Sir Simon Rattle bringt mit Schumann und Prokofjew einen Hauch von Frühling in die Philharmonie

Ein Bild mit hoher Symbolkraft prägte das Konzert der Berliner Philharmoniker am vergangenen Sonnabend. Dem Solisten des Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op.19 von Sergej Prokofjew Daishin Kashimoto brandete mit dem in zartestem Piano verklingendem Konzert eine Begeisterungswelle entgegen, die ihn mehrmals umjubelt auf das Podium zurückholte. Als er eine Zugabe aus der Partita von Johann Sebastian Bach spielte, mischte sich Sir Simon Rattle als Zuhörer auf die Holzstufen des Podiums setzend unter sein Orchester. Schon zuvor hatte Rattle seine Freude über das wunderbare Violinspiel der Prokofjew-Sinfonie von Kashimoto nicht verhehlen können. Er zollte dem Solisten, der seit drei Jahren auch am ersten Pult der Berliner Philharmoniker überzeugt, seinen Respekt mit einer herzlichen Umarmung. Die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle: Ein Gruppenbild mit Damen und Herren. Zwischen Dirigent und Orchester, Solisten des Orchester wie Daishin Kashimoto eingeschlossen, ist über die Jahre nicht nur eine künstlerische Gemeinschaft mit einem hohen Qualitätsanspruch gewachsen. Es hat etwas darüber Hinausgehendes, Freundschaftliches, vielleicht sogar Familiäres. Nicht nur, dass Rattle nach den Schumann-Sinfonien einzelne Solo-Instrumentalisten (Oboe, Fagott, Flöte) durch auffordernde Gesten vom Pult aus ehrte. Er ging durch das Orchester zu ihnen, um ihnen die Hand zu schütteln,  und verblieb beim Schlussapplaus inmitten seines Orchester, als wollte er signalisieren: Wir sind eine (Orchester)Familie, eine musikalische Gemeinschaft. Mit diesem Selbstverständnis, das sich gewiss ist, dass man sich aufeinander verlassen kann und gemeinsam einer Leistung verpflichtet ist, die höchsten musikalischen Ansprüchen genügen, musizierten sie mit ambitioniertem Verve dieses Schumann-Prokofjew-Konzert. Robert Schumann und Sergej Prokofjew, in einem Konzertprogramm vereint, ist nicht allzu häufig zu erleben. Welche substantiellen Linien beide, die musikalischen Protagonisten, Mit-Erneuerer ihrer Jahrhunderte sind, zusammenführen, konnte man jetzt auf eine subtile Weise hören. Was sich bei Schumann an impressionistischer Farbigkeit in seiner 4.Sinfonie, die entsprechend auch als Frühlingssymphonie bezeichnet wird, andeutet, hat Prokofjew in seinem Violinkonzert als Reminiszenz an die Facetten des sogenannten Impressionismus fast 100 Jahre nach Schumann komponiert. Die im Programmheft abgedruckte Reproduktion von Ija Repins Gemälde Auf dem Feldweg, Vera Repina mit ihren Kindern von 1879 visualisiert diesen Kontext auf eine unaufgeregte, fröhlich lebensbejahende Weise. Mit einem wie aus den Höhen des gerade noch Hörbaren Pianissimo beginnend, entwickelt Prokofjews Violinkonzert einen lyrischen Sound, der flirrende Lichtschatten mit gewaltig flutenden Kaskaden von Sturm und Gewitter zusammenführt. Die damit verbundenen Wechsel Andantino und Andante assai des 1.Satzes sowie dem Vivacissimo des 2.Satzes spielte Kashimoto in überlegender Souveränität mit emotionaler Noblesse. Auch wenn an einzelnen Stellen die Souveränität technizistisch erschien (der ungemein schwierige Solopart des Konzerts mag vielleicht zwangsläufig diesen Eindruck verstärken),  gelang ihm eine Interpretation, die dem, was Prokofjew mit seiner Verehrung mit den Stil Haydn ausdrückte, vollends entsprach. Prokofjews Anspruch, auf einer ästhetischen Position zu bestehen, die sich auf den Geist der Freiheit beruft, war ein künstlerisches Bekenntnis in unruhigen Zeiten (vor der Oktoberrevolution in Russland). Heute, in anders unruhigen Zeiten (vor den nächsten Finanz- und anderen politischen Skandalen?) nahm Rattle Prokofjews Komposition als Chance, mit den Berliner Philharmoniker sowie gemeinsam mit Daishin Kashimoto zu zeigen, wie Poesie und Alltag, musikalisch raumgreifend hörbar vorgetragen, so unterschiedliche Lebensaspekten sie auch vertreten,  Konstitutive von Freiheitsperspektiven sind. Rattle dirigierte, wie auch in den Schumann-Konzerten zu beobachten war, in einem Wechsel von gestischem Minimalismus von Körper, Händen und Kopf und einem in Sekundenbruchteilen eruptiv umschlagenden, fordernden Gestus, der entschieden Akzente setzte.  In der Symphonie  Nr. 4, wo die Satzübergänge im Wesentlichen Generalpausen sind, überzeugte seine Dirigierhaltung außerordentlich. Sie war in seltener,  interpretatorischer Unbedingtheit Robert verpflichtet. Mit der Frühlingssymphonie sandte Rattle dem Publikum einen so zarten, von romantischer Grandezza durchzogenen Weckruf zu, den auch diejenigen, die sich einer Abendschläfrigkeit nach der Pause erwehren mussten, kaum versperren konnten. Simon Rattle hat inzwischen eine so suggestiv überzeugende wie inspirierende Kunst des Dirigierens und der Orchesterführung erreicht, deren Geist mit den ersten Tönen das Publikum ohne Umwege direkt erreicht. Während sich draußen der nasskalte November schon mal zeigte, entfaltete Schumanns Symphonie  Nr. 4 in der Philharmonie mit Rattles musikalischer Phantasie einen Hauch von Frühling.

04.11.13

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Über Peter E. Rytz Review

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