Entdeckende Gratwanderungen beim Jazzfest Berlin 2013

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Das ist es, was die Musik des Jazz so einzigartig macht. Pharaoh Sanders, hochbetagt, mit gebrechlichem Schritt die Bühnen betretend und dann diese musikalische Kraft. Nicht nur in der nächsten Minute sein Tenorsaxofon fest im Griff haltend, sondern ebenso seinen geschwächten Körper, blies er alle Altersgespenster mit Energie von der Bühne. Und dem Publikum beim Jazzfest Berlin am 31.Oktober 2013 ab 21:16 Uhr mit seinen endlos scheinenden melodischen Linien um die Ohren. Den Gnawa-Jazz-Voodoo-Spirit von Joachim Kühns Africa Connection mischte er mit seinen Improvisationen nicht nur auf. Er ließ sich in den Rhythmus fallen ohne umzufallen, selbst als er dabei in die Knie ging und sich dem Rhythmus hingab. Das würde ich nicht mehr schaffen, seufzte ein deutlich jüngerer Jazz-Enthusiast seinem Nachbarn zu. Von solchen fragilen und gleichzeitig sehr lebendigen Gleichgewichten war das das Jazzfest Berlin 2013 geprägt. Jugend und Alter nicht mehr als biografische Zeitmarken. Ihre Aussagekraft im gemeinsamen Musizieren zwischen Komposition und Improvisieren bedeutungslos. Allein die Kraft der Musik war der Maßstab für ein Jazz beseeltes Feeeling, das, wie von Sanders exemplarisch vorgeführt, Herz und Körper bis in die Fußspitzen bewegte. Auch wenn sich das Authentische, wie in Kühns Africa-Project zeitweise im Spektakel percussiver Vordergründigen seiner westafrikanischen Musiker verlor, triumphierten letztlich weite, kraftvolle Jazz-Lines. Bert Noglik, der im zweiten Jahr verantwortlich das Jazzfest Berlin konzipierende und moderierende Jazz-Doktor mit sächsischem Understatement hatte zwar mit Afrika einen Schwerpunkt ausgegeben, der letzten Ende aber nicht mehr als ein medialer Platzhalter für das war, worum es bei Jazz eigentlich immer geht: Die Kunst der Musik als zirkuläres, kollektiv individuelles Freispielen von Emotionen und Kognitionen zu präsentieren. Und das spannend und spannungsvoll zu organisieren, dazu hat Noglik über die Jahrzehnte sein Händchen bewiesen. In diesen Kontext passte auch die Ernst-Ludwig „Luten“ Petrowsky Jubilee. Petrowsky, 80jährig spielte ein mitternächtliches Konzert en suite in drei Aufzügen, das bis in den frühen Samstagmorgen in der Akademie der Künste ging, und keine Müdigkeit aufkommen ließ. Weder bei sich selbst und seinen wechselnden Musikern aus mehr als 50 Jahren Jazzspiel, noch bei den Zuhörern. Auch er, ähnlich wie Sanders, zwar körperlich deutlich geh-geschwächt, aber im Moment der Inbesitznahme seines Altsaxofons war von Schwäche nichts mehr zu spüren. Es war vielmehr so, dass seine Mitspieler sich anstrengen mussten, seinen improvisierten Energieschüben adäquat zu folgen. Ideen aufzunehmen, Motive zu phrasieren und zu improvisieren. Alte Weggefährten und musikalische Haudegen, wie Willi Kellers (drums) oder Christoph Winckel (b) sowie seine Weggenossen des seit fast 40 Jahren bestehenden Zentralquartetts (Uli Gumpert, piano; Conny Bauer, trombone; Günter Baby Sommer, drums) folgten Petrowsky wie in Teutschen Landen zuhause auch in andere Landstriche, die sie seit Jahrzehnten mit ihrem Jazz-Sound unnachahmlich markiert haben. In gediegener Fragilität, immer auf einem schmalen Grat zwischen Abgrund und Himmel wandelnd, immer (noch oder wieder) neugierig den nächsten Break ansteuernd. Gratwanderungen beizuwohnen, die beides miteinander zu verbinden suchten, das Gut Volkslied, ihre kulturellen Wurzeln neu offenzulegen und die in ihnen liegenden Dimensionen des Kulturellen auszuleuchten, also hörbar zu machen, ist Jazz in seiner anspruchsvollsten und damit auch