Abstieg ins Depot, Aufstieg zu neuem Glanz – Bilder des Aufbruchs. Der Expressionismus und Lehmbruck im LehmbruckMuseum Duisburg

Karl Schmidt-Rottluff, Landschaft mit Feldern (1911) ©  Bernd Kirtz

Karl Schmidt-Rottluff, Landschaft mit Feldern (1911) © Bernd Kirtz

Überraschende Entdeckungen von Kunstsammlungen müssen nicht immer so spektakulär sein, wie die in den letzten Tagen publik gewordene in der Wohnung von Cornelius Gurlitt.  Manchmal reicht es, in Kunstmuseen in den Keller zu gehen. In den Depots liegen mehr Sammlungsbestände, als ausgestellt werden können. Und nicht selten lassen sich dabei überraschende Entdeckungen machen. Denn, und das zieht sich wie eine allgemeine Einbahnstraßenregelung durch den Kunstausstellungsbetrieb, einzelne Arbeiten schlummern in den Tiefen der Depots wie in einem tiefen Dornröschenschlaf. Im Laufe der Jahre vergessen, tauchen sie auch in den Wechselausstellungen – gar nicht zu reden von den ständigen Ausstellungen – nur vereinzelt hin und wieder auf. Mit den in letzter Zeit zu beobachtenden Wachablösungen an einzelnen Häusern in Nordrhein-Westfalen weht auch einer neuen Wind durch die Depots. Im Museum Ludwig Köln ist vor Wochen der neue Direktor Philipp Kaiser ins Depot gegangen, wurde überrascht von dem, was er dort fand. Mit großen Teilen der Fundstücke konzipierte er die ständige Ausstellung neu. Unter der Hand ist damit ins öffentliche Bewusstsein gerückt, dass jede sich im Kunstmuseum befindende Arbeit (durch Ankauf, Schenkung, Nachlassübernahme) dauerhaft dort ist (wenn durch kommunale Finanznot ausgelöst, laut über einen möglichen Verkauf von Kunstwerken aus öffentlichen Sammlungen nachgedacht wird, erhebt sich ein lauter Proteststurm!). Konsequent hat Kaiser diesen Umstand mit der Bezeichnung Not Yet Titled öffentlich gemacht und im Untertitel mit Neu und für immer die Kunst-Potential-Vergewisserung verstärkt. Das Neue kann auch das Alte sein; neu entdeckt im Depot. In Duisburg stehen die Zeichen ähnlich auf Umbruch. Zeitgleich mit dem Neuanfang im LehmbruckMuseum unter der Leitung von Dr. Söke Dinkla hat auch Thomas Krützberg seine Arbeit als Kulturdezernent aufgenommen. Man muss nicht die Mär von den neuen Besen, die besser kehren, bemühen. Es ist eine allgemeine Erfahrung, die in jedem Alltag zu machen ist. Neues in alten Kontexten zu entdecken, hat dann gute Chancen, wenn die täglichen Blickroutinen noch nicht zu verkürzten, eingeschränkten Wahrnehmungen geführt haben. Söke Dinkla hat sich ebenfalls ins Depot aufgemacht. Als sie wieder heraus gekommen war, hatte sie Bilder des Aufbruchs unter dem Arm. Ans Tageslicht kamen wichtige Sammlungsbestände aus den Anfangsjahren des bürgerlichen Museumsvereins, dem Vorläufer des LehmbruckMuseums. Neben den Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck auch grafische Blätter und Malereien von ihm – und bedeutende Werke des Expressionismus. In den 1950ger Jahren durch großzügige Stiftungen erweitert, verfügt das Museum, wie in der jetzt eröffneten Ausstellung Bilder des Aufbruchs. Der Expressionismus und Lehmbruck (noch bis zum 09.02.2013) zu sehen, über eine exquisite Expressionismussammlung. Brücke-Künstler, wie Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner oder Erich Heckel sowie Vertreter der Künstlergruppe Blaue Reiter wie Franz Marc, August Macke oder Alexej von Jawlensky, die bis dahin vornehmlich als Leihgaben in prominenten Ausstellungen als Fixsterne der Avantgarde des 20.Jahrhunderts leuchteten, strahlen jetzt von ihrem Heimatstandort LehmbruckMuseum in die Stadt Duisburg und weit darüber hinaus. Im Dialog mit Wilhelm Lehmbrucks grafischen und malerischen Arbeiten, wie beispielsweise Drei Frauen (1914) mit Kirchners Mädchen auf Fehmarn (1913), wird die Ausstellung zur Folie für bisher in der Kunstgeschichte weniger beachteten Kontexte. Schon allein die Ergänzung des Bildhauers Lehmbruck durch den Maler und Grafiker ist eine wichtige Detailverschiebung in der Außenwahrnehmung des LehmbruckMuseums insgesamt. So wird der Ausstellungsrundgang zu einer Wiederentdeckung eines künstlerisch qualitativ wertvollen Bestandes, der von einem neuen Duisburger Selbstbewusstsein zeugt. Gleichzeitig zeigt man in der Ausstellungslandschaft von Nordrhein-Westfalen Flagge. In Bilder des Aufbruchs. Der Expressionismus und Lehmbruck begegnen sich auf Augenhöhe Ausstellungen wie Berliner Impressionismus – Werke der Berliner Secession im Käthe-Kollwitz-Museum Köln oder HAIR! Das Haar in der Kunst in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen oder in der vor wenigen Tagen eröffneten 1914. Die Avantgarden im Kampf in der Bundeskunsthalle in Bonn. Eine solche Ausstellungskorrespondenz erzählt viel über die Ausstellungskultur in diesem Land – und ermöglicht kommunikative Fortsetzungen. Das meint: Von den Bildern des Aufbruchs in Duisburg aufzubrechen, um sie mit Werken in anderen Ausstellungen zu ergänzen. Wenn von einer Ausstellung solche Weiter-Impulse ausgehen, hat sie viel erreicht. Im LehmbruckMuseum kann man das jetzt erfahren.

12.11.13

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Über Peter E. Rytz Review

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