinis Oper Norma beschwörend zu besänftigen sucht: Mässige du die feurigen Herzen, mässige wieder den verwegenen Eifer. Luc  Andrié wiederum dechiffriert den Protagonisten Mann mit seinem eigenen Körper. Er zeigt in einer subtil feinsinnigen, mehr verbergenden als direkten Malerei seinen nackten Körper (BRUN, 2012/13) wie ein Suchbild. Die Ausstellung bekommt einen lebendigen Überschuss, wenn Besucher und Besucherinnen vor den Arbeiten von anderen im Dialog so wahrgenommen werden, als würden sie temporär eine neue Installation arrangieren. Die dieser Kritik beigefügten fotografischen Impressionen mögen davon einen Eindruck geben. Die Ausstellung ist insbesondere denen empfohlen, die nicht immer nur stark sein wollen, sollen, müssen: Schwach sein zu dürfen, kann dann als eine qualitativ neue Stärke erfahren werden. So gesehen, also allen empfohlen: Nur Mut!

photo streaming Das schwache Geschlecht

 28.10.13

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Über Peter E. Rytz Review

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