Geöffnete Türen erzählen – Sehnsucht Persien im museum rietberg Zürich

Europäische Dame mit Weinglas ‘Aliqoli Jebadar (tätig 1657–1716?)  © Privatsammlung Iran, datiert September 1674

Europäische Dame mit Weinglas
‘Aliqoli Jebadar (tätig 1657–1716?) © Privatsammlung
Iran, datiert September 1674

Wer die Sonderausstellungen des museums rietberg Zürich besucht, muss in das Untergeschoß des Erweiterungsbaus hinabsteigen. Von der Architektengemeinschaft Grazioli + Krischanitz (Berlin/Wien) entworfen, führt er die Besucher durch Hochgewölbte Blätterkronen, Baldachine von Smaragd  – eine Gedichtzeile aus dem Gedicht Im Treibhaus von Mathilde Wesendonck assoziierend – nach unten in jedes Mal wieder neu überraschende Ausstellungswelten. Häufig in verlorene Traumwelten Lost in Translation, die sich aber bei genauerer Betrachtung als Lebenswelten entpuppen.
Eben schweifte der Blick noch vom Rietbergpark über den Zürichsee hinüber zur Alpenkette, wird er in der Ausstellung Sehnsucht Persien (noch bis 12.Januar 2014) von einer märchenhaften 1001-Nacht-Welt verzaubert. Denkt man heute an Iran, das vormalige Persien, fallen einem zuerst Atomrüstung, das muslimische Scharia-Tötungs-Recht und Terrorismusgefahr ein. Oder Bilder aus der näheren Vergangenheit, die das glamouröse Leben des letzten Monarchen, des Schahs Mohammed Reza Pahlewi von Persien und der Kaiserin Soraya in der Yellow Press zelebrierten. Weiterhin haben sich die Bilder des Protests gegen den Besuch des Schahs 1967 in Berlin eingeprägt, an dessen Ende der Student Benno Ohnesorg tot auf der Straße lag. Spätestens mit dem Sturz der Monarchie und der Errichtung der Islamischen Republik Iran 1979 ist das öffentlich wahrgenommene Bild von einem märchenhaften Zauberreich Persien endgültig untergegangen.
Sehnsucht Persien geht in die Geschichte weit zurück. Sie folgt kulturellen Pfaden des 17.Jahrhunderts und führt zu Quellen, aus denen sich im Dialog zwischen Persien und Europa vielfältige Anregungen für Kunst, Kultur und Handwerk speisen. Mit welchem Respekt, Staunen und Aufmerksamkeit man sich auf Augenhöhe begegnet und welche Folgen das für das eigene kulturelle Selbstverständnis hatte, davon erzählt die von Axel Langer und Susann Wintsch kuratierte Ausstellung. Sie entgeht dabei der Gefahr, sich in Schönheit zu verklären,  indem sie die Gemälde, Radierungen und Stoffe (Kleidungsstücke, Teppiche, Bucheinbände) aus dem 17.Jahrhundert mit Gegenwartskunst aus Teheran konfrontiert.
Dem Besucher stellen sich in Sehnsucht Persien mit diesen künstlerischen Positionen Gegenwartsreflexionen in den Weg, die allein einer Sehnsucht, die in der Ausstellung nach dem ästhetisch Schönen, dem Reinen und Glänzenden sucht, ständig hartnäckig unterlaufen. Am Beginn der Ausstellung bezeugen das Gemälde Mann in orientalischen Kostüm (1632) vom Rembrandt oder seine Radierung Drei orientalische Figuren (1641) einen Exotismus in den Niederlanden der Frühen Neuzeit (so eine Kapitelüberschrift  im Katalog, der mit wissenschaftlicher Akribie den Dialog der Kulturen seziert und einordnet, aber gleichzeitig auch mit einer erzählerischen Grundierung eine anregende Lesbarkeit schafft).