unterhaltsamsten, aufklärerischsten Form von musikalischer Bildung überhaupt. Wenn man Pierre Charial beim Soundcheck beobachtete, wie er die Pfeifen seiner Drehorgel mit einem Hämmerchen in die jeweils rechte Tonhöhe brachte, liebevoll ihnen in ihrer Stimmigkeit nachlauschend, um im Konzert mit der Bassklarinette von Michael Riessler einen gemeinsamen Ton zu finden, der dem orgue de barbarie das mechanisch Barbarische belässt aber gleichzeitig Freiräume für einen Big Circle eröffnet, konnte man eine Ahnung von dem Klangreichtum bekommen, den Jazz entfalten kann. Vorgestanztes, Perforiertes zu überwinden, auch bei dem schon im Vorfeld des Jazzfestes medienwirksam omnipräsenten, jungen Trompeter Christian Scott. Als Kind einer Generation, die Selbstvermarktung genauso beherrscht wie ihr Instrument, musste offenbar eine öffentlichkeitswirksame Bezeichnung für das Neue seiner Musik her. Stretch Music, als Branding kryptisch verrätselt, fand,  dessen ungeachtet, eine begeisterte Zuhörerschaft. Inszenierte Performance am Bühnenrand Auge in Auge mit dem Publikum war Teil ihrer Publikumswirksamkeit. Scott dirigierte und kommunizierte mit seiner abgewinkelten Trompete – eine schöne Referenz an den Bebop-Heroen Dizzy Gillespie und sein Markenzeichen–, forderte seine Musiker in ungemein körperlich gestischer Zuwendung unmissverständlich auf, seinen Tonfolgen zu antworten. Ausgehend von den musikalischen New-Orleans-Erbhöfen erhebt Scott’s Stretch Music einen musik-ästhetischen und einen politischen Anspruch zusammen. Aber wie das mit Ansprüchen häufig so ist. Sie erfüllen sich nur zum Teil. In Ku Klux Police Department beispielsweise ist die politische Aussagelinie deutlich; ihre ausgeführte Jazz Line könnte auch für ein anderes Thema stehen. Und manche Hoffnungen, die von berechtigten Ansprüchen getragen werden, erfüllen sich ebenfalls nicht in Gänze. Das Konzert der Jack DeJohnette Group feat. Don Byron war so ein Beispiel, das auf merkwürdige Weise viele hoffnungsvolle Erwartungen unterlief. In Legenden, wie Jack DeJohnette, zu denen inzwischen auch der Saxofonist Don Byron gehört, der vor 30 Jahren mit seinem Auftritt beim Jazzfest Berlin seine Karriere startete, werden mit jedem Auftritt Musik-Höhenfeuer-Erwartungen projiziert, die sich auch selbst überfordern können. Nach einem eher routiniert abgespulten, zeitlich knapp getaktetem Programm, funkelte es erst in der Zugabe am Jazz-Himmel. Wenn es einem so großen Festival wie dem Jazzfest Berlin aber gelingt, auch im Kleinen zu funkeln, dann zeigt sich darin seine wahre Größe. Christian Brückners Interpretation von erotischen Gedichten von e.e.cummings und ihre jazz-phrasierende Kommentierung durch den Altsaxofonisten Christian Weidner schafften eine suggestive Aura von Tönen und Worten auf der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele. Das kleine Format Jazz & Poetry, eine leider häufig vergessene und, wie sich hier zeigte, zu Unrecht vernachlässigte Traditionslinie zeigte ihre stille Größe. Größe, die sich nicht aufgeblasen schwergewichtig gab, sondern mit der Brückner‘schen Ganzkörper-Sprechweise Text-Ton-Melodien entwickelte, die selbst schon irgendwie Jazz sind. Dass solche entdeckenden Gratwanderungen neben den üblichen Jazzfestival-Verdächtigen wie John Scofield und Terence Blanchard oder Michael Wollny und Tamar Halperin beim Jazzfest Berlin 2013 nicht nur bestehen konnten und möglich waren, sondern es viel mehr still und nachhaltig geprägt haben, wird als groß in Erinnerung bleiben.

photo streaming Jazzfest Berlin 2013

09.11.13

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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