Das Ganze war halt eine Farce – Der Rosenkavalier im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Letzte Aufführung von Der Rosenkavalier im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen – und alles gut? Die von Philipp Harnoncourt als Farce inszenierte Komödie für Musik in 3 Aufzügen von Richard Strauss mit einem Libretto von Hugo von Hofmannsthal verglühte im Schlussbild in einem rotgoldenen Bühnenlicht. Das Ganze war halt eine Farce und weiter nichts, resigniert im 3.Akt ernüchtert die Marschallin (Petra Schmidt, Sopran). Bei ihr vermisste man insbesondere in den Anfangsszenen eine überzeugende Gestaltungskraft; auffällig deutlich suchte sie mit fast jedem Stimmeinsatz den Augenkontakt mit dem Dirigenten Rasmus Baumann.

Auch für Sophie schien es keine Zukunft mit Octavian zu geben. Alfia Kamalova setzte in der Rolle der Sophie mit ihrem auch in den Spitzentönen stabilen Koloratursopran deutliche Zäsuren. Umso verstörender ihre Kostümierung mit Plisseerock, Kniestrümpfe, Brille und Schärpe, die der Glaubwürdigkeit ihres Liebessehnsuchtsverlangens merkwürdig im Wege stand.

Der problematischen Hosenrolle des Octavian versuchte die Mezzosopranistin Nadja Stefanoff spielerisch und sängerisch mit einer ironischen Doppelbödigkeit bei zu kommen. Ihre Verkleidungen beförderten allerdings mehr ein beliebiges Bäumchen-wechsle-Dich-Spiel als das sie Rollenklischees konterkarieren konnten.

Dass die Aufführung an diesem Abend insgesamt keinen Drive bekam, das Publikum nach den Akt-Pausen nur langsam zur Ruhe fand (erst durch Baumanns Spielauftakte mit dem Orchester Neue Philharmonie Westfalen bekamen einige Opernbesucher mit, dass es weitergeht!),  mag auch damit zusammengehangen haben, dass die Angestellten NRW.Straße den Opernbesuch mit der Feier ihrer Dienstjubiläen verbunden hatten und sich einige von ihnen vom Sektglas und dem Büffet nicht rechtzeitig trennen konnten.

Davon abgesehen, blieb Harnoncourts Rosenkavalier-Perspektive in vielen Teilen vage und unbestimmt. Die Liebe der Marschallin und Octavian, die dazu verdammt ist, wegzualtern, hat per se etwas Tragisches. Bei ihrer Selbstzerstörung nicht voyeuristisch sondern selbstbezüglich zuzuschauen, ist mit jeder Rosenkavalier-Inszenierung eine Herausforderung für den Regisseur und das Opernpublikum gleichermaßen. Anders als das Sprichwort von der Liebe, der es gefällt, wo sie gerade hinfällt, fällt sie manchmal noch schneller hochfliegende Blütenträume wie dürre Äste von den Bäumen.

Jedem, auch dem mit der Partitur nicht so vertrauten Opernbesucher, wurden die Augen geöffnet, dass Der Rosenkavalier nicht allein im Rokoko sondern auch im Hier und Jetzt zuhause ist. Er trifft ein modernes Zeitgefühl mitten ins jubelnde Herz. Umfassende Gesundheitsvorsorge, relativ gesicherte Lebensverhältnisse, sportive und kulturelle Teilhabe sind Aspekte, die das Älterwerden immer mehr nach hinten verschoben haben. Aber es kommt und erreicht jeden irgendwann: Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding…. sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie.

Die Zeit heilt offensichtlich aber nicht alle Wunden, wie jeder weiß. Sie eilt weiter und verändert, beeinflusst subtil, mitunter kaum merkbar über Generationen gewachsene Standards von Liebesbeziehungen. Und mit ihnen das Beiwerk, die Ingredienzien, die Umgangsformen. So wie der Kavalier als Ehrenmann im Knigge-Historienkabinett verstaubt, wie das Brautwerbungsgeschenk Rose nur eine Strauss’sche Fiktion ist, so haftet der Bezeichnung Farce (der Duden nennt Synonyme wie Burleske, Klamotte, Posse und  Schwank) etwas Unklares, Nicht-Eindeutiges an.

Und von allem ein bisschen hat die Inszenierung. Sie ist ein aus drei unterschiedlichen Bühnenbildern zusammengesetzter Komödien-Mix, der sich szenisch in einem jahrmarktsbunten Panoptikum verliert. Die Bühne mit Requisiten aus mehr als 100 Jahren wienerischer Seligkeit vollgestellt, buntes Volk in Kostümen von kraftmeiernden Mannsbildern in Jägerverkleidung bis servil agilen Huren bebildern opulent die Szenerie.

Der Bassist Michael Tews gab einen Baron Ochs auf Lerchenau als Schützenfest-Jäger in der lächerlichen Pose eines sich als unwiderstehlich gebenden Liebhabers aus Gottes adligem Gnaden eine Stimme, die phasenweise Mühe hatte, die adäquate Tonfarbe zwischen Liebeswerben im  Macho-Gestus und dem Gönnerhaften seines von ihm beanspruchten höheren Standes differenziert zu treffen.

Die über die Bühne wimmelnde Statisterie versperrte auf Dauer den Opern-Durchblick. Eine Entrümplung der Bühne inklusive der umfangreichen Personage, die von Strauss/von Hofmannsthal zwar als stumme Rollen in der Vorlage zur Oper genannt, für  die Musikalität der Inszenierungen aber nicht unbedingt zwingend sind (Frisör, Flötist, verschiedene verdächtige Gestalten und einen kleinen Neger), hätte klarere Sichtverhältnisse geschaffen (Bühne und Kostüme: Renate Martin).

Harnoncourt setzte offenbar in die personelle Vollständigkeit seinen besonderen Ehrgeiz. In der Figur des kleinen Negers,  obgleich nicht frei von möglichen Missverständnissen, schieden sich aber die Geister dieser Inszenierung. Barfüßig in einem legeren Ausgehanzug geisterte er als dunkelhäutiger Servicemann Mohammed (Gavarni Unyihoreze) durch sie. Mal als technischer Assistent, die Demontage des Liebesnests von Marschallin und Octavian im 1.Akt absichernd, mal als Kellner für Erfrischungen sorgend, mal als bedeutungsschwangerer Bühnenbeobachter.

Ein serviceorientierter, servicetauglicher Platzhalter, der der Gesellschaft, die sich gern als interkulturell loyal aufgeklärt gibt und in der sich trotzdem in speziellen Diener-Holzfiguren, die manche Antiquitätsgeschäfte noch immer mit einem exotischen Flair versorgen, eine Rest-Negerlein-Sichtweise erhalten hat, den Spiegel vorhält?

Am Ende der Oper senkte sich der Deckel im Theaterboden über das weitere Schicksal von Sophie und Octavian. Verschlossen von Mohammed, der von Anfang an mithalf, die Farce Der Rosenkavalier zu demontieren und zu demaskieren. Eine feine Pointe, die ein Schlüssel für die Inszenierung von Philipp Harnoncourt – trotz alledem – sein könnte.

30.11.13

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Über Peter E. Rytz Review

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