Auf der Gegenseite sind die europäischen Einflüsse in der persischen Malerei um 1600 in wertvollen Arbeiten mit Pigment und Gold auf Papier wie Junger Europäer oder Junger Mann in europäischer Kleidung (der Tradition entsprechend häufig von namenlos gebliebenen, persischen Künstlern ausgeführt) unübersehbar. Insbesondere wird die Aktdarstellung – ein bis dahin tabuisierter Gegenstand – nach der sogenannten klassischen Periode im 16.Jahrhundert  in der persischen Kunst zu einem neu entdeckten Genre (Liegende junge Frau nach dem Bad; Liegender Akt; alle um 1590).  Ein Beispiel dafür, welche Türen sich durch den europäisch-persischen Kontakt infolge politischer und wirtschaftlicher Annäherungen auch für die Kunst öffneten. Das jeweils Fremde als Katalysator für neue Wahrnehmungsperspektiven.
Die darin liegenden Chancen, dem Fremden das Eigene abzulauschen, führen allerdings nicht selten gleichzeitig auch zu Ängsten; ob berechtigt oder phantasiert, sei dahin gestellt. Die Folge sind Misstrauen, Abgrenzung oder sogar der Aufruf zum Kampf, gegen das Andere als dem generell Bösen. Arbeiten iranischer Gegenwartskünstler machen solche Widersprüchlichkeiten zum Thema: I can’t get no sleep. Ähnlich gewaltig aufragend einer antiken Tempelmauer aus Steinquadern hat Mandana Moghaddam mit Wailing Wall (2013) eine Betonmauer, mit Stacheldraht bekrönt, in brutalem Kontrast zu sehnsüchtigem Sehnsuchtsschwelgen in die Ausstellung gestellt. Sie ist einerseits Klagemauer (auf dieser Seite stecken farbige, gerollte oder gefaltete Papier in den Betonritzen) und andererseits Sperranlage (an jener Mauerseite hängen Haarbüschel) zugleich. Eine skulpturale Sehnsuchts-Anordnung im öffentlichen Raum, die niemand unberührt lässt: Machtpolitische und humanistische Sehnsüchte ineinander verkrallt.
In Root Canal (2013), der 1980 in Teheran geborenen Video-Künstlerin Samira Eskandarfar lässt sie den Großvater zu seiner Enkelin sagen: Schlaf nicht so viel! Später kannst Du noch genug schlafen – ohne aufzuwachen. In Form eines intimen Kammerspiels inszeniert sie große Lebensthemen einer männerdominierten, muslimischen Welt. Sinnbilder, aufgeladen mit angstvollen, tranceartigen Wahrnehmungen, sagen viel über den spezifischen Zustands der heutigen Gesellschaft im Iran aus, wie die Skulpturen Fabrications (2012) von Nazgol Ansarina mit einem illusionistischen Trick monumentalistisch festgemauert erscheinende Strukturen des Öffentlichen untergraben. Durchgetrennte Gebrauchsgegenstände (pink matress; grey chair; plates; Ansarina  bezeichnet diese Serie von Arbeiten mit Mendings: Gegenstände, aus deren Mittelachse sie ein Stück entfernt hat), in ihrer gehabten Ganzheit geschrumpft und reduziert, wieder zusammengefügt, sind nicht mehr so, wie bis dahin gewohnt, zu gebrauchen.
Wieder im Rietbergpark zurückgekehrt, aus den Tiefen der Sehnsucht Persien dem Tageslicht zublinzelnd, hat die Sehnsucht ein doppeltes Gesicht bekommen. Vergangenheit in mildem, wohlmeinendem Licht zu träumen, die Gegenwart mit falschen Sehnsüchten zu schönen. Beides eine Sehnsuchts-Sackgasse. Mit Sehnsucht Persien zurück in der Stadt leuchten die Sterne an diesem herbstlichen Abendhimmel irgendwie heller.

 26.11.13

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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