Werthers Träume, von Charlotte nicht verwertet – Werther von Jules Massenet im Musiktheater-Aalto Essen

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Und dann schneite es. Draußen fegte der erste Wintersturm die Opernbesucher – einige ziemlich  durchnässt – ins Musiktheater-Aalto Essen. Drinnen ging Charlotte der Blutspur Werthers im Schnee nach. Als alles zu spät war, erkannte und bekannte auch Charlotte ihre Liebe zu Werther, wie er sie ihr bis dahin vergeblich versichert hatte. Pflichterfüllung, formuliert von einer bürgerlich streng etikettierten Anstandsmoral, vor Liebesglück war ihr Schicksal und infolge derer letztlich auch Werthers tödliche Verzweiflungstat mündete. Die Leiden des jungen Werthers, Goethes Briefroman, 1774 veröffentlicht, wurde zu einem der am meisten gelesenen Romane des Sturm und Drang. Im Werther hat sich Goethe selbst seine unerfüllt gebliebenen Liebeshoffnungen zu Charlotte Buff aus Wetzlar von der Seele geschrieben. Ein träumender Natur- und Freigeist trifft auf eine schöne Frau mit noch schöneren Augen. Nur noch Liebe, Liebe zu stammeln, ist ihm von der ersten Begegnung an möglich. Aber Charlotte fühlt sich an ein Pflichtversprechen am Sterbebett ihrer Mutter gebunden, den verlässlichen, verlobten Albert (Bariton Heiko Trinsinger) zu heiraten. So konnte nicht zusammen kommen, was die Natur und der Himmel, oder auch beide zugleich, zusammenführen sollte. So nahm die Katastrophe ihren Lauf. Am Ende verblutete Werther in der Inszenierung von Carlos Wagner im Schnee. Von Charlotte spät aber doch noch nicht zu spät gefunden, als dass sie sich nun nicht doch noch ihre Liebe füreinander bekennen konnten. Aber nach diesem kurzen Moment der Bekenntnisse ist Schluss. Der Vorhang ist gefallen.

Von Anfang an fanden Die Leiden des jungen Werthers eine widersprüchliche Aufnahme in der Öffentlichkeit. Einerseits kategorische Ablehnung als unchristliches und unsittliches Pamphlet (Lavater nannte es eine verfluchungswürdige Schrift). Bei jugendlichen Lesern wurden sie dagegen zu einem Bestseller mit Kultstatus. Werther wurde zu einer modischen Stilikone. Man gab sich Werther in Stoff und Haltung modern, aufgeklärt, jugendbewusst. Im sehr lesenswerten Programmheft nennt der Dramaturg der Inszenierung Alexander Meier-Dörzenbach Werther als erste Pop-Ikone avant la lettre.

Goethes  avancierte, literarische Vorlage rief umgehend auch Komponisten auf den Plan. Von den Opernvorlagen konnte sich letztlich nur Jules Massenets drame lyrique Werther durchsetzten. Um 1900 gewann sie eine ungeheure Popularität (an der Pariser Opéra-Comique sind mehr als 1.000 Aufführungen belegt!).

Die romantisch-tragische Oper Werther gehört zwar zum Standardrepertoire der internationalen Opern-Spielpläne. Trotzdem macht sie sich mitunter auf deutschen  Bühnen rar. Der neue Intendant des Musiktheater-Aalto Essen seit der Spielzeit 2013/14 Hein Mulders hat sich sicher nicht für Werther als Oper für die passende Jahreszeit entschieden. Dass sie eine Dezember-Weihnachts-Oper per se ist, liegt an der jahreszeitlichen Vorgabe des Textes. Wurde mit der sommerlichen Gesangsprobe eines Weihnachtsliedes der Kinder im Hause des Amtsmanns Le Bailli (der Bassist Tijl Faveyts sang mit nobler Grundierung) Noel noch hoffnungsvoll beschworen, begleitete die frohe Weihnachtsbotschaft aus dem Mund der Kinder von fern am Ende Werthers Tod. Von daher, sollte man meinen, passt die Oper in die winterliche Zeit. Das Opernpublikum sah das an diesem Abend offenbar anders. In der zweiten Aufführung nach der Premiere vor wenigen Tagen, war der Zuschauerraum im Musiktheater-Aalto Essen nur spärlich besetzt. Wenn auch nicht auszuschließen ist, dass aufgrund der ungemütlichen Wettersituation einige Opernbesucher sich den Weg in die Oper versagt haben mögen, bleibt die Frage: Warum?

Massenets Oper liegt ein eklektizistisches Libretto verschiedener Handschriften zugrunde. Es  erzählt die Handlung in narrativen Versatzstücken, die als szenische Bruchsteine in einem Mosaik nicht ganz einfach zusammenzusetzen sind, um der inneren Werther-Logik habhaft zu werden. Massenets Komposition folgt diesem wenig eleganten Erzählstil. Das Ergebnis sind wunderschöne Arien und Duette. Aber dazwischen gibt es immer wieder musikalischen Leerlauf. Die Musik kommt irgendwie nicht richtig in Fahrt. Diesem Dilemma kann auch die Inszenierung in Essen nicht entkommen. Sébastian Rouland am Pult der Essener Philharmoniker dirigierte mit sichtbarem Körpereinsatz sowie musikalischem Spürsinn für die feinen Nuancen der Partitur. Allein es blieb der Eindruck, dass die Komposition musikalisch nicht durchgängig durchlässig ist. Möglich, dass der kundige Opernbesucher mit Jules Massenets Werther disparate Erfahrungen gemacht hat und er sich deshalb in souveräner Auswahl nicht für diese Oper entscheiden mag. Was er allerdings an solistischen Glanzleistungen in dieser Inszenierung verpasst hat, kann er sich nur erzählen lassen.

Carlos Wagner hat zusammen mit Frank Philipp Schlößmann (Bühne und Kostüme) einen schlüssigen und überzeugenden Spielraum für die Träume und Alpträume von Werther und Charlotte entworfen. In frontaler Sicht auf das Wohnzimmer über die Treppe zum Dachboden funktionierte die Bühne wie eine Laterna magica. Variable Schiebewände schufen Natur-Durchsichten, die sich in den ersten Akten zu einem Drinnen-Draußen-Mobile als grafisches Abbild von Liebes-Welt-Traum und Pflicht-Schuld-Mahnung verschränkten. Im letzten Bild entfiel die Verschränkungsmetapher der Hoffnung auf gemeinsames Leben und Lieben. Mit dem nach und nach alles zudeckendem Schneefall verlor sie ihre Symbolkraft angesichts des Endgültigen.

In diesem Arrangement leisteten die Sänger Großartiges. Allen voran Abdellah Lasri als Werther. Er verkörpert den Typ Heldentenor eher in defensiver Gelassenheit. Um dann umso mehr präsent zu sein, wenn es darauf ankommt. Die Mezzosopranistin Michaela Selinger gestaltete die innere Zerrissenheit von Charlotte mit gefühlvoll abgestimmtem Timbre. Für die immer wieder aufkeimenden Gefühlsregungen zwischen Pflicht und Kür fand sie eine einfühlsame,  lyrische Stimmigkeit. Ob im Mondschein-Motiv mit Werther oder in vertrauensvoller Hinwendung zu ihrer jüngeren Schwester Sophie (die mädchenhafte, zierliche Sopranistin Christina Clark war der stimmlichen und optischen Präsenz von Lasri und Selinger an manchen Stellen unterlegen, ohne dass sie dafür als Sängerin allein verantwortlich zu machen ist. Die Partitur gibt der Sophie wenig musikalischen Gestaltungsraum.)

Charlotte hatte Werther nach seiner Rückkehr noch begrüßt mit: Es ist alles wie immer! Aber zuletzt wurde ihnen schmerzlich bewusst, dass ihre Wahrnehmungen respektive die Schlussfolgerungen daraus zerstörerisch waren. Der Herbststurm hatte nicht nur das Wohnzimmer mit Laub gefüllt, auch ein Baum lag umgestürzt seitdem im Zimmer. Übersehen, wie der viel zitierte Balken im eigenen Auge.

Goethe hat als alter Mann in seinem Tagebuch nach dem unbeantworteten Antrag an die Jahrzehnte jüngere Ulrike von Levetzow notiert, dass er konziliante Träume gehabt habe und der alte Werther noch einmal in ihm wachgeworden sei. Massenets Werther hatte keine Chance, sich im Alter seinen unerfüllt gebliebenen Liebeshoffnungen in jungen Jahren mild und nachsichtig zu erinnern.

  06.12.13

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Über Peter E. Rytz Review

